Das Wesentliche ist für die Wissenschaft unsichtbar (Breaking Bad)

Kunst & Leben |

Mittlerweile dürfte die zu Beginn eher als leicht abwegiger Underdog geltende Serie Breaking Bad den Interessierten in Deutschland ein Begriff sein. Sie ist, nach dem Ende der meisten vielbeachteten US-Serien mit großer Qualität und dem verpassten Absprung zur rechten Zeit der übrigen Serien von einst guter Qualität, momentan die zentrale Serie mit Anspruch in den Vereinigten Staaten. Sie hält uns modernen, vermeintlich so harmlosen und zivilisierten Menschen einen Spiegel vor, in dem wir unsere hässlichen Untiefen auf eine hochamüsante Weise betrachten dürfen.

Ihr Ausgangspunkt ist so simpel wie brillant. Der ein fast unerträglich biederes Leben führende Chemielehrer Walter White, der einen beinahe volljährigen behinderten Sohn hat und dessen Frau in recht hohem Alter nochmal unerwartet schwanger wird, wird mit einer Lungenkrebs-Diagnose konfrontiert, unheilbar, nicht mehr lange zu leben. Durch seinen Schwager, der bei der Drogenpolizei arbeitet, bekommt er mit, wie viel Geld mit Drogen zu verdienen ist. Also beschließt er, auf seine überragenden chemischen Kenntnisse bauend, Crystal Meth, eine synthetische Droge, „zu kochen“. Zur Hilfe nimmt er sich seinen ehemaligen Problemschüler Jesse, ein bis dahin kleiner Fisch, im Innern guter Kerl, der aber nichts auf die Reihe bringt und sich mit Gelegenheitsdealereien und ähnlichem über Wasser hält. Walter ist, wie sich schnell herausstellt, ein genialer Chemiker und klarer, rationaler Kopf. Bereits in der fast schon unheimlich perfekt inszenierten ersten Doppelfolge geraten die beiden tief in den Drogensumpf. Die Serie begleitet Walter forthin auf seinem Weg zur Verdammnis. Sie ist dabei radikal und schonungslos und wir sehen nicht nur, wie Walter immer tiefer in die Kriminalität abgleitet, sondern auch, welch destruktive Folgen sein zu Beginn fast noch harmloser Entschluss hat, wie er letztlich sein gesamtes Umfeld zerstört. Das zeigt Breaking Bad in einer bewundernswerten Härte, in der Darstellung von Gewalt und menschlicher Verrohung. Hauptdarsteller Bryan Cranston liefert in der Gesamtheit eine Darstellung ab, wie es sie in der Filmgeschichte recht selten gab. Hierfür wurde er von Anfang an mit Preisen überhäuft. Frappierend für den Zuschauer ist, sofern er sich zurücklehnt und über die eigenen Gefühle und Einstellungen beim Sehen der Serie reflektiert, wie die Sympathien verteilt sind. Obwohl Walter White sich als Mörder, Betrüger, rücksichtsloser Drogendealer entpuppt und, was vielleicht als eigentlich noch schlimmer bewertet wird (die „Opfer“ von Mord und Drogen sind ja selbst mindestens zwielichtig und haben sich vermeintlich freiwillig in die gefährlichen Situationen begeben), als intrigant, manipulativ und gefühlskalt im intimen zwischenmenschlichen Umgang, bleiben die Sympathien weitgehend ihm verschrieben. Das liegt zum einen natürlich an der Perspektive der Serie, die ihn in den Mittelpunkt stellt. Außerdem ist er ein Genie, jemand, dem man aus gesicherter Distanz gerne dabei zuschaut, wie er seine Talente auslebt. Zudem sind, wie ich meine, seine Motive mit zwei Aspekten verknüpft, die in unserer modernen Welt mit einem gewissen Pathos unterlegt sind und die, selbst wenn viele Menschen sterben und schlimme Sachen drum herum geschehen, in der Regel höher bewertet werden als die genannten Kollateralschäden. Die Aspekte sind: Familie und instrumentelle Vernunft.

