Warum “Wir schaffen das” einen Wert hat, selbst wenn wir es nicht schaffen

Philosophie |

 

„Wir schaffen das“ – Ein Satz aus ungeahntem Munde, wie er auf den ersten Blick banaler nicht klingen könnte. Und doch: Irgendetwas scheint diesen Ausspruch zu umgeben, scheint ihn zu unterscheiden von ähnlich klingenden Slogans wie das längst zur hohlen In-Sich-Rhetorik verkommene „Näher am Menschen“, das uns aus zu vielen Wahlkämpfen bereits bekannt ist und von dem wir ahnen, dass es nicht nur nichts bedeutet, sondern vielleicht sogar verdecken soll, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

„Wir schaffen das“ ist anders. Aber warum?

 

Hat die sonst so kalkuliert-kühle Kanzlerin ihr Herz geöffnet? Ist die moralische Dimension dieser speziellen „Krise“ so überwältigend? Handelt es sich am Ende sogar um Kalkül, um den Friedensnobelpreis zu erhalten, gar um dem ehemaligen Patriarchen Kohl zu zeigen, wer hier das eigentliche Mädchen ist? Sensibilisiert durch Serien wie House of Cards und vielleicht auch, weil wir Hohl-Rhetorik wie „Näher am Menschen“ einfach nicht mehr ertragen können, neigen wir dazu, den handelnden Personen ausnahmslos Heuchelei zu unterstellen: das Gesagte und das eigentlich Gewollte fallen immer auseinander. Eine besondere Zuspitzung erfährt dieser Verdacht im politischen Diskurs. Wenn es um Macht geht, fallen Gesagtes und Gewolltes nicht nur zufällig auseinander – nein: Gewollt ist genau das Gegenteil des Gesagten. Eine Politik, die näher am Menschen sein will, will in Wirklichkeit den Menschen loswerden. Weil der Mensch blöd ist, gerade im Kollektiv, und weil er sich lästigerweise alle paar Jahre weitgehend uninformiert durch ein Kreuzchen auf einem Zettel in das Gefüge der Macht einmischt. Gilt das auch für das „Wir schaffen das“?

 

Ich möchte mir nicht anmaßen zu urteilen darüber, wie die Kanzlerin diesen Ausspruch gemeint haben könnte. Wie soll man das auch jemals herausfinden? Man könnte bei ihr nachfragen und die Antwort auf diese Nachfrage wieder unter denselben Verdacht stellen wie die ursprüngliche Aussage. Das könnte dann immer so weitergehen. Es bringt nichts, im Trüben danach zu fischen, wie etwas gemeint sein könnte. Lohnend ist aber zu fragen, was ein Ausspruch bedeuten könnte. In die Bedeutung mögen zwar auch subjektive Faktoren einfließen, sie ist aber insgesamt eine objektive Größe. Was also bedeutet „Wir schaffen das“?

 

Für einen Versuch einer Antwort hierauf möchte ich gerne einen vielleicht erst einmal unerwarteten Philosophen bemühen: Richard Rorty. Rorty befindet sich momentan in der misslichen Lage, schon tot zu sein und somit nicht mehr aktiv an politischen Diskursen teilnehmen zu können, aber noch nicht lange genug tot zu sein, um in diesen Debatten als Autorität und Legende teilzunehmen. Gerade deswegen lohnt sich ein Blick auf sein Hauptwerk „Kontingenz, Ironie und Solidarität“. Gestartet als Wunderkind der analytischen Philosophie hatte sich Rorty zunächst den Fragen dieser Spezialdisziplin gewidmet. Wie er in seinem wunderschönen autobiographischen Essay „Trotzki und die wilden Orchideen“ rückblickend einräumt, wollte es ihm aber zeitlebens einfach nicht gelingen, die blanke Schönheit der Natur und den Traum von der Gerechtigkeit auf Erden miteinander in Einklang zu bringen. Aus dieser philosophischen Ernüchterung heraus hat er sich einer Sache verschrieben: Das Leid in der Welt zu verringern. Da er nun einmal (leider nur?) Intellektueller und kein praktischer Weltverbesserer war, sah er seinen Auftrag darin, die Philosophie- und Literaturgeschichte daraufhin abzugrasen, wie sie zur Verringerung des Leids in der Welt nutzbar gemacht werden kann. Seine einfache Formel lautet: Nützlich ist etwas dann, wenn es die Bedeutungsspanne von „Menschen wie wir“ ausweitet, ganz egal ob es dem Feminismus, dem civil rights movement oder dem Deutschen Idealismus entstammt. Auch gleich ist, welches Medium benutzt wird: Rorty hatte es vornehmlich mit den Büchern der Philosophie- und Literaturgeschichte. Er selber kann mit seiner Biographie als Beispiel eines solchen Mediums gelten. Aber freilich kommen auch Aussagen einzelner Personen in Betracht. Wichtig ist nur, dass sie Gehör finden. Das war beim „Wir schaffen das“ der Fall.

