Das Internet vergisst nichts – oder: Warum das Internet unphilosophisch ist

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Das Internet vergisst nichts – auch so ein ermüdender Appell aus den Mündern meist technikaverser Midager: Datenschützer, besorgter Pädagogen oder bloß mitteilungsbedürftiger Mitmenschen, die sich von der wiederholten Äußerung dieses griffigen Merksatzes Orientierung in einer überfordernden Medienumgebung erhoffen und eine ihre Überfordertheit ausblendende Rechtfertigung dafür, nicht mitmachen zu müssen.

Das ist alles ein bisschen langweilig und trägt nur zur Erhärtung der Fronten bei: Die Technikindustrie beharrt auf ihrem Profit- und Machtinteresse (im Technik-Jargon: „make the world a better place“); die User auf ihrem Interesse, nicht dauernd auf die gleichläufige Leere ihres Lebens hingewiesen zu werden; die eingangs zitierten Technik-Gegner auf ihrem Interesse nach Selbstvergewisserung.

Der Satz „Das Internet vergisst nichts“ weist aber jenseits dieser ihn äußernden Interessengruppen auch auf einen Zusammenhang hin, der wahrscheinlich von kaum jemandem gemeint ist. Die Tatsache, dass das Internet nichts vergisst, wird gemeinhin als Qualität des Internets aufgefasst, von der aus eine Gefahr für Individuen ausgeht, zum Beispiel der Karriereknick durch das zeitverzögerte Auftauchen von Revenge-Porn oder, ganz klassisch, einem Dickpic. Nichts zu vergessen, ist aber überhaupt keine Qualität, sondern ein Makel, der „das Internet“ unmenschlich und einem spezifischen Sinn unphilosophisch macht.

Ein genuin, spezifisch menschliches Vermögen ist nämlich das Erinnern. Jetzt könnte man freilich sofort einwenden, dass das Internet, so es denn nichts vergisst, ja alles erinnert, also, sofern das Erinnern das maßgebliche Kriterium der Menschlichkeit ist, besonders menschlich und philosophisch ist – sozusagen menschlicher als der Mensch. Womöglich glauben das sogar manche. Diese Auffassung geht aber von einem unterbestimmten Begriff von Erinnerung aus. Erinnert werden kann nämlich nur Vergessenes. Das „Erinnern“ des Nicht-Vergessenen ist lediglich der Abruf omnipräsenter Information, der Zugriff auf ein Kontingent an Daten. Erinnern hingegen ist das Zurückholen von etwas, das weg war. Das kann man jetzt psychologisch auffassen und sich darüber streiten, „wo“ dieses Vergessene denn in der Zwischenzeit „war“. Oder man fasst dieses Zurückholen philosophisch auf. Dann bringt das Erinnern ein Absehen von individuellen Faktoren mit sich (die philosophisch meist uninteressant oder gar störend sind). Erinnert werden kann nicht nur, wohin der Autoschlüssel verlegt wurde, sondern auch, was der Mensch einmal war, was Freiheit einmal bedeutet hat, wie die Welt einmal beschaffen war, also Gehalte der Philosophie, besser: die Philosophie selbst. Fasst man das Erinnern so auf, ist man bereits mitten in der Frage nach der Philosophie und der ihr innewohnenden Geschichte. Eine Frage, die seit Kant, aber spätestens im 20. Jahrhundert meist in eine Erzählung vom Verfall mündet. Einer ihrer eifrigsten Erzähler war Adorno, der, was aus heutiger Sicht albern, aber zugleich erschreckend ist, den Untergang der Kultur bereits an der Verbreitung des Radios als Massenmedium festgemacht hat (Hätte der gewusst …).

Mit Adorno lässt sich die Frage stellen, wie das eigentlich funktioniert mit der Philosophie: Ist ihre Geschichte, was zunächst naheliegt, eine Geschichte des Verfalls oder doch, von den Wirrungen einer kulturfeindlich anmutenden Zeit befreit, eine Fortschrittsgeschichte? Ist diese Frage nach Verfall oder Fortschritt überhaupt sinnvoll, ist sie womöglich bereits in einem Vokabular formuliert, das die Suche nach philosophischer Wahrheit aufgegeben hat?