Wir haben heute, in der aufgeklärten Moderne, zwar keine sippenähnlichen Vorstellungen von Familie mehr, verknüpfen aber mit dieser moralischen Institution nach wie vor einen großen Pathos. Walters Motiv, so zumindest seine immer mal wiederkehrenden Rechtfertigungsversuche, auch gegenüber sich selbst, besteht darin, für seine Familie zu sorgen, im großen Stil und mit Hinblick darauf, dass er wahrscheinlich bald an Krebs stirbt. Bei einem solch hehren Motiv ist die Toleranzschwelle, was randläufige Einbußen wie den Tod und das Leid anderer betrifft, deutlich höher angesetzt als normalerweise. Dieses Motiv lässt sich in vielen Serien und Filmen vor allem aus den USA finden (vom Paten hinzu Heroes). Man kann gegen solche aus einer gewissen Zeit heraus mit Pathos belegte Konzepte, hier folge ich Richard Rorty, nicht großartig argumentieren, da sich jemand, der hiervon überzeugt ist, kaum durch Argumente wird abbringen lassen. Daher bleibt zu hoffen, dass dieses Pathos schlichtweg aus der Mode kommt. Beitragen dazu könnte man am ehesten, indem man über das Leben schreibt oder Kunst macht, die ohne diesen Aspekt auskommt, aber das soll hier nicht das Thema sein.

Zweitens denkt und argumentiert Walter ausschließlich in den Bahnen instrumenteller Vernunft. Für ihn ist das vernünftig, was ihm zum Erreichen bestimmter Ziele gereicht. Diese Argumentationsweise hat schon Thomas Hobbes 1651 im Leviathan beschrieben. Dort geht es um die Beschreibung der sozialen Verhältnisse im sogenannten Naturzustand, einem gesellschaftlich und staatlich ungeregelten Zustand, aus dem heraus nach Hobbes’ Theorie die Menschen einen Vertrag schließen, durch den sie einen Staat gründen und, so Hobbes‘ Version, einen starken Herrscher, den Leviathan, ermächtigen. Da Hobbes wie der Mainstream der neuzeitlichen Philosophen den Menschen zunächst mal als rational eigeninteressiertes Individuum betrachtet, musste er begreiflich machen, warum es im rationalen Eigeninteresse eines jeden Individuums liegt, dem Vertragsschluss zuzustimmen. Die Menschen müssen ohne regelnden Staat immer Angst haben, vom anderen umgebracht oder sonstwie geschädigt zu werden. Also ist es für sie vernünftig, dem anderen zuvorzukommen (eine erste Spielart instrumenteller Vernunft). Dies führt zu einem destruktiven Mechanismus, da jeder immer jedem zuvorkommen will, sodass es letztlich für jeden einzelnen (auch für den Stärksten, der aus Zufall oder im Schlaf o.ä. umgebracht werden kann), nach Hobbes‘ Argumentation, vernünftig ist, dem Vertragsschluss, mithin der Errichtung des Staates zuzustimmen (eine weitere Spielart instrumenteller Vernunft). Da dem eine überschießende Tendenz innewohnt, hat sich die skizzierte Art des Argumentierens aber mit Gründung der modernen Staaten nicht erledigt, sondern sie hat überlebt und findet nun Anwendung in einem staatlich und gesellschaftlich vorstrukturierten Kontext. Meiner Ansicht nach sind Konzepte instrumenteller Vernunft eine unbrauchbare Verknappung, die zwar zu schönen, eleganten Theorien wie der Hobbesschen herangezogen werden können, vielleicht auch zur Analyse einzelner Aspekte der Wirtschaft usf., letztlich können sie aber das Menschliche, das, worauf es bei von Menschen über Menschen gemachten Theorien trotz alledem immer noch ankommen sollte, nicht erfassen.

