lechts und rinks, warz und schweiß (BlacKkKlansman)

Kunst & Leben |

Für mich völlig unerwartet hat Spike Lee mit BlacKkKlansman ein Meisterwerk vorgelegt. Die Entstehungslegende geht so: Jordan Peele, Macher von Get Out, dem besten Film des vergangenen Jahres, bekam aus einem Zufall heraus die Biographie von Ron Stallworth in die Hände.

Ron Stallworth war in den 1970er Jahren der erste schwarze Polizist in Colorado Springs. Er hat sich selbst zum verdeckten Ermittler gemacht und wurde Mitglied im Ku-Klux-Klan und persönlicher Freund von David Duke, dem damaligen Grand Wizard (das ist eine Art Mischung aus einem Hauptgeschäftsführer und dem Vorstand eines Faschingsvereins) der, wie es im Film so schön heißt: Organisation. David Duke, David Duke, Moment, da war doch was? Hierzu sogleich.

Jordan Peele war elektrisiert, hat Spike Lee angerufen und, frei nach der Legende, gesagt: Spike, pass mal auf, ich hab da was für dich. Sechs Worte: Schwarzer infiltriert den Ku Klux Klan. Manchmal brauchts nicht mehr, um den Stein ins Rollen zu bringen. Einen Stein in dem Fall, der uns mit voller Wucht trifft. Nicht nur hat BlacKkKlansman ein stimmiges Drehbuch, ist stil- und taktvoll gefilmt, stylish in seiner Reproduktion der 70er, perfekt besetzt bis in die kleinste Nebenrolle (z.B. gibt es einen höchst charismatischen Auftritt des mittlerweile 91jährigen Harry Belafonte), lustig und bedrückend zugleich. BlacKkKlansman geht die großen Themen an. Und zwar nicht, wie es ein wenig zu befürchten war, kopflastig, abstrakt, gewollt, nein: die großen Themen sind im Stoff des Films verborgen. Spike Lee macht sie lediglich durchsichtig, elegant und scheinbar wie von selbst. Dabei nimmt er sich, zumindest auf den ersten Blick, weitgehend zurück, das ist ungewöhnlich und unerwartet. Doch nur so kommen die beiden großen Konflikte des Films klar zum Vorschein.

Der erste ist der Zusammenhang von Rassismus und Antisemitismus. Ron Stallworth (John David Washington, Sohn von Denzel) kommuniziert mit seinen Klankollegen nur per Telefon, zu persönlichen Treffen kann er aus offensichtlichen Gründen nicht selbst gehen. Zu diesen schickt er seinen jüdischen, aber eben weißen Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver). Dieser wird durch die Treffen mit den ebenso rassistischen wie antisemitistischen Klankollegen (besonders sympathisch: Waffennarr und Holocaust-Leugner Felix mit seiner fetten, dauerbackenden Frau Connie, die so gerne von ihrem Mann gebraucht wird, dass sie dafür sogar einen Bombenanschlag verübt) erstmals mit seinen jüdischen Wurzeln konfrontiert und in seinem Selbstverständnis erschüttert. In manchen, besonders starken Szenen inszeniert Lee die beiden als Kippfigur ein- und desselben Problems. America first, in den 70ern ein Kampfspruch des Ku-Klux-Klans, richtet sich, aus heutiger Sicht, nämlich nur auf den ersten Anschein nach außen, gegen China, Mexiko oder die EU. In Wirklichkeit appelliert dieser Kampfspruch an Leute, die damit überfordert sind, dass wir mehr heißen, mehr umfassen kann als das, was ihre begrenzte alltägliche Erfahrung zulässt und versteht. America first richtet sich somit nach innen, gegen Mitbürger, gegen Menschen „wie du und ich“, gegen den Staat und seine Institutionen.

Der zweite Konflikt besteht darin, dass die Gegner des Rassismus mitunter in der Brutalität ihrer Handlungen und in ihrer Rhetorik den Rassisten vergleichbar sind. Das wird im Film spätestens deutlich in einer meisterhaften, langen Montage, in der Spike Lee eine Zeremonie des Klans und ein Treffen der Black Panther miteinander verwebt. Bis hin zu den Details der Gesten (Die Dringlichkeit der Rhetorik, das Heben der Faust, die kollektiv durchgeführten Rituale) gibt es hier auf den ersten Blick keinen Unterschied. Mit dieser Ambivalenz im Hinterkopf, schaut man den letzten Teil des eigentlichen Films. Erst noch eine lustige Szene, in der Ron David Duke bloßstellt, ein paar High Fives an die weißen Kollegen verteilt und die einiges an Beklemmung löst, dann doch das bedrückende Ende: Die Ermittlungsergebnisse kommen in die Schublade, die Kreuze brennen wieder. Also – natürlich – kein Happy End. Und dann kommt ein zweites Ende. Brutal schneidet der Film zu den Original-Aufnahmen von Charlottesville aus dem letzten Jahr, gefolgt von Trumps Rede („nette, tolle Leute auf beiden Seiten“) und – da ist er wieder – David Dukes warme Worte für Trumps versöhnende Worte.

 

Uns Zuschauern bleibt jegliche Reaktion im Halse stecken. Ein Gefühl der Beklemmung, dem verbal kein Ausdruck verliehen werden kann. Vielleicht ähnlich dem Gefühl, das Ron Stallworth als schwarzer Polizist (das heißt als Schwarzer und Polizist) und Flip als jüdischer Amerikaner (das heißt als Jude und Amerikaner) haben? Aber es ist ja noch viel schlimmer. Denn nicht nur ist es traurig und ernüchternd, dass die Dinge heute kaum besser sind als in den 1970ern, dass Ron mit seiner geistreichen Unterwanderung des KKK nichts erreichen konnte. Trump spricht genau das aus, was man selbst (vielleicht unreflektiert, aber seien wir ehrlich: wer reflektiert schon, wenn er in die Glotze schaut?) denkt, wenn man sich die Rassisten und die Anti-Rassisten angeschaut hat: Eigentlich sind die doch gleich, auf beiden Seiten gibt es nette und weniger nette, gewaltbereite und weniger gewaltbereite und dieses aggressive Auftreten, diese Parolen, dieses von-etwas-Überzeugtsein ist doch in beiden Fällen für den Zuschauer eher unangenehm. Und das wiederum – dass man geneigt ist, genau diesen „trumpschen“ Schluss zu ziehen – ist ein tieferliegender, systematischer Ort für Rassismus, der weit darüber hinausgeht, dass ein gewisser Prozentsatz von Menschen einfach verquere Ansichten hat oder an die falschen Leute geraten ist.

 

Als deutscher Zuschauer kommt man nicht umhin, an Chemnitz zu denken. Unser Diskurs geht vielleicht ein bisschen anders: Hier sind es eher die Rechten und die Linken. Unser Rassismus geht womöglich heute eher spezifisch gegen Flüchtlinge, vielleicht eher gegen andere „Kulturkreise“, aber das Phänomen ist das gleiche. Bei oberflächlicher Betrachtung, wenn wir uns nur berieseln, passiv zudröhnen lassen (egal ob von „liberalen Medien“ oder AfD-Facebookgruppen?), ist das in der Tat alles das gleiche.

 

Wenn uns nun ein Film zwingt, und wenn auch nur einen Abend lang, darüber nachzudenken, ob diese Ineinssetzung so richtig sein kann, ist das eine Meisterleistung und Bildung im echten Sinn. Freilich klingt ein melancholischer Ton nach, denn auch der Film ist ein Medium der Passivität, dafür aber ein Massenmedium. Und freilich geht BlacKkKlansman mit der brachialen Gegenüberstellung zu Charlottesville auch ein Risiko ein, das sich in belauschten Gesprächen im Kinosaal und im Foyer auch realisiert hat. Denn es ist sehr einfach, einen einsetzenden Prozess der Selbstreflexion (oder sogar Selbsterkenntnis?) unter Verweis darauf abzubrechen, wie dumm doch eigentlich dieser Trump ist und was der für eine lustige Frisur hat. Dann sind wir auf dem geistigen Niveau der Heute Show und die Differenzierungen, die sich so eben ganz sanft herauszubilden begonnen haben, verschwimmen schon wieder im Einheitsbrei unsrer halbgebildeten Bürgerlichkeit