Letzte Hoffnung Weltuntergang (Melancholia)

Kunst & Leben |

Im Großen und Ganzen sind wir uns ja über alles einig. Wir benutzen allesamt Versionen einer Sprache, die sich, sofern man nicht genauer hinsieht, gefällig überschneiden, wir denken in den gleichen Kategorien, pflegen ähnliche Gewohnheiten. So lässt sich grundsätzlich das Leben gut herumbringen. Es gibt aber auch Einzelne, die sich am Rand oder leicht außerhalb dieser Übereinkünfte aufhalten und die im öffentlichen Diskurs keine Rolle spielen. Lars von Trier ist einer der wenigen Künstler, die diesem abgeschiedenen Bereich des Lebens und der menschlichen Befindlichkeit eine wuchtige Stimme verleihen.

Melancholia handelt von zwei Schwestern, aus beinah lächerlich dysfunktionalen Verhältnissen stammend, die ganz unterschiedliche Lebensmuster entwickelt haben. Beide haben eine Pathologie in Bezug auf das zivilisierte Leben bzw. die gesellschaftlichen Normen entwickelt. Justine, die depressive (aber dafür künstlerische?), kann die Erwartungen ihrer Mitmenschen nicht erfüllen. Sie ist so sehr entfremdet von den ungeschriebenen Übereinkünften der Menschen, dass es ihr unmöglich ist und immer unerträglicher erscheint, die ihr zugeschriebenen Sinnzumutungen auszuhalten. Menschen wie Justine werden von den meisten anderen in der Regel als komisch empfunden. Ihr Schwager John und ihre Schwester Claire bieten ihr eine perfekte Hochzeit. Ihr zukünftiger Ehemann ist zwar etwas einfältig und sehr gutmütig, aber auch perfekt: attraktiv, sexy, gepflegt, gut in den Umgangsformen und bereit, alles Äußerliche für ihr Glück zu tun. Die Hochzeit ist teuer, es gibt besten Champagner, teuersten Cognac, alles ist wunderschön hergerichtet. Justine musste sich um gar nichts kümmern. Das einzige, was von ihr im Gegenzug erwartet wird, ist, dass sie glücklich ist – obwohl alle wissen, dass sie schwere Depressionen hat. Diese Erwartung kann Justine natürlich nicht erfüllen. Das stimmt sie noch trauriger, als sie eh schon ist. Sie mag ja sicher den Ehemann, den sie vorgesetzt bekommen hat und sie mag sicher auch ihre Schwester und ihre Eltern (der Vater ist ein harmloser Verrückter, der vor allem unzuverlässig ist, ansonsten aber nicht stört; die Mutter ist unbequem, ebenfalls depressiv und zynisch, sie macht keinen Hehl darum, dass sie von der bevorstehenden Hochzeit gar nichts hält). Die Enttäuschung all der Erwartungen dieser Menschen treibt sie immer mehr in eine Spirale der Trauer und der Lähmung. Claire auf der anderen Seite hat sich eng mit der Zivilisation und den gesellschaftlichen Normen verwoben. Ihr Glück (falls es eines ist) und ihre Sicherheit in der Welt hängen davon ab, ob alles gemäß diesen Normen verläuft. Abweichungen rufen in ihr negative Gefühle hervor. Sie ist im Unterschied zur depressiven Justine eher der neurotisch-ängstliche Typ. Beide Arten des Nicht-Zurechtkommens mit dem Leben entspringen, sie sind ja Schwestern, ähnlichen Ursprüngen. Vielleicht ist die Quelle nicht die exakt selbe, Sozialisation spielt gewiss auch eine Rolle, Depression auf der einen und Angst/Neurotik auf der anderen Seite werden aber von Lars von Trier als tief zusammenhängend präsentiert – kein Wunder, er selbst leidet an beidem. Den Schwerpunkt bildet indes die Depression. Zwar ist der Film aufgeteilt in zwei Teile: Justine und Claire. Die Gewichtung liegt jedoch bei Justine. Sie macht den Anfang, es geht um ihre Hochzeit, sie ist im Mittelpunkt der kunstvollen, an klassische Gemälde angelehnten Szenen des Films und sie leidet, titelgebend, an Melancholia.