Bei dieser Frage nach dem Wesen der Philosophiegeschichte stehen sich traditionell zwei Spielarten gegenüber. Die eine Seite geht von einem mehr oder minder kontinuierlichen Verlauf der Philosophiegeschichte aus. Die Geschichte der Philosophie wird unter dieser Prämisse entweder als Fortschritts- oder als Verfallsgeschichte gelesen. Die andere Seite ist die einer „Lagerfeuer-Philosophie“. In dieser Metapher brennt die Philosophie fortwährend als ein Lagerfeuer, an dem zu unterschiedlicher Zeit unterschiedliche Leute sitzen, die kommen und gehen, sich wärmen, sich Geschichten erzählen, womöglich ab und zu Holz nachlegen. Entscheidend ist, dass das Feuer immer weiter brennt. Die Philosophie wird ihrem Gehalt nach so als ahistorisch verstanden: Die Geschichten, die sich die Leute am Lagerfeuer erzählen, mögen sich zwar verändern, das Feuer aber bleibt immer das gleiche.

Nach Adorno sind beide Modelle verfehlt. Weder ist ein kontinuierlicher Verlauf festzustellen, noch lässt sich sagen, dass Philosophie im Kern immer die gleiche ist. Das zweitgenannte Modell lässt außerdem kein Kriterium zu, zwischen guter und schlechter Philosophie zu unterscheiden. Ohne ein solches Kriterium herrscht Gleichgültigkeit: Hegel und Richard David Precht sind unterschiedslos.

Ein das Lagerfeuer-Bild aufgreifendes, aber entscheidend variierendes Bild der Geschichte der Philosophie könnte sodann in einer Art Fackellauf bestehen. Die Fackel wird in diesem Bild weitergegeben und an andere Orte getragen. Der „Ort“ der Philosophie ist nicht das statische Lagerfeuer, sondern dort, wo der jeweilige Träger die Fackel hinbringt. In einer ersten Beschreibung dieses Bilds könnte man nun meinen, essentiell für diesen Fackellauf sei es, dass zwar die Fackel Träger und Ort wechselt, aber nie erlischt. Der Sinn des Fackellaufs könnte sodann nicht etwa im Ortswechsel und Weitertragen, sondern darin bestehen, das Feuer nicht erlöschen zu lassen.

Es ist aber essentiell, dass die Fackel ab und an erlischt. Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, wieder zu entbrennen. Maßgeblich für dieses Verständnis ist allerdings – und hier stößt die Fackel-Metapher an ihre Grenzen – ein Wiederaufleben des Vergangenen im Gegenwärtigen. In der Philosophie werden Gehalte, also zum Beispiel Freiheit, Menschsein, Zeit und Unendlichkeit erinnert. Das setzt voraus, dass diese Gehalte zuvor vergessen wurden. Das Erinnern- und Vergessen-Können macht den Wert des Menschen, das Erinnert- und Vergessenwerden-Können mach den Wert der Philosophie aus. Denn genau hierin liegt die Lebendigkeit des endlichen Geistes – sein fragmentarischer modus operandi ist nicht Leumund für Kontingenz und Verfall, sondern für die spezifisch geistige Fähigkeit des Erinnerns und Vergessens.

Dies wertet freilich das Erinnerte gegenüber dem nicht-erinnert Wirklichen auf, zum Beispiel die in der modernen Philosophie nicht direkt thematische, sondern nur erinnerte Religion. Das nicht-erinnert Wirkliche, also das worum es allen zu gehen scheint: Fakten, Information, Statistiken, Bilder von Körpern und Körperteilen, braucht gar nicht vergessen zu werden. Jemandem oder etwas, das nicht vergessen kann, sollte man nicht panisch „Um Gottes willen“ zurufen, sondern: „Mein Beileid“. Dauerhafte Verfügbarkeit von Information ficht weder den Menschen noch die Philosophie an. Die Gefahr besteht eher darin, dass uns irgendwann die Fackelträger ausgehen.

 

Dieser Text basiert auf einer Seminar-Diskussion im Rahmen eines Seminars von Prof. Dr. Hutter auf der Insel San Servolo bei Venedig (LMU/VIU)