 

Was aber bedeutet Merkels Aussage im Lichte Rortys?

Entscheidend ist, wer „wir“ sind. Auf Anhieb werden die meisten hierunter uns Deutsche oder uns Europäer verstehen oder womöglich gar meinen, die Kanzlerin ziele nur auf Entscheidungsträger ab: Wir (deutschen, europäischen) Politiker, wir als europäische Staatengemeinschaft. So verstanden, geraten wir schnell in das Fahrwasser der bisherigen öffentlichen Debatte: Wie soll das bloß zu schaffen sein? Wer unter diesen „Wirs“ ist denn für welchen Prozentsatz zuständig? Wer bestimmt, wie es zu schaffen ist? Was bedeutet „Wir schaffen das“: Geht es nur um die vorübergehende Hilfe für Extremfälle? Oder bleiben die Menschen hier und müssen integriert werden? Von welchen Zahlen sprechen wir überhaupt? Das sind schwer zu lösende Probleme, zumal all diese Fragen der politischen Instrumentalisierung anheimfallen. Da helfen auf den ersten Blick weder Stammtischparolen noch (gefälschte, suggestiv-einseitig wiedergegebene, interessengeleitet erhobene) Statistiken.

 

Wie sieht die Lage aber aus, wenn „wir“ die Flüchtlinge mit einbezieht? Dann tut sich eine ganz andere Dimension des Ausspruchs auf. Er enthält dann nicht nur einen Appell an die Aufnehmenden, sondern auch an die Aufgenommenen – eine Forderung, die unabhängig vom “Wir schaffen das” sowieso von allen politischen Seiten erhoben wird. Viel wichtiger ist aber ein zweiter Aspekt: Wenn „wir“ die Flüchtlinge miteinbezieht, dann sind das Menschen wie wir, mit denen wir gemeinsam vor einer Aufgabe stehen. Auf dieser grundlegenden Ebene hat das Problem nichts zu tun mit „dem“ Islam, jungen Männern, kulturellen Unterschieden oder den „westlichen Werten“. Wenn „wir“ die Flüchtlinge mit einbezieht, müssen wir eingestehen, zumindest auf dieser grundlegenden Ebene gleich zu sein. Das gilt sowohl für die Deutschen/Europäer als auch für die Flüchtlinge.

 

Diese Bedeutung von „Wir schaffen das“ ändert natürlich nichts daran, dass die Welt vor womöglich immer noch nicht in vollem Ausmaß begriffenen Aufgaben steht. Genausowenig kann diese Bedeutung zur schnellen Lösung praktischer politischer Probleme beitragen.

 

„Wir schaffen das“ hat aber mit dieser Bedeutung einen Wert, selbst wenn wir es nicht schaffen. Denn dann können wir sagen: Wir haben es nicht geschafft – nicht: Die Flüchtlinge waren zu viele, unsere Bürokratie hat versagt, unsere Finanzen haben nicht gereicht, die kulturellen Unterschiede waren zu groß, sondern: Wir haben es nicht geschafft. Vielleicht könnte sich selbst im Falle des Scheiterns der Gebrauch des furchtbaren Wortes Flüchtling erledigen und unsere Enkel oder Urenkel würden damit nicht mehr verbinden können als die verblassende Erinnerung an eine historische Erscheinung. Und wenn Merkels „Wir schaffen das“ hierzu wirklich einen Beitrag leisten sollte, ja dann wäre das doch wirklich mal einen Nobelpreis wert.