Europa und der Tod der Postmoderne (Inglourious Basterds)

Kunst & Leben |

Mit Inglourious Basterds überwindet Quentin Tarantino die Postmoderne und weist hierbei, nicht ohne einen Resthauch Ironie, Europa eine bedeutsame Rolle zu. Er reiht sich damit ein in eine Generation amerikanischer Künstler und Denker, die aus der Perspektive ihrer bröckelnden Zivilisation dem alten Europa zu neuem Glanz verhelfen.

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Eine gefällige Diagnose, die der tristen Zeitgebundenheit unseres Daseins einen bunt hoffnungsfrohen Anstrich verleihen soll, schon tausendmal gehört und dennoch wahr. Bereits beim Ausgangspunkt gehen die Meinungen auseinander, erst recht beim Ziel. Wir kommen aus einer Zeit, die viele mit dem Begriff Postmoderne bezeichnen würden, ein Begriff, der mittlerweile bei den allermeisten bestenfalls ein gelangweiltes Kopfnicken in Anbetracht des Altbekannten und so oft schon Diskutierten hervorzurufen geeignet ist und der bereits auf den Alltagsbetrachtungsseiten von Lokalzeitungen und Moviereviews von Fernsehzeitschriften angekommen ist – ein starkes Indiz dafür, dass das mit dem Begriff bezeichnete Phänomen längst nicht mehr existiert. Die Postmoderne, wie sie hier verstanden wird, ist eine Denk- und Kunstströmung, die ihren Anfang zur Zeit des Zweiten Weltkriegs genommen und ihren philosophischen Höhepunkt in den 1970er Jahren insbesondere unter Ägide der sogenannten französischen Poststrukturalisten (v.a. Derrida und Foucault) erfahren hat. Ideell geht sie auf Nietzsches Diagnose der Wiederkehr des Immergleichen zurück. Nachdem spätestens seit Hegel seitens der Philosophie ihre eigene Geschichtlichkeit, seitens des Philosophen seine eigene Geschichts- und Zeitgebundenheit zunehmend in den Fokus der Reflexion gestellt wurden, konnte es nicht lange dauern, zu erkennen, dass vor diesem abstrakt gleichen Hintergrund auf einer grundlegenden Ebene immer der gleiche Schmarrn kommt. Den Philosophen treibt diese Einsicht in eine sehr melancholische Spirale. Nietzsche hat mit dem Übermenschen einen eigenen Ausweg vorgeschlagen. Dieses Konzept mitsamt Nietzsches auf dem Willen zur Macht fußender „Ethik“ haben die Nationalsozialisten aufgegriffen und zu einer philosophischen Unterfütterung des Führerkults und vor allem ihrer Rassen“ethik“ herangezogen und somit auf absehbare Zeit unbrauchbar gemacht. Unter anderem deswegen ist eine gefährliche Schieflage im Denken des 20. Jahrhunderts entstanden. Neben all den tatsächlichen Grausamkeiten haben die Nazis uns auch einer bereits in Nietzsches Denken wie auch im intellektuellen Diskurs des anfänglichen 20. Jahrhunderts mindestens angelegten Möglichkeit des Weiterdenkens beraubt. Kunst und Denken befinden sich seither in einem teils melancholisch akzeptierten, teils hysterisch thematisierten, teils passioniert gehassten Zustand des Auf-der-Stelle-Denkens und Nicht-aus-der-Haut-Herauskönnens. Wie meist haben sich diese philosophisch vorgedachten und künstlerisch antizipierten Probleme auch auf die Einstellungen der philosophie- und kunstfernen Teilnehmer des alltäglichen und allgemeinöffentlichen Diskurses niedergeschlagen. Hier ist die wohl häufigste Reaktion eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Kunst und Philosophie, getragen von einem gemeinschaftsstiftenden Gefühl des hart und unerschütterbar in der alltäglichen Realität Seins. Auf der eben umrissenen engen Plattform des Nicht-so-recht-Herauskönnens hat sich eine sogenannte Popkultur herausgebildet. Etwas überspitzt und unter Betonung der negativen Facetten, haben die Vertreter dieser Kultur sich von allem Tiefgründigen, Ideellen, Schönen, Wahren usf. verabschiedet und geben sich teils mit großem Pathos dem Zitieren hin. Wenn alles eh schon da war, bleibt es dem Künstler im Grunde nur, auf originelle Art Altes aufzufrischen.

