Mäh Ling (Geschichten aus Shanghai)

Literatur, Romanausschnitte |

Heuer im August hatte ich eine philosophische Gastprofessur an der Fudan-Universität in Shanghai. Zusammen mit einem deutschen und einem österreichischen Kollegen und mit dem Besten, was “unsere” Geschichte des Geistes zu bieten hat – Kant, Fichte und Hegel – im Gepäck sind wir für zwei Wochen in die fremde, exotische Welt Shanghais eingetaucht. Wir haben mit den Chinesen über Freiheit, den Staat und den Einzelnen, über Selbstbewusstsein, Recht und Moral diskutiert. Dabei haben wir fast noch mehr über uns gelernt als über China. Ich habe ein kleines Buch mit Geschichten aus Shanghai über unsere Zeit dort geschrieben, lose Episoden des skurrilen, lustigen, tiefsinnigen Zusammentreffens des alten Europas mit dem hypermodernen China. Hier ein Auszug, eine romantische Geschichte mit dem Titel Mäh Ling, die am staatlichen chinesischen Valentinstag spielt.

Hier wird es viel früher dunkel als bei uns. Es dämmert schon, als wir uns am frühen Abend zum Campus begeben. Wir wollten im Hotel noch gemütlich was essen, haben aber den Fehler begangen, Burger vom Western Menu zu bestellen. Während die Kellner eine heißdampfende chinesische Spezialität nach der anderen – eine sah besser aus als die andere – an die Nebentische gebracht haben und unsere chinesischen Mitgäste genüsslich zu schlürfen begonnen hatten, wurden wir immer hungriger und wegen der fortschreitenden Zeit immer nervöser. Wir waren vorgestern schon einmal zu spät, weil wir uns verlaufen hatten, dreimal die falschen Treppen in den fünften Stock hoch und wieder runter, die Hemden komplett durchgeschwitzt, Oberschenkel und Waden schon leicht am Krampfen. Uns kam dann – ebenfalls sichtlich verschwitzt – der sympathische Feiste vom ersten Lunch entgegengelaufen, höflich, aber auf eine verbindliche Art und Weise beunruhigt. Da wir nicht wissen, wie sehr man die Geduld der Chinesen mit Unpünktlichkeit strapazieren darf, haben wir uns den Burger, auf den wir 10 Minuten vor Beginn der abendlichen group discussions immer noch warteten, schnell einpacken lassen. Auch das dauerte fünf Minuten, doch dann konnten wir mit den Paketchen, kleine Crown-Plaza-Schuhtüten, darin fein sauber aufgestapelt eine Plastikbox mit Burger, eine Plastikbox mit Pommes und eine um sich gedrehte und zusammengeknotete Frischhaltefolie mit Ketchup, schnellen Schrittes hinaus in die Abenddämmerung. Wir hetzen, aber immer mal meine ich so einen Hauch eines Lüftchens zu vernehmen, dem aber stets die nasse Wärmepeitsche folgt. Am Eingang des Campus, der bewacht ist wie die amerikanische Botschaft in München, werden wir eingehend kontrolliert, ein uniformierter kleiner Mann beäugt kritisch unsere Summer-School-Pässe (schön mit Logo, Namen, LMU auf deutsch und chinesisch, aber ohne Titel!). Währenddessen fahren immer wieder Mopedfahrer vor, die am Tor abgewiesen werden und beim Wendemanöver fast chinesische Studentinnen von ihren Fahrrädern schmeißen. Als wir endlich vor dem richtigen Gebäude angekommen sind, kommt uns wieder einer aufgeregt entgegen. Er schleust uns schnell durch das Hauptgebäude, in den Aufzug zum 24. Stock. Mir fällt zum wiederholten Male auf, dass die Chinesen, sobald im Aufzug einer zu- oder ausgestiegen ist, immer sofort den Tür-zu-Knopf drücken. Die haben offenbar keine Zeit zu verlieren – kein Wunder, wenn man die ganze Welt erobern will. Die Anspannung ist greifbar, sie schlägt fast eine Schneise in die abgestanden-schwülheiße Aufzugsluft zwischen uns, aber als unser Begleiter merkt, dass wir unser Abendessen noch mit rumschleppen, wird er sofort wieder hilfsbereit. Auf seinen Vorschlag hin winken wir mal kurz in unsere Gruppenräume, in denen die Diskussion sofort andächtig verstummt, und dürfen dann zunächst in einem unklimatisierten Nebenraum unser Abendessen zu uns nehmen, indes unsere Gruppen erst einmal unmoderiert diskutieren. Als der beißende Burgergeruch den Raum erfüllt, komme ich mir richtig schäbig vor. Ich kann mich für einen kurzen Moment in die anderen hineinversetzen und mir vorstellen, wie abstoßend es wirken muss, sich mit den Händen so ein riesiges, strengriechendes Gesuppe aus Fleisch, angeweichtem Brötchen und undefinierter süßlicher Soße reinzuziehen. Aber dann schmeckts halt auch irgendwie leider geil und der Gedanke verfließt. Als ich dann, nassgeschwitzt und mit vollgesifften Händen zu meiner Gruppe stoße, verstummt wieder alles. Ein Student steht auf und wischt mir mit einem Tuch einen Stuhl und die Tischplatte vor dem Stuhl sauber. Er bietet mir, so höflich wie bestimmend, den Platz zu seiner rechten an. Ich weiß im Grunde gar nicht, was ich hier machen soll, habe entweder nicht aufgepasst beim ersten Lunch, als das womöglich besprochen wurde, oder es wurde nicht besprochen, sehe aber, dass sich jetzt erstmal keiner mehr traut was zu sagen. Kurz