Appell an den Einzelnen (The Social Network)

Kunst & Leben |

Warum ist The Social Network so ein guter Film?

Auf den ersten Blick erscheint es witzlos, einen biographisch angehauchten Film über einen Endzwanziger zu machen, der zwar ein großes, allseits bekanntes und unser Leben prägendes Unternehmen gegründet, ansonsten aber ein auf rein persönlicher Ebene eher unscheinbares Leben geführt hat. Der Film kann nicht rein biographisch gemeint sein, nicht zuletzt aufgrund der auch von David Fincher und dem Autor Aaron Sorkin vertretenen Ansicht, man könne mit (Film-)Kunst sowieso nicht die vermeintliche Realität darstellen. 

Neuere Filme, die einen auf den ersten Blick biographischen Anstrich haben, die ihre äußeren Anleihen aus tatsächlich Geschehenem und von tatsächlich lebenden Personen beziehen, thematisieren in aller Regel immer auch dieses mangelnde Abbildungspotential der Kunst, das im übrigen nicht unbedingt als großes Manko empfunden wird, wenngleich eine gewisse Melancholie oft mitschwingt. Mit The Social Network ist es besonders schwierig. Die allermeisten Zuschauer, insbesondere solche, die Ahnung von Film haben, sind sich nach dem Ansehen von The Social Network einig darüber, einen großen Film gesehen zu haben, einen von denen, wie es sie, unabhängig von persönlichen Vorlieben in Genre, Ton etc. nur alle paar Jahre gibt. Die Frage, warum das so ist, ist indes nicht so einfach zu beantworten. Das liegt daran, dass der Film eine komplexe Verschachtelung mehrerer Ebenen aufbaut und die Erwartungen des Zuschauers, ich möchte meinen: wie kein anderer kommerziell erfolgreicher Hollywood-Film, in seinen Gehalt miteinbezieht.

Zunächst haben wir einmal die Ebene, die den Anleihen aus der tatsächlichen Welt am ehesten entspricht. Der Film erzählt zum einen die Gründungsgeschichte eines weltweit erfolgreichen Unternehmens, das unser Leben prägt. Dem geht eine rührend erzählte, schauspielerisch und dramaturgisch wunderbar umgesetzte Geschichte einer Freundschaft  anbei. Allein diese Ebene würde einen ordentlichen Film ausmachen.

Auf einer zweiten Ebene finden wir die historische und ideengeschichtliche Relevanz. Facebook, wie es im Film dargestellt wird, ist nicht einfach nur ein erfolgreiches Unternehmen, seine Entstehungsgeschichte, wie sie im Film dargestellt wird, ist nicht einfach nur eine unternehmerische Erfolgsgeschichte. In der Art und Weise, wie das Unternehmen entsteht, in den dahinterstehenden Ideen und auch in der dargestellten Person des Mark Zuckerberg kommen Momente zum Vorschein, die typisch und nachgeradezu paradigmatisch sind für die 2000er Jahre. Wie schon vielfach in den Medien thematisiert, sind die großen Internetunternehmen großteils geführt von sehr jungen, sogenannten Nerds, die, ein wenig überspitzt und generalisierend, die smarten, gutaussehenden Anzugheinis mit perfektem Lebenslauf aus den Großkanzleien und erfolgreichen Wirtschaftsunternehmen abgelöst haben (Der damalige Harvard-Präsident Larry Summers über die Winklevoss-Zwillinge, die ihn in der causa Zuckerberg um Rat ersuchten: “One of the things you learn as a college president is that if an undergraduate is wearing a tie and jacket on Thursday afternoon at three o’clock, there are two possibilities. One is that they’re looking for a job and have an interview; the other is that they are an asshole. This was the latter case.”).

Zuckerberg wird porträtiert als unflexibel, wenig teamfähig, arrogant, herablassend, politisch unkorrekt – allesamt Eigenschaften, deren genaues Gegenteil in den Bewerbungsphrasen der etablierten „alten“ Unternehmen gefordert ist. Die Idee von Facebook ist eine streng egalitäre, was die Ebene der Mitgliedschaft betrifft (natürlich sind die Macher reich usf., hier geht es um die innere Struktur des sozialen Netzes). Entgegen der Idee der Winklevoss-Zwillinge beschränkt Zuckerberg auf längere Sicht den Zugang nicht anhand eines Kriteriums, dem ein auf elitäre Auswahl gerichtetes Verfahren vorgeschaltet ist (wie die harvard.edu E-Mail-Adressen). Es gibt also keine dem sozialen Netz vorgeschaltete Filterungsinstanz. Innerhalb des Netzes differenziert sich freilich eine Hackordnung heraus. Die Kriterien sind Anzahl der Freunde, Like-Hits, Aktivität, das sich Einbringen usf. Diese Kriterien bilden sich aber im sozialen Miteinander im Network heraus. Das entspricht in einer zunächst groben Analogie dem Ansatzpunkt vieler modernder Philosophen, die vor allem wegen der holistischen Struktur der vorgefundenen Welt in ihrem Zugriff auf sie nicht hinter die soziale Praxis zurückgehen können. Vielleicht hat Zuckerberg das bewusst oder unbewusst erkannt. Aus wirtschaftlicher Sicht ist zudem sicher die Tatsache genial, dass die Menschen sich Facebook aus völlig freien Stücken selbst veräußern (natürlich kann ein sozialer Zwang entstehen, aus Angst, nicht dazuzugehören, ein perfider Aspekt der Genialität). So entsteht für die Macher ein großer Argumentationsvorschuss, kann man doch immer darauf verweisen, niemand werde zu irgendetwas gezwungen.

Der meines Erachtens interessanteste Aspekt des Films spielt sich aber auf einer dritten Ebene ab, die das Zusammenspiel mit dem Zuschauer beinhaltet. Der Film wird erzählt aus der Perspektive der juristischen Verhandlungen. Für das deutsche Rechtsempfinden recht ungewöhnlich, handelt es sich dabei um ein fast gänzlich unjuristisches Unterfangen, vielmehr um eine eher politisch angehauchte Charakterdebatte rund um Mark Zuckerberg. Durch persönliche Angriffe soll die Verhandlungsposition des Gegners soweit geschwächt werden, dass er im vorprozessualen Verfahren eher bereit ist, einen dem anderen günstigen Vergleich abzuschließen.  Ein Schlüsselsatz fällt ganz am Ende, als die junge Anwältin mit Zuckerberg spricht. Sie sagt, in solchen Verfahren seien 85 % Übertreibung, 15 % Meineid, also Lüge. Jeder Mythos brauche seinen Teufel. Diese Aussage relativiert die Aufarbeitung der Gegebenheiten zur Zeit der Unternehmensgründung aus Sicht der Schlichtungsverhandlungen. Sie muss aber, was natürlich unausgesprochen bleibt, auch für das Verhältnis der Filmemacher zur Ebene der Schlichtungsverhandlungen gelten. Sprich: Alles, was mir im Film sehen, steht unter diesem Vorbehalt, kein Wunder, es handelt sich ja schließlich um Kunst. Was soll der Film dann sein, relativiert er doch selbst alles von ihm dargestellte. Reine Unterhaltung, reine Kunst? Beides wäre möglich, aber wir haben ja gerade das Gefühl, etwas Großes und Relevantes gesehen zu haben. Ich meine, der Film fordert uns heraus, uns mit unserer eigenen Verantwortlichkeit auseinanderzusetzen. Die öffentliche Meinung ist nämlich höchst ambivalent, vielleicht widersprüchlich. Auf der einen Seite nutzen die Leute bereitwillig Facebook, geben sich selbst preis, auf der anderen Seite ist das Geschrei nach Datenschutz groß. Auf der einen Seite wollen die Menschen immer wieder von Leistungen großer Köpfe profitieren, die sie dann auch für eine kurze Zeit gut und gerne als Genies hochjubeln. Auf der anderen Seite wollen wir diese Genies dann auch gleich wieder herunterholen, sobald wir von ihren Leistungen hinreichend profitiert haben (Facebook läuft ja jetzt im großen und ganzen, es kann auch gerne ein gleichwertiges Konkurrenzprodukt sein, bloß auf diese bequeme und coole Art des sozialen Miteinanders wollen wir nicht mehr verzichten) und sofern wir uns hinreichend von Ihnen abgegrenzt haben – ein Mechanismus, der weiter unser Gemeinschaftsgefühl stärkt. Da passt es gut, in Mark Zuckerberg einen (natürlich intelligenten, kreativen usf.) Nerd zu sehen, der im wahren Leben sozial inkompetent ist und im Grunde doch eigentlich nur von den anderen, allen voran von Erica geliebt werden will. So beginnt der Film und so endet er. Das liegt nicht daran, dass es wirklich so war und es liegt auch nicht daran, dass die Filmemacher meinen, so sei es gewesen oder so sei es bestenfalls gewesen, sondern daran, dass wir als Zuschauer es gerne so hätten. Bei aller Gleichheit unserer Zeit, aller Verbotenheit, auf Merkmale zu rekurrieren, die irgendwelche Unterscheidungen in Güte zwischen den Menschen zulassen würden, brauchen wir weiterhin diejenigen, die außergewöhnlich sind und die schon deswegen, weil sie etwas machen, das wir dann benutzen, nicht voll und ganz dazugehören. Das nehmen wir auf eine einseitige, nicht ganz konsequente Weise gern auch wahr. Das Verhältnis des Individuellen zum Kollektiven (Subjektiven zum Intersubjektiven, Privaten zum Öffentlichen usf.) ist dabei schon lange zum Nachteil des ersteren gekippt. Der Raum der Klischees, der durchzogen ist von gefälligen, leicht verständlichen Übereinkünften bezüglich der Welt und der Menschen, hat seit langer Zeit für viele das echte Leben weitgehend unbemerkt verdrängt. Das hat den Vorteil, sich nie so richtig allein fühlen zu müssen, bestätigt man sich doch stetig in verkitschten Anerkennungsbeziehungen gegenseitig. Individuelle Störer fordern diesen Schwindel heraus und werden sanktioniert mit einem brachialen Heruntergebrochenwerden auf banalste Klischees um beinah jeden Preis.

The Social Network lässt sich als Appell interpretieren, in einer Zeit, in der das Individuelle weitgehend bloß noch als verkitschter Rechtsanspruch oder als narzisstischer Selbstdarstellungsanstoß zu existieren scheint, in der das Soziale, das Gemeinschaftliche die Grundstruktur der Existenz zu bilden scheint, die eigene Verantwortung wieder ernster zu nehmen, auch wenn es schwerfällt, auch wenn es keinen gefälligen Sinn ergibt, auch wenn das zeitweise Alleinsein sich ungewohnt anfühlt und Angst macht. Das macht The Social Network zum vielleicht wichtigsten Film unserer Zeit.