Raus aus der Moderne (Richard Rorty)

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Der 2007 verstorbene Richard Rorty ist einer der größten und streitbarsten Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hochbegabt und im linksintellektuellen Umfeld aufgewachsen, war er seinen Mitmenschen (Schülern, Freunden, Studenten etc.) in geistiger Hinsicht weit voraus, in manch anderer Hinsicht vielleicht auch hinterher. Er wurde philosophisch im Umfeld der analytischen Philosophie sozialisiert, einer wirkmächtigen philosophischen Richtung des 20. Jahrhunderts (vor allem im angelsächsischen Bereich), die ausgehend von einem Ansatz, der die Sprache als mehr oder minder unhintergehbaren Horizont des Denkens setzt, ein sehr technisches und fachspezifisches Verständnis von Philosophie herausgebildet hat. Zunächst wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Hoffnungen auf Welterschließung in diese Denkrichtung gesetzt, die aber im Laufe der Zeit mehr und mehr und jäh abgetragen wurden. Rorty wurde philosophisch in eine Zeit hinein ausgebildet, in der der Umbruch der analytischen Philosophie gerade begonnen hatte, Stimmen, die fundamentale Kritik an den Prämissen der analytischen Philosophie geübt haben (allen voran Quine und Sellars) lauter wurden. Von Anfang an konnte er nie sein Gefühl ablegen, ein krasser Außenseiter zu sein.

Nach eigenem Dafürhalten hat er es als junger Mann, im Unterschied zu seinen abgeklärten, zynischen Kollegen ernst gemeint mit der Philosophie im alten Sinne, mit dem Anspruch, vereinigende Gedankengebäude bauen zu können, sich die Welt mithilfe des Denkens erschließen zu können. In seinem späten Essay Trotsky and the Wild Orchids hat Rorty, Freund der Schönheit der Natur und Anhänger von liberalen (wir würden sagen: sozialistischen oder sozialdemokratischen) Gerechtigkeitsvorstellungen den Versuch unternommen, seinen grundlegenden Antrieb des Philosophierens zu umschreiben. Er wollte, was schon Platon wollte, das ist: die Dinge verstehen und zwar nicht (wie manch ein analytischer Philosoph) die im Rahmen eines hochkomplexen und von Fremdwörtern und Fachausdrücken durchseuchten Fachdiskurses selbst entworfenen Probleme, bei denen nur eine Handvoll über viele Jahre Eingeweihter versteht, warum es sich überhaupt um Probleme handelt. Rorty wollte die Dinge verstehen, wie sie sind, in einem komplex vermittelten Zusammenspiel aus Erkenntnis, Schönheit und Gerechtigkeit. Das 20. Jahrhundert war hierfür längst kein Boden mehr. Nach langen Jahren der Kommentierung, der Edition des bedeutenden Sammelbandes The Linguistic Turn und der umfassenden Befassung mit der Philosophie- und Ideengeschichte hat Rorty 1979 sein erstes Hauptwerk Philosophy and the Mirror of Nature veröffentlicht, ein scharfer und detailreicher Abgesang auf die Erkenntnistheorie (der maßgebliche Bereich der Philosophie im Theoretischen). Nach Rorty besteht Fortschritt (in allen Bereichen, so auch im Denken) darin, dass die Redeweise über die Dinge geändert wird (er nennt das einen Wechsel im Vokabular) und sich im Großen und Ganzen ein Konsens bezüglich dieser Redeweisen herausbildet. Bei diesem Wechsel helfen uns Metaphern. Eine Metapher zeichnet sich nach Rorty nicht zwingend durch ihre Bildhaftigkeit aus (und steht damit nicht im Gegensatz zu einer wie auch immer gearteten wörtlichen Redeweise), sondern dadurch, einfach völlig anders zu sein als die Tradition. Ihr wohnt also ein irritierendes Moment inne (das auch ein wesentliches Merkmal von Kunst ist). Wenn die Metaphern besonders schick sind oder etwas schon in der Zeit noch unartikuliert Schlummerndes aufgreifen, schließen sich vielleicht immer mehr Menschen dieser Redeweise an. Und irgendwann sind die Dinge dann so, wie wir über sie reden. Da wir weder als denkendes Subjekt noch als von bestimmten kulturellen Banden gefestigte Gemeinschaft aus unserer Haut können (wir können  keinen neutralen Standpunkt einnehmen), werden wir nie wissen, welche Redeweise wahr oder wahrer ist, in einem Sinne, dass sie übereinstimmt mit einer Welt jenseits unserer Sprachpraxis. Sofern es um alte philosophische Probleme geht, schlägt Rorty sich nicht auf eine Seite der Tradition, sondern verabschiedet, selbst Metaphern in seinem Sinne benutzend,  diese gänzlich, meist mit dem Hinweis darauf, wie schön es doch wäre, würde man die und die Unterscheidung gar nicht mehr treffen. Hier klingt auch das philosophische Problem der Moderne an. Der moderne Denker muss sich damit abfinden, aber auch gleichzeitig damit beschäftigen, als denkendes Subjekt nicht über sich und über die Zeit, in der er denkt, hinauszukommen. Seit Hegel wird Philosophie von vielen als „ihre Zeit, in Gedanken gefasst“ gesehen. Diese Herangehensweise wird zudem von Rortys Pragmatismus gestützt. Wo, wenn nicht in der Praxis der Zeit, in der man nachdenkt, soll man mit dem Nachdenken ansetzen. Wir haben keinen unvermittelten Zugriff auf Welt, Vergangenheit, auf andere. Dabei hebt uns die Sprachpraxis, in der wir uns immer schon vorfinden, von einer isolierten Subjektivität hinzu einer intersubjektiven Gemeinschaft ab, macht uns aber gleichsam die komplexen Vermitteltheiten des Miteinanders bewusst. Rortys Schüler Robert Brandom löst das Problem der Vermittlungen, indem er das Philosophische als implizit in den sozialen Praktiken schlummernd ansieht und dem Philosophen die Aufgabe zuweist, diese Implikationen explizit zu machen (sein Hauptwerk trägt den Titel Making it explicit).