Ein großer Held dieser Kultur ist Quentin Tarantino. Diesen Status hat er sich sowohl mit seinem Werk, allem voran Pulp Fiction (der Film der 1990er Jahre, der ein Film über die 1970er Jahre ist), als auch mit der Darstellung und Vermarktung seiner Person erarbeitet. Lange galt er und er gilt weitläufig wahrscheinlich immer noch als der große Zitierer, der aus der eben beschriebenen Resignation heraus aus trivialem Schrott Kunst macht, dabei nach außen immer cool, sich nie auf einen Inhalt, eine Position festlegen lassend. Wenngleich in früheren Filmen auch gewisse Momente der Überwindung angedeutet werden (man denke an Jules‘ religiös motivierten Ausstieg in Pulp Fiction), unternimmt Tarantino erst mit Inglourious Basterds einen großangelegten Versuch, die Postmoderne zu überwinden. Unter anderem da er viele Jahre immer wieder am Buch für diesen Film geschrieben hat wie auch aufgrund des Anklingens in vorigen Filmen lässt sich vermuten, dass diese Überwindung ihm immer schon ein zumindest vages Anliegen war.

(Meiner Meinung nach gibt es keinen Künstler der Postmoderne, der glücklich ist mit seiner Zeit und diejenigen, die als die Zeit huldigende Vorreiter gelten, haben einen kleinen, sie mit einer nie ganz zu tilgenden Resttrauer durchziehenden Pakt mit dem Teufel geschlossen.)

Wie also geht Tarantino vor? Von vornherein ist die Überwindung einer Zeit mit aus dieser Zeit gespeister Kunst schwierig und paradox. Tarantino wählt einen Weg, der sich zusammensetzt aus einer komplexen Verschachtelung von im Film thematisierten Inhalten, dem Film zugrundeliegenden Annahmen und der Einbeziehung seiner Rolle als Regisseur, der gerade diesen Film dreht, in gerade diesen Film. Die erste Ebene löst das oben beschriebene ideengeschichtliche Dilemma, die zweite bekräftigt die Möglichkeit des auf der ersten Ebene unternommenen Versuchs und gibt uns ein bisschen vom Weltgeist zurück nach Europa, die dritte lässt sich als Huldigung eines unintellektuellen Künstlertyps verstehen.

Inglourious Basterds thematisiert die Auslöschung der Nazis. Im Film wird die größte Sehnsucht einiger damaliger Zeitgenossen sowie heutiger Intellektueller und Kunstschaffender wahr – letztere können zum einen im Rückblick das volle Panorama des Grauens erfassen, sofern der Geist des Einzelnen zu so etwas fähig ist, außerdem sind sie als Kinder der heutigen verfahrenen Zeit auch ganz persönlich von den Folgen betroffen. Die Nazis werden in einem Kino verbrannt – eine erste und offenbarste Parallele von Inhalt zur performativen Ebene: im Film geschieht genau das, was Tarantino mit seinem Film macht. Kunst, genauer: Kino ist, so die Aussage des Films, dazu in der Lage, die Geschichte zu ändern, neu zu schreiben. Das Feuer wird dabei von alten Filmrollen entfacht, Symbol für die Kraft der auf Zitaten fußenden Filmkunst von Tarantino wie auch Andeutung der Überwindung dieser Art des Filmemachens. Was natürlich auch mit abbrennt, ist das Kino selbst.

Alldem liegen einige Prämissen zugrunde, die gut in die heutige philosophische Zeit passen. Kunst kann nie die volle Wirklichkeit abbilden. Kunst, sofern sie Historisches aufgreift, kann nie die Dinge, wie sie wirklich waren, abbilden. Von einem solchen Mimesis-Gedanken sind wir lange abgekommen. Jetzt ist es aber auch schwierig, eine ganz genaue Grenze zwischen den harten Fakten/dem Wissenschaftlichen und der eher meinungsbetonten Sphäre der Kunst zu ziehen. Wir als Drittes müssen diese Abgrenzung immer vor einem Horizont der Mindestvorbestimmtheit treffen. Das macht in den allermeisten Fällen gar nichts aus, führt aber einen vor allem der Philosophie eigenen, auf Generalisierung ausseienden Denkansatz schnell vor große Probleme. Diesen Unschärfen werden normalerweise eher negative Aspekte abgewonnen. Unter anderem so lässt sich auch der negative Strudel des 20. Jahrhunderts erklären. Aber warum soll man diese Unschärfen nicht auch ins Positive wenden können? Wir können vielleicht nicht nur nichts mehr mit allerletzter Gewissheit wissen, vergangene Dinge müssen vielleicht auch nicht für alle Zeit unabänderbar in Stein gemeißelt sein. Hier ist die Kunst eine tolle Alternative zur vermeintlichen Realität. Ein bisschen übers Knie gebrochen: Wenn uns diese Scheißzeit schon sicheren Inhalt und Schönheit und Wahrheit verwehrt, dann verwehren wir uns eben dieser Scheißzeit samt der Geschichte, die zu ihr geführt hat. Kann also die Kunst Hitler umbringen? Freilich. Fraglich bloß, wie weit das reicht. Ich denke, es reicht weit genug, um uns wieder Luft zum Weiterdenken zu geben.