überlege ich, ob ich einfach mal warte und schaue, wie lang sich das durchhält, wechsle dann aber sofort in den Professorenmodus. Die meisten scheinen mich nicht oder nur halb zu verstehen und eine Studentin drückt mir ihr Handy in die Hand. Ich weiß erst gar nicht, was sie will, sehe aber dann, dass da ein paar Fragen zu Kant formuliert sind. Wir einigen uns darauf, dass die Studenten das erst mal unter sich auf Chinesisch diskutieren und ich dann die Diskussionsergebnisse bewerte und auf Zuruf erklärend eingreife. So beginnt eine zögerliche Diskussion, höflich, zurückhaltend und respektvoll. Da ich eh nichts verstehe, drehe ich noch eine Runde durch das Gebäude. Ich luge kurz in die anderen Diskussionsräume, in denen meine Kollegen andächtig über Kant dozieren. Außer uns scheint auf dem Stockwerk niemand mehr zu sein. Ich komme an einer Konfuzius-Büste vorbei und an einer Büste von Karl Marx, entscheide mich nach kurzem Überlegen jeweils gegen ein Selfie. Schließlich finde ich noch eine Gelegenheit, meine Hände zu waschen. Als ich zurück zu meiner Gruppe komme, ist eine hitzige Diskussion im Gang. Die Tonlage geht rauf und runter, das Tempo wechselt sekündlich und alles Gesagte ist getragen von zischenden Sch-Lauten. Mich bemerkt gerade niemand so recht und ich nutze die Gelegenheit, der Sprache nachzuhören. Ab und zu höre einen Hä-gäl raus und ich werde den Eindruck nicht los, dass die den Kant Kanto nennen – was ich ziemlich gut finde. Vielleicht ist auch ein Schelling dabei, aber das könnte auch Schhh Ling heißen. Ich weiß es nicht. Das ist eine schöne Sprache, abwechslungsreicher, melodischer als unsere, ein richtiger Flow, und ich erwische mich dabei, an Stellen, die gut klingen, bestätigend zu nicken und, wenn einer viel zischt, eher skeptisch zu schauen. Vielleicht bin ich ja voll dabei. Manchmal klatschen die, wenn einer fertig ist. Das haben die bei unserer Vorstellung am ersten Tag auch schon immer gemacht, aber im Rahmen einer normalen Diskussion finde ich das schon super. Ich will nicht unterbrechen, aber als mal kurz Pause ist, grätsche ich rein und stelle wieder auf Englisch um. Ein nervöser kleiner Kerl mit riesiger Kastenbrille meldet sich und stellt eine Frage zu Kant, die er in den Lectures am Tag schon zweimal gestellt hat. Er kritisiert Kants These, dass die Welt der Erscheinungen komplett von Naturgesetzen determiniert ist und er möchte, darauf fußend, einen anderen Freiheitsbegriff entwerfen. Es geht also ans Eingemachte. Ich will ihn erst ein bisschen abbügeln, aber im zweiten Anlauf lasse ich mich auf seine These ein, richte mich an alle und wir entwickeln gemeinsamen einen Fünf-Punkte-Plan zur Wiederlegung Kants und zur Entwicklung eines alternativen Freiheitsbegriffs. Jetzt habe ich sie und wir sind, kultur- und sprachenübergreifend, in einem philosophischen Seminar. Zum ersten Mal, seit ich hier bin, blitzt Ironie in den Augen einiger Chinesen auf, ein bisschen habe ich den Eindruck, dass sie für den kurzen Moment ihre Hülle distanzierender Höflichkeit haben fallen lassen. Eine bildhübsche Chinesen zu meiner linken schiebt mir derweil mit einem freundlichen Lächeln eine Box mit Taschentüchern hin, auf der lauter bunte Ziegen abgebildet sind. Ich weiß erst nicht, was sie will, sehe aber dann, dass mir der Schweiß schon vom Kinn auf den frisch gewischten Tisch vor mir tropft. Ich wische drüber und gebe dem jetzt breit grinsenden Brillenmann die Empfehlung, ein Buch drüber zu schreiben. Mit der Dame zu meiner rechten diskutiere ich noch kurz über Hegel und Marx und wir einigen uns darauf, dass sich das Festhalten an institutionalisierter Objektivität und der Geist der Revolution ja nicht unbedingt ausschließen müssen. Zum Ende hin möchten sich noch alle bei mir vorstellen. Ich kann mir da freilich nichts merken, nicke aber jede einzelne höflich ab. Dann machen wir noch ein Gruppenfoto, auf dem alle ein Peace-Zeichen machen. Ich schließe mich an. Wahrscheinlich bedeutet das in China sonst was. Als wir zusammenpacken, erzählen sie mir noch, dass heute National Chinese Valentine’s Day ist. Vor der Tür warten dann tatsächlich ein paar Jungs und Mädels mit Blumensträußen. Ich bringe meine Verwunderung zum Ausdruck, dass sie am Valentinstag bis halb 10 im Kantseminar sitzen und sage der restlichen Gruppe noch, dass sie fei vor lauter Philosophie nicht das Leben vergessen sollen, was den letzten Applaus des Abends hervorruft. So gehen wir in kleinen Grüppchen hinaus in die immer noch schneidend heiße Sommernacht. Zwei, drei Fragen gibt es noch und unter der Allee, die zum Hauptausgang des Campus führt, kommt die schöne Chinesin noch einmal her. Sie reicht mir nochmal Taschentücher hin und ich wische. Ich habe wieder den Eindruck einer Brise – vielleicht sogar einer lauen. Über uns schreien die Bäume ohrenbetäubend. Was ist das eigentlich die ganze Zeit?