Eine tiefe und von Rorty eindringlich und häufig umschriebene Einsicht besteht darin, dass es für den Denker keinen neutralen Standpunkt gibt. Wie aber, lautet die Anschlussfrage, ist dann Philosophie überhaupt noch möglich, im Sinne eines universalistischen, umfassenden, wahrheitsfähigen Denkens über die Dinge, wie sie wirklich sind? Nach Rorty bleibt nicht mehr, als die eigene Zeit in Gedanken zu fassen, bestenfalls in einer auf Metaphern fußenden, anschlussfähigen Weise. Sein von ihm selbst gesetztes oberstes politisches Ziel besteht dabei in der Vermeidung von Grausamkeit. Aber auch dieses Erfordernis lässt sich nicht philosophisch herleiten, was auch nichts bringen würde, da ähnlich gestrickte Leute es sowieso einsehen und ganz andere auch nicht durch sowieso unverständliche philosophische Erklärungen zu überzeugen wären. Die Rolle des Kulturhelden weist Rorty insofern nicht dem Philosophen zu, sondern dem Dichter, der, so hofft er, durch das Erzählen von „rührseligen Geschichten“ Mitleid bei den Menschen erregt. Dies und vieles mehr legt Rorty in seinem Hauptwerk Kontingenz, Ironie und Solidarität von 1989 dar.

Seine hauptsächliche Stoßrichtung ist insofern eine destruktive, negative. Hier ist er typisch modern und vielleicht auch typisch für die Geisteshaltung, die man landläufig als postmodern umschreibt. Seine Philosophiekritik füllt eine therapeutische Funktion aus. Sie soll uns heilen von falschen Hoffnungen, die wir in unsere Kraft zu denken setzen und den Weg frei machen für Phänomene wie Mitgefühl, die wirklich in der Welt etwas zum Guten ändern können. Das konstruktive Pendant zu seiner radikalen Erkenntniskritik ist eine Lebenseinstellung, die er als liberalen Ironismus bezeichnet, das Ideal des individuellen Lebensentwurfes ist die liberale Ironikerin (die weibliche Form erklärt sich durch die Tatsache, dass viele amerikanische Intellektuelle selbstverständlich „gendern“, dies aber nicht in einer in Deutschland üblichen und unschönen Doppelnennung beider Geschlechtsformen, sondern indem sie bei unpersönlichen Begriffen das weibliche Personalpronomen benutzen [also: she]). Ein Liberaler in diesem Sinne ist jemand, der in Bezug auf die Gemeinschaft der Vermeidung von Grausamkeit den Vorrang vor allem anderen einräumt. Ironisch ist jemand, der in Bezug auf seine ureigenen Überzeugungen von der tiefen Einsicht geprägt ist, dass sie sich nicht auf eine raumzeitlose Instanz rückbeziehen, die sie gegenüber dem Leben rechtfertigen könnte, sondern dass sie genauso gut auch anders sein könnten. Diese Einstellung bezieht natürlich auch das liberale Element mit ein. Ein solches Konzept ist, sofern man es (im eigentlichen Sinne: völlig unironisch) ernst nimmt, verbunden mit einer tiefen Melancholie, die verstärkt wird durch den Abgleich im Lebensglück mit Menschen, die den Ironismus gerade nicht zu ihrer Überzeugung zählen, die beispielsweise glauben können – an Gott, die Wissenschaft oder die Philosophie.

Hinter allem steht die Einsicht Rortys, dass es keine einheitliche Theorie des Privaten mit dem Öffentlichen geben kann. Begibt sich Rorty mit dieser Einsicht zur Begründung seiner Theorie hinter den Kosmos, der von der Theorie als zulässiges Terrain angesehen wird, begibt er sich auf einen raumzeitlosen Standpunkt? Vielleicht ist es nur die Leiter aus der alten Zeit, die weggeschmissen werden muss, sobald man mit ihrer Hilfe empor- oder heruntergestiegen ist. Rortys beschwingt, originell und lustig daherkommendes Werk ist durchzogen von einer Grundtraurigkeit, die dieser tiefen Einsicht und damit einhergehend der Enttäuschung seiner frühen Hoffnungen entspringt. Der Zyniker ist halt immer auch ein enttäuschter Idealist, in diesem Fall einer, der in seinem Werk für das Gute eintritt. Mindestens das sollte man Rorty zu Gute halten.