Freud die Form, Jung der Inhalt (A Dangerous Method)

Kunst & Leben |

In A Dangerous Method zeichnet Regisseur David Cronenberg ein Bild Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kurz vor Ausbrechen des 1. Weltkriegs, wobei er versucht, der überbordenden Kreativität wie auch Destruktivität dieser Zeit gerecht zu werden, indem er in einem an das Rational-nüchterne Sigmund Freuds angelehnten Rahmen ein filmisches Bild malt, das dem Überbordend-metaphysischen Carl Gustav Jungs entspricht.

A Dangerous Method, bedeutungseinengend als Eine dunkle Begierde übersetzt, widmet sich einem Ausschnitt aus dem Leben des bedeutenden Schweizer Psychoanalytikers Carl Gustav Jung (Michael Fassbender), der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der er bekannt wird, den damals schon berühmten Übervater der Psychoanalyse, Sigmund Freud (Viggo Mortensen), kennenlernt, mit ihm eine Beziehung zwischen Vater-Sohn-Hassliebe und Freundschaft aufbaut und zerstört, und in der er eine Affäre mit einer seiner Patientinnen eingeht. Zu Beginn des Films wird diese Patientin, die junge Sabina Spielrein, in die Burghölzli-Nervenheilanstalt in Zürich eingeliefert, in der der junge Dr. Jung arbeitet. Ihre Symptome weisen eindeutig auf eine Problematik hin, die man damals als Hysterie bezeichnet hat. Aus heutiger Sicht erscheint uns ihr Verhalten gänzlich übertrieben und in vielen Kritiken ist eine als Vorwurf an Regisseur David Cronenberg und Schauspielerin Keira Knightley formulierte These zu finden, bei der Darstellung der Hysterie sei doch reichlich übertrieben worden. Auch wenn man sich freilich nicht vollends in die damalige Zeit zurückversetzen kann, glaube ich das nicht. Vieles spricht dafür, dass bestimmte Zeiten ihre eigenen Krankheiten und psychischen Untiefen hervorbringen. Die Zeit um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert war vielleicht eine Zeit, in der Frauen sexuell, aber auch in ihrer Rolle in der Gesellschaft, noch massiv unterdrückt waren, sich dessen bereits bewusst geworden sind, und diese Unterdrückung einfach nicht mehr aushalten konnten. Sabina Spielrein liefert hier ein gutes Beispiel. Ihre Hysterie rührt von Demütigung durch den Vater her und der Schuld, die sie verspürt, weil sie durch die Schläge des Vaters erregt wurde. Ihr Zustand bessert sich, als sie ihre masochistischen Neigungen sexuell auszuleben beginnt und ihre Intelligenz als Medizinstudentin ebenso ausleben darf. Später wird sie selbst eine anerkannte Psychoanalytikerin. Im Film inspiriert Spielrein Jung zu einigen seiner maßgeblichen Ideen, zum Beispiel derjenigen, dass in jedem Menschen ein weiblicher und ein männlicher Anteil vorhanden sind, eine Erkenntnis, die der echte Jung zu seiner animus-anima-Lehre ausgebaut hat. Unsere heutige Zeit mag hingegen von ganz anderen psychischen Krankheiten gekennzeichnet sein, wenngleich hier aus der Sicht der Gegenwart das Problem besteht, medial hochgehechelte Modeerscheinungen (Burnout?) von tatsächlich charakteristischen Phänomenen unserer Zeit zu scheiden. Ein Großteil der heutigen psychischen Erkrankungen scheint jedenfalls ohne die nach außen unübersehbar kundgetane Expressivität der damaligen Hysterie auszukommen, oft scheinen es eher vermeintlich normale und ruhige Menschen zu sein, bei denen sich erst nach einer Straftat, einem Zusammenbruch, Selbstmord usf. rekonstruieren lässt, wie es um ihre Psyche bestellt war. In der Mitte des Films trifft Jung auf Freud. Freud war zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits ein Star in Intellektuellenkreisen und hat, in Wien residierend, einen Kreis von Bewunderern und Nacheiferern um sich gesammelt. Erst in Jung scheint er aber einen veritablen Nachfolger zu finden. Beide eint bald eine enge Freundschaft, die schnell, zunächst subtil, später deutlich und ausdrücklich, ins Destruktive kippt. Das liegt zum einen an der persönlichen Ebene. Sie können sich nicht zwischen einer gleichberechtigten Freundschaft und einem autoritären Lehrer-Schüler- bzw. Vater-Sohn-Verhältnis entscheiden. Es hat seinen Grund aber auch in der wissenschaftlichen Ausrichtung der beiden Denker. Freud war sich schnell bewusst, etwas sehr Bedeutendes, aber auch Gefährliches entdeckt zu haben. Seine Lehre kann man so verstehen, dass im Grunde die Triebe des Menschen, das Sexuelle, das Tun des Einzelnen wie auch die Kultur bestimmen, es mithin irrational zugeht und unsere moralisch oder sonstwie unterfütterten Fundamente des Menschlichen an einem ganz seidenen Faden hängen. Er hat als Analyst dieser Zusammenhänge auch eine große Verantwortung verspürt. Der wollte er durch Zugrundelegung einer möglichst wissenschaftlichen und strengen Methodik gerecht werden. Sein Pochen auf diese Sachlichkeit und Genauigkeit hatte zudem den Grund, den Kritikern, die es damals massenhaft gab und die sich auch heute noch gegenseitig an heuchlerischer Empörung überbieten (die meisten finden wohl Anstoß an Freuds sexuell aufgeladenen Metaphern und vergessen dabei, dass es sich eben bloß um Metaphern handelt), von Beginn an den