Mit Inglourious Basterds vollzieht Tarantino einen weiteren Paradigmenwechsel seines Kinos, vielleicht der Zeit. Er verlagert sein Werk inhaltlich, ideell und tatsächlich nach Europa, ein Vorgehen, das er sofort wieder durch den Sieg des durch und durch amerikanischen Aldo Raine über den durch und durch europäischen Hans Landa ironisch bricht (hierzu gleich mehr).

(Die ideelle Ausrichtung auf Europa geht weiter: Sein neuer Film Django Unchained greift Motive des Nibelungenlieds auf, was seit Hitlers Tod in Inglourious Basterds keinerlei faden Beigeschmack mehr hat; Christoph Waltz spielt einen eloquenten deutschen Zahnarzt, der sein Geld als Kopfgeldjäger verdient.)

Auch wenn man es heute fast nicht glauben mag, lagen oder liegen vielleicht immer noch die Hoffnungen vieler Intellektueller auf Europa. So endet Habermas‘ Philosophischer Diskurs der Moderne mit einem fast rührenden, flammenden Plädoyer für Europa, das in einem solch unerwarteten Ausbruch an Pathos vorgetragen wird, dass Habermas sogar auf die Benutzung seiner Lieblingsmetapher „aufspreizen“ verzichtet.

Tarantino gibt auch eine Antwort auf die Frage, welcher Art von Künstler, welcher Art von Kunst es hierzu bedarf. Die Antwort lautet freilich: ihn und seine Kunst. Im Film stehen sich Aldo Raine und Hans Landa gegenüber. Zwar kommt Landa davon, wird aber in einem letzten Triumph von Raine gebrandmarkt. Der ungebildete, pragmatische Raine hat gegen den eloquenten, gebildeten Landa gewonnen. Raine steht dabei für Tarantino. Tarantino ist zwar intelligent und hochgebildet, vor allem was Filme betrifft, aber bei Weitem kein Intellektueller im klassischen Sinne. Unter anderem hat er eine Rechtschreibschwäche, die er im falsch geschriebenen Titel Inglourious Basterds andeutet. Bei allem Erfolg wird er in manch pikiert feuilletonistischen Kreisen wohl nach wie vor eher als leicht verrückter, kreativer Zeitgeistreiter denn als großer Künstler unsrer Zeit wahrgenommen. Wie Raine im Film schafft es Tarantino aber, vielleicht gerade weil er aufgrund seiner nichtintellektuellen Art unterschätzt wird, der Kunst und der Geschichte sein Brandmark beizubringen. Das relativiert natürlich auch Tarantinos Hinwendung zu Europa wie seine Auslöschung der Nazis. Der Amerikaner fügt dem Europäer eine dauerhafte Erinnerung an die Nazizeit bei, die zwar vorbei ist und die uns nach Tarantinos Film nicht mehr im gleichen Maße hemmen muss wie zuvor, die aber das Gewesene nicht völlig vergessen lässt. Tarantino tut hierbei etwas Schönes, philosophisch Unzulässiges, im Kern Pathologisches, das meines Erachtens das große verbleibende Privileg des Künstlers bleibt: Er parallelisiert sein persönliches Schicksal mit dem Verlauf seiner Zeit. Die Postmoderne lässt sich vergleichsweise so überwinden, wie Tarantino die Widerstände der Welt bis zu dem Punkt überwunden hat oder überwinden wird, an dem er als der große Künstler anerkannt wird, der er ist. Der letzte Satz des Films lautet, von Aldo Raine in proletigem Englisch hingenuschelt: „I think this just might be my masterpiece.“ Recht hat er.