Pro fä so Fran, fängt sie an. Sie ringt ersichtlich nach Worten und ich finde es toll, dass sie mich duzt und trotzdem den Titel mit nennt. Als sie weiter versucht, einen englischen Satz zu konstruieren, verwechsle ich die Sprachbarriere mit romantischer Verlegenheit und ich male mir schon aus, wie das wohl sein wird, die Mäh Ling in Schweinfurt vorzustellen. Ob die wohl Bratwürste mag und Schoppen? Es mag am Spirit des National Chinese Valentine’s Day liegen, aber ich rechne jetzt fest mit einer romantischen Botschaft. Ihr zartflüsterndes Ringen nach Worten wird fast gänzlich übertönt vom nicht ablassenden Schreien aus den Bäumen.

Sie hat jetzt fertigformuliert. Es geht um Hegel und sein Verhältnis zu Kants Begriff transzendentaler Freiheit. Mäh Ling war also nur an meinem Geist interessiert. Wieder wurde ich von einer Frau wie ein Subjekt behandelt. Schicksal?

Am Ausgang des Campus holt mich, joggend, mein Assistent ein. Leicht aufgekratzt frage ich ihn, was dieses Geschrei in den Bäumen eigentlich soll. Er drückt in seinem Handy rum und zeigt mir ein Bild von einem Viech mit deutscher Übersetzung: die männliche Braune Singzikade. Die Männchen trommeln pausenlos, die Weibchen schweigen. Ab Ende August fallen die dann tot vom Baum. Was für ein Leben.

Zurück im Hotel, sehe ich, dass ich das „I’m busy relaxing“ Schild aus Versehen dran gelassen habe. Unter meiner Tür liegt ein Zettel mit einer etwas passiv-aggressiv klingenden Botschaft, dass der Mann mit dem Obst so gerne gekommen wäre, hätte ich das Schild nicht dran gehabt. Auch der Turn-Down-Service konnte nicht rein, sodass mein Vorhang noch weit offen steht. Ich stelle mich ans Fenster und sehe die Skyline am The Bund bunt blinken. Ist das immer so oder wegen Valentinstag? Ich sehe die Lichter klar, sehe Bewegungen und ich bilde mir ein, die Stadt greifen zu können und doch scheint sie mir unendlich weit weg zu sein. Ein wenig fast scheint der Boden unter meinen Füßen zu schwanken. Ich schließe die Augen und greife mit den Händen in meine Hosentaschen. Dort entdecke ich eine Valentinskarte. Ich schaue auf die vor meinen Augen verschwimmenden chinesischen Schriftzeichen und stelle mir dabei vor, wie der Klang raufgeht und wieder runter, schneller und wieder langsamer, alles getragen vom Sch Sch hypnotisierender Fremdheit.

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