Wind aus den Segeln zu nehmen. Freuds Ansatz sollte zwar schon auch eine Theorie der Persönlichkeit liefern, dies aber stets im Ausgang vom konkreten Fall, den konkreten Symptomen in strenger Anwendung der von ihm präzisierten analytischen Methode (insofern hat die Psychoanalyse drei Bedeutungen: eine Theorie der Persönlichkeit, eine Methode zur Analyse einer konkreten Psyche sowie eine Behandlungsart). Im Film gerät die Freudfigur ein wenig blass, vielleicht auch, um den Gegensatz zu Jung besonders deutlich zu machen. Man würde dem stets zigarrerauchenden, immer ernsten und ein wenig blasierten Freudcharakter des Films nicht unbedingt zutrauen, die (auch schriftstellerisch) tollen Büchern zu schreiben, die der echte Freud geschrieben hat. Andererseits ist er eben nicht der echte Freud, sondern eine Filmfigur, die lediglich an den echten angelehnt ist. Jung dagegen will mehr von der Welt wissen. Er glaubt an Zusammenhänge des Individuellen mit der Welt, an so etwas wie Fügung oder Schicksal, jedenfalls nicht an Zufall und weitet seine Studien in Bereiche aus, die Freud nicht mehr als Wissenschaft akzeptieren kann und die man heute eher dem esoterischen als dem wissenschaftlichen Bereich zuordnen würde. Zudem begeht er den in Freuds Augen großen Fehler, eine Affäre mit seiner Patientin Spielrein einzugehen. Dies ist die Ursünde der Psychoanalyse. Auch hier ist Jungs Tun nicht nur in der Sache schädlich, sondern auch für das Ansehen der Psychoanalyse. Nach meinem Dafürhalten liefert A Dangerous Method nicht nur Charakterportraits bedeutender Persönlichkeiten der jüngeren Geistesgeschichte, nicht nur die Geschichte der Beziehung zwischen Freud, Jung und Spielrein, nicht nur einen Abriss der Anfangsjahre der Psychoanalyse, sondern auch einen Blick auf die Zeit und den Zustand Europas in den Vorjahren des 1. Weltkriegs. Es war eine ebenso gefährliche und destruktive wie hochkreative Zeit. In vielen Bereichen des Geistes wurden beinahe zeitgleich vermeintliche Dogmen über den Haufen geschmissen (siehe den Essay zu Wittgenstein) und Theorien aufgestellt, die wir noch heute nicht richtig verstanden haben. Geendet haben viele dieser Anstrengungen, wie man im meines Erachtens besten Zeugnis der Zeit, wenn es um die eher abstrakte und ideelle conditio humana in Europa vor dem 1. Weltkrieg geht, dem Zauberberg von Thomas Mann, sehen kann, in den Schützengräben des ersten Weltkriegs, in denen sich eine ganze Generation kriegslüsterner Europäer gegenseitig abgeschlachtet hat. Gegen Ende des Films berichtet der nervlich zunehmend angefressene Jung von einem Traum, in dem eine Flutwelle über Europa hereinbricht, die sich in Blut verwandelt – ein klarer Vorausblick auf den 1. Weltkrieg. A Dangerous Method wirft einen raffinierten Blick auf diese Zeit. David Cronenberg macht sich hierbei sowohl Freuds als auch Jungs Methode zu eigen. Der formelle und ästhetische Rahmen des Films folgt Freud. Er ist kühl, sachlich, rational, die Bilder sind genauestens auskomponiert. Es scheint hier recht wenig Spielraum zu geben. Inhaltlich kreist der Film um Jung, ein nach außen auch eher beherrschter und rationaler Mann – wenn er nicht gerade den Arsch seiner Patientin verdrischt. Inhaltlich geht es gerade nicht nur um das Individuelle, das streng wissenschaftlich erfassbar ist. Es geht auch um das Allgemeine, Öffentliche, Kollektive, wie immer man das auch nennen will – das Kollektive jedenfalls ist ein mit Jung verbundener Begriff. Damals muss es doch, im kreativen wie auch im schier unfassbar destruktiven Bereich, irgendeine einende Stimmung gegeben haben. Jung hat sich solche Phänomene mit einem kollektiven Unbewussten erklärt, aus dem sogenannte Archetypen, Ur-Vorstellungen auf die einzelnen Bewusstseine hinwirken. Das ist aus heutiger und wohl auch schon damaliger Sicht eine metaphysische Theorie, die empirisch kaum überprüfbar ist (wenngleich er und Schüler Unmengen von Völkern und Stämmen hinsichtlich dieser Theorie untersucht haben). Wie aber sonst soll man der Welt einigermaßen Herr werden? Jung hat es einfach nicht gereicht, sich streng wissenschaftlich auf den Einzelfall zu konzentrieren, ihm wohnte ein Streben inne, das wir heute als metaphysisches Bedürfnis bezeichnen können, eines, das, so wir unseren heutigen Vordenkern glauben schenken, da ist, aber nicht gestillt werden kann. Cronenberg hat hier ein Experiment gewagt, von dem ich letzten Endes nicht weiß, ob es funktioniert, das aber so originell ist, dass es allein schon wegen der Idee nachdenkenswert ist. Er hat sich für seine Kunst das Strenge, Wissenschaftliche als Rahmen hergenommen, um in diesem Rahmen ein Bild des Kollektiven zu malen, das sich im Bewusstsein eines Mannes, C.G. Jung, spiegelt. Er versucht so, das eigene metaphysische Bedürfnis nach Welterklärung so sehr zu zügeln, dass er seriöse und anschlussfähige Aussagen treffen kann und so wenig zu zügeln, dass neben der für uns Moderne so wichtigen Form noch Inhalt übrigbleibt. Dies ist ein künstlerisch waghalsiges Vorgehen, eine Dangerous Method – fragt sich bloß, für wen.