Der fette Tourist und die Heuchler (Narcos)

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So banal endet also der Schrecken: Ein fetter Tourist hockt auf einer Parkbank und unterhält sich mit seinem besten Freund. Ein schönes Gespräch über vergangene Zeiten, zart nostalgisch, von gegenseitigem Verständnis getragen, aber auch von einer Verwunderung darüber, was aus beiden geworden ist. Der Freund, voll im Saft, kaum gealtert, sieht aus wie Che Guevara zu seinen besten Zeiten. Der andere sieht aus, als hätte er Che Guevara gegessen.

Der Freund, Gustavo, ist lang schon tot. Er hat den Verfall des Drogenimperiums nicht mehr miterlebt – weil der Verfall in seinem Tod seinen Ausgangspunkt genommen hat, das wird dem anderen spätestens jetzt klar. Der andere ist Pablo Escobar. Er ist fett geworden und grau, tapst herum in seinen Flip Flops, seinen hochgekrempelten Jeans und seinem Wuschelbart wie ein etwas peinlicher, aber liebenswürdiger Vorstadt-Papa. Gerade hat er seine Henkers-Mahlzeit verzehrt: Ein Erdbeereis mit Sahne. In seinem Selbstgespräch mit Gustavo kommt noch einmal seine faszinierende Zerrissenheit zum Ausdruck. Er ist Familienmensch, warmherziger Freund, Vaterfigur und Massenmörder. Das spiegelt sich in seiner Unterhaltung mit Gustavo. Pablo hat in diesem Moment einen beneidenswert direkten Kontakt zu sich und seinem Leben. Er weiß genau, wie es um ihn bestellt ist und was persönlich und geschäftlich aus ihm geworden ist, er kann sogar die Gründe hierfür erkennen. Als Gustavo die Essenz ihres Lebens auf den Begriff bringt (in der englischen Übersetzung: „Let’s cut the bullshit. We are bandits, Pablo. Right?“), liegt in Pablos Blick eine unendliche Schönheit: Er hat sein Leben verstanden. Und dennoch schwadroniert er im selben Gespräch von Cäsar und davon, was Cäsar als 44-jähriger noch so alles geschafft hat. Das ist der andere Pablo, der sich dumm und dreist und ohne jeden Kontext narzisstischen Größenphantasien hingibt, für die tausende von Menschen sterben mussten. Jetzt müssen aber nur noch ein paar Polizisten sterben, der letzte Sicario Limon und natürlich der Held der Geschichte. Da liegt er also, das Poloshirt über die Plauze gerutscht, und die Polizisten posieren mit seiner Leiche wie mit einem Tierkadaver nach der Jagd. Der Erzähler Murphy bringt zum Ausdruck, was wir alle denken: Das solls jetzt gewesen sein? A toter fetter Tourist ohne Schuhe am Dach? Echt jetzt?

Narcos ist – Stand jetzt – eine großartige, sehr unterhaltsame, wunderbar gemachte Serie über Leben und Tod von Pablo Escobar und hat, falls sich die Serienmacher wirklich etwas trauen (wenn sie, im Vokabular der Serie, cojones haben), das Potential zu einem bahnbrechenden Meilenstein. Warum?