In der dritten Folge der ersten Staffel von Breaking Bad sehen wir in einer wunderbar skurrilen Montage, als Walter und Jesse die von Säure zersetzten Überreste ihres ersten Opfers vom Boden kratzen, einen Flashback zu Walts Studenten- oder früher Lehrzeit. Er ist mit seiner Jugendliebe Gretchen in einem Hörsaal und fragt sie, woraus der Mensch besteht (Gretchen heißt hier nicht umsonst Gretchen…). Ihrer Ausbildung und Weltanschauung gemäß gehen sie das Problem chemisch an und geben in Prozentsätzen die Bestandteile des Menschen an. Wasser, Sauerstoff, Kohlenstoff usf. Am Ende kommen sie auf 99.888042% chemisch erklärbare Komponenten. Was ist mit den restlichen 0.111958%? Ich denke, Breaking Bad will hierauf eine Antwort geben. Ob man es jetzt chemisch sieht, oder eine andere Fachwissenschaft zu Rate zieht, oder ob man eben das menschliche Miteinander rational egoistisch beschreiben will, man kann mit solchen Theorien und „harten“ Fakten viel erfassen, im Falle der Chemie fast alles. Das, worauf dieses fast hindeutet, so eine These von Breaking Bad, und dem schließe ich mich vorbehaltlos an, ist aber das eigentlich Interessante. Wenn wir wirklich etwas verstehen wollen, müssen wir jenseits der wissenschaftlich vorgezeichneten Pfade gehen. Hier ist die Kunst ein probater Weg, also das, was Breaking Bad ist, aber auch das völlig unterschätzte, weil der Wissenschaft so wenig zugängliche und so banal vorkommende, wahre, erbarmungslose Leben, also das, wovon Breaking Bad handelt, sollte eine Rolle in unserer Welterklärung spielen dürfen. Hinter Walter Whites Rechtfertigungsstrategien liegen tiefere Ebenen. Was ihm gefällt, und zwar ersichtlich, ist das Ausbrechen aus dem gesellschaftlich vorstrukturierten Normenkorsett, in dem er sich so lange aufgehalten hat und aus dem auszubrechen er bislang bloß zu feige und gehemmt war. Die Welt der Drogen ist hier ein recht simpel strukturiertes Normensystem, archaisch, und mit seinen Erklärungsstrategien Familie und instrumentelle Vernunft gut überblickbar. Hier ist er, vielleicht neben Gus, der intelligenteste Akteur, anders als im wahren Leben – dort ist er, aus welchen Gründen auch immer genau, gescheitert. In der Welt der Drogen kann er seine Talente unmittelbar einsetzen und bekommt schnell und ohne Umwege Geld und Anerkennung. Wie der Sex im Auto mit seiner Frau Skyler ganz zu Beginn macht es auch einfach mehr Spaß, wenn es gegen das Gesetz ist (nicht nur nicht erlaubt, sondern gegen ein Gesetz gerichtet; against the law im Original bringt das besser zum Ausdruck). Das Problem ist bloß, dass so viele Menschen sterben müssen und so vielen Leid zugefügt wird und Walt alles um ihn herum kaputt macht (wir werden sehen, was die fünfte und letzte Staffel bringt, gut ausgehen wird’s sicher nicht). Unter dem Deckmantel von mit Pathos belegten Begriffen, die unserer Zeit zusagen, wird hier Zerstörung im großen Stil betrieben. Dabei werden nicht nur Begleitschäden in Kauf genommen, die in einer Abwägung vielleicht weniger zählen würden, sondern auch die eigentlich angestrebten Güter wie die Familie werden von der Zerstörung umfasst. Am Ende wird alles am Ende sein. Zeit vielleicht für einen Kurswechsel, ohne hoffentlich bald überkommene Pathologien und der hoffentlich dann tote oder nicht mehr relevante Walter White wird uns als matter Antiheld aus einer lang vergangnen Zeit noch weiterhin Vergnügen bereiten können.