Die Melancholie bzw. Depression wird uns als tiefe Entfremdung von der Zivilisation präsentiert. Das ist ein altes Thema, an dem sich Künstler und Philosophen über die Jahrhunderte abgearbeitet haben, am prominentesten vielleicht Jean-Jacques Rousseau. Sein freiheitliches, direktdemokratisches, aber auch vereinnahmendes und gewaltanfälliges Staatssystem, das als Vorbild für die Französische Revolution gedient hat, hatte seine Hauptmotivation darin, die von Rousseau als überwältigend empfundene Entfremdung des Menschen in der modernen Zivilisation zu überwinden. Da eine Rückkehr in den natürlichen Zustand als freier und glücklicher Wilder (Der Charakter der Rousseau in Lost ist hieran angelegt) faktisch nicht möglich ist, schlägt Rousseau die Flucht nach vorne ein und entwirft ein Staatsmodell der Vereinnahmung, in dem der Einzelne als Bürger genauso frei ist wie er es im Naturzustand als Mensch wäre. Wie so oft wurde diese schöne Theorie aber von der tatsächlichen Anwendung durch Menschen, in diesem Fall die Jakobiner, pervertiert, bei denen die Freiheit damit verknüpft wurde, dass alle Andersdenkenden abgeschlachtet wurden. Ein Versuch, durch eine schöne Staats- oder Gesellschaftstheorie alle ins Boot zu holen und die Entfremdung der randläufigen Künstler zu heilen, scheint heute kaum vertretbar.

Eine zeitgemäße, plausible, wenngleich vielleicht etwas harsche Lösung ist der Weltuntergang. Lars von Trier, im wahren Leben ein großer Nietzsche-Fan, drückt in Melancholia seine tiefe, mit seiner depressiven Persönlichkeit zusammenhänge Sehnsucht nach der Zerstörung der gesellschaftlichen Werte aus (das ist vielleicht das, zumindest ein zentrales Thema seines ganzen Werks). Es geht hier aber nicht mehr um die Umwertung in eine andere politische Richtung oder um das Aufdecken geheimer Machtstrukturen, die unsere Normen prägen. Dem Weltuntergang wohnt zwar eine große Schönheit inne, die Lars von Trier fulminant inszeniert, seine Wirkung beschränkt sich indes darauf, für den kurzen Moment des unmittelbar Bevorstehens die Verhältnisse umzudrehen. Justine erwacht aus ihrer Lethargie und Claire überkommt die Angst. Erstmals ist Justine die Tonangebende der beiden. Insbesondere gewinnt sie den letzten Kampf. Als John längst tot (der Wissenschaftler bringt sich als erster um …) und das Dorf nicht mehr zu erreichen ist, bittet die von Angst schier überwältigte Claire Justine darum, den Weltuntergang doch bei einem schönen Glas Wein und passender Musik auf der Terrasse zu verbringen. Justine reagiert verachtend und schlägt Beethovens 9. vor. Selbst im Angesicht der Auslöschung allen Lebens (wenn es nach Justine geht und wir wirklich allein sind: im ganzen Universum) kann Claire nicht auf verkitschte Überhöhung und tradierte Gefühlsmuster verzichten. Mit Rotwein, Terrasse und Beethoven hätte der Weltuntergang etwas schön Vertrautes, wie ein billiges Filmchen, das uns von unseren Alltagssorgen zerstreut. Lars von Trier kommt als Filmemacher natürlich nicht ganz über diesen Kitsch hinweg, bei ihm ist es nicht Beethovens 9., sondern Wagners Ouvertüre zu Tristan und Isