Geist ist das, was übrig bleibt

Philosophie |

 

Unbestreitbar fristet die Philosophie heute ein eher kümmerliches Dasein in der Nische.

Dafür werden viele Gründe aufgerufen: Pluralismus, der Verzicht auf die eine Wahrheit, die große Theorie, das Systemganze, Schnelllebigkeit, der Vorrang von Ökonomie und Erfolg, die Zeit in der wir leben im Vergleich zur vergangenen Zeit großer Philosophie. Da ist ja auch was dran. Unübersehbar finden die spannenden Auseinandersetzungen der Welt, finden Fortschritt, Umstürzlerisches und Genialität heute nicht in der Philosophie statt. Statt Kant und Hegel, statt Schopenhauer und Nietzsche streiten sich heute die CEOs von Apple und Amazon, die Staatschefs der USA und China. Bei diesen Streits geht es um alles Denkbare, im Kern um Geld und Macht, nur nicht um Wahrheit und das Menschsein. Jetzt kann man diesen Vergleich mit „früher“ freilich auch positiv bewerten: Gott sei Dank spielt die Philosophie samt ihrer wahnwitzigen Suche nach der einen Wahrheit keine Rolle mehr. Und zum Glück hat man für Leute, die nichts Sinnvolles zur Gemeinschaft beitragen können, die zum Beispiel immer dann, wenn man sie zur Herstellung von Brezn einsetzt, die Brezn kaputtmachen (=Philosophen), Anstalten geschaffen, in denen sie sie selbst sein können, ohne dabei die Produktivität brauchbarer Leute zu beeinträchtigen (=Universitäten).

In den letzten Jahren kam ein neuer Grund dazu: Die Digitalisierung. Sie ist als Schlagwort im öffentlichen Diskurs angekommen und hat seit einigen Jahren die Form des Appells angenommen: Wir müssen uns doch mehr mit Digitalisierung beschäftigen. Die Rede ist von der Herausforderung des 21. Jahrhunderts schlechthin, von einer Umwälzung der Gesellschaft vergleichbar der Industrialisierung. Der Appell – das macht ihn zum Appell – ist weitgehend inhaltsleer. Aus welchen Gründen auch immer: Sei es, es fehlt dem öffentlichen Diskurs samt der Politik an der Sprache, das zu fassen, was gerade stattfindet, sei es, es handelt sich um ein längerfristiges Geschehen, für das der öffentliche Diskurs in seiner Kurzsichtigkeit keinen Blick hat, sei es, man traut den Leuten nicht die harte Wahrheit zu. Und doch sind sich alle einig: Wir befinden uns in diesem Umbruch. Einige Auswirkungen sind bereits jetzt zu sehen oder so naheliegend, dass sie jeder voraussehen kann. Die Taxifahrer verschwinden, Bus- und Tramfahrer werden verschwinden, Sachbearbeiter, Anwälte, Ärzte und und und. Hinter all diesen individuellen und kollektiven Schicksalen verbirgt sich die Verheißung der Digitalisierung: Alles was ein Algorithmus mindestens genauso gut oder besser als ein Mensch kann, wird automatisiert. Arbeitsplätze fallen weg, die Möglichkeit, durch Arbeit am Gemeinwesen zu partizipieren, ja in vielen Fällen die Möglichkeit, durch Arbeit selbstbestimmt zu leben, sich durch Arbeit selbst zu definieren. Gesellschaftspolitisch ist das ein Riesenproblem. Auch philosophisch ist das problematisch, kommt doch die bevorzugte Selbstbeschreibung des modernen Menschen (durch Arbeit) bedrohlich ins Wanken. Als Hegelianer indes lässt sich die Digitalisierung, und zwar gerade in ihrer schlimmsten, bedrohlichsten Form, als Chance begreifen. Denn wenn es irgendetwas gibt vergleichbar dem, was Hegel Geist nennt, etwas Übersteigendes, das Spielfeld des Individuellen und des Zwischenmenschlichen Überstrahlendes, dann wird es das sein, was von der Digitalisierung übrigbleibt. Das, was sich der Automatisierung entzieht. Das wird, so meine Vermutung, nicht das sein, was die meisten Menschen für wichtig erachten. Es wird nichts mit ihren Gefühlen, Wünschen und Hoffnungen zu tun haben – die sind ja jetzt bereits weitgehend automatisiert. Aber es wird das sein, was diejenigen, die der guten alten Zeit großer Philosophie nachtrauern, vermissen, was sie als verloren erachten. Die Philosophen sind hierbei zunächst zum Zuschauen verdammt. Oder ins Positive gewendet: Sie können sich entspannt zurücklehnen und die Digitalisierung machen lassen. So gesehen, leben wir, gerade als Philosophen, in einer spannenden, umstürzlerischen Zeit, die vielleicht sogar wieder Platz macht für Genialität.

Das ist freilich die Hoffnung des Hegelianers. Es könnte auch ganz anders kommen. Es könnte sein, dass die Digitalisierung nichts übrig lässt. Selbst dann wüssten wir aber wenigstens, woran wir sind. Wir wüssten dann, was Menschsein bedeutet: Nichts.