Klar – vordergründig geht es in den ersten beiden Staffeln um Pablo Escobar, um Kolumbien, um die DEA und auch um das Verhältnis der koksenden ersten zur koksproduzierenden dritten Welt. Dieses letztgenannte Verhältnis lässt sich auf unterschiedliche Weisen beleuchten. Die durchaus berechtigte, aber immer auch ein bisschen platt daherkommende Standard-Keule besteht in der Feststellung, dass „wir“ die etwas unangenehmen und nicht mit unserem moralischen Selbstbild kompatiblen Voraussetzungen unseres Wohlstands auslagern – Die Kinderarbeit für unsere billigen Turnschuhe nach Asien; die Herstellung der Hendl-Brüste im Discounter nach Afrika und eben nach Lateinamerika die Produktion unserer Lifestyle-Drogen, deren Konsum auf der Wiesn, vor und nach Agentur-Pitches und großen Law-Deals uns schon wichtig ist – aber bitte ohne diesen unzivilisierten Drogenkrieg. Das Verhältnis zwischen den USA und Kolumbien, näher: zwischen den verfolgenden Behörden und den Produzenten vor Ort lässt sich auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten, für den Anfang und Ende von Narcos (Stand jetzt, nach den ersten beiden Staffeln) einen entscheidenden Anhaltspunkt geben: Das Spiel zwischen Überwachern und Überwachten. Denn wie fängt Narcos an? Mit einem Verweis auf heute: Heute gibt es die NSA, alles kann abgehört werden und wird abgehört. Aber 1989 war das noch nicht so einfach. Als Murphy das erklärt, sehen wir im Eingangsshot der ersten Folge ein Aufklärungsflugzeug über das nächtliche Bogotá summen. Die damit einhergehende technische Möglichkeit der Überwachung ist aus heutiger Sicht nahezu lächerlich: Man bekommt nur etwas mit, wenn das Flugzeug direkt drüber fliegt. Es folgt ein flashforward zur in der Chronologie der Serie erst viel später stattfindenden Szene, in der Pablos Sicario Poison getötet wird. Er wird getötet, weil es gelungen ist, ein Satellitentelefonat abzuhören. Was folgt, ist nicht eine ordnungsgemäße Verhaftung, sondern eine Exekution von Poison und allen, die (zufällig oder nicht zufällig) im selben Lokal feiern. Das erinnert an Terroranschläge, wie wir sie heute gewohnt sind, mit dem Unterschied, dass hier der Anschlag von offizieller Seite kommt. Sprung zum Ende der zweiten Staffel: Auch hier gelingt es, das Ziel durch Überwachung zu lokalisieren. Dass die Technik auch 1993 noch nicht besonders ausgereift ist, zeigt der erste, gescheiterte Zugriff. Die letzte Sicherheit gibt nur die persönliche Sichtung Pablos am Fenster. Am Ende erwischen sie ihn aber alleine dank der Überwachung.

Aus der Logik der Serie heraus und Murphys einführenden Worten samt ihrem Verweis auf heute möchte man meinen, dass mit den heutigen technischen Möglichkeiten „so etwas“ wie Pablo Escobar überhaupt nicht mehr möglich wäre. Unsere Realität zeigt aber das genaue Gegenteil: sehr wohl gibt es „so etwas“ noch und zwar brutaler und schlimmer als man es sich wahrscheinlich in Kolumbien in den 1980ern hätte vorstellen können. Die drogenbezogene Gewalt in Mexiko hat nämlich ein solches Ausmaß erreicht, dass man sich Zustände wie unter Escobar zurückwünscht. Hiervon unter anderem handelt zum Beispiel der 2015er Film Sicario. Diesem Befund des status quo schließen sich zwei Fragen an. Erstens: Warum ist das so? Die lässt sich hier natürlich nicht beantworten. Zweitens: Wird Narcos hierauf eingehen? Ich glaube, dass sich Narcos ab der dritten Staffel nicht nur von Pablo Escobar (klar, der ist tot), sondern auch von der Zentriertheit auf einen Protagonisten verabschieden und den War on Drugs im weiten Sinn in den Blick nehmen wird. Dem geht ein Wechsel nach Mexiko einher, der wahrscheinlich schon im Verlauf der dritten Staffel stattfindet, denn es ist kaum vorstellbar, dass eine ganze Staffel sich dem vor allem im Vergleich zu den ersten beiden Staffeln eher langweiligen Cali-Kartell widmet. Dabei wird es vor allem um das Spiel zwischen Überwachern und Überwachten gehen. Narcos wird eine Antwort auf die Frage geben, warum unter den technisch extrem verbesserten Bedingungen heutiger Überwachung die Gewalt nicht ab- sondern zunimmt. Ich vermute, die These der Serie wird darin bestehen, dass technischer Fortschritt in der Überwachung eine eskalierende Wirkung auf die Überwachten hat. Denn wer kommt als Urheber unermesslicher Gewalt in Betracht: Der fette Tourist vom Dach? Murphy ist hier zu Recht enttäuscht. Denn weder kann der Moment des Tötens von Pablo ihm irgendwelche Erklärungen für die Gewalt der Vergangenheit anbieten noch hat er Auswirkungen auf die Zukunft. Das Böse ist nicht nur insofern banal, als seine Ausführung in der Welt durch die im Grunde gleichen Leute geschieht wie die Prüfung der Zuteilungsreife eines Bausparvertrags, sondern auch indem es in den „äußeren“ Strukturen wohnt: Angebot, Nachfrage, Schlag, Gegenschlag, Überwachung, X – was ist das Pendant zur Überwachung? Bislang wissen wir nur, dass die Gewalt eskaliert. Falls Narcos sich diesem Thema auch nur annähert, wäre das ein Paukenschlag im leisen, gleichförmigen Summen heutiger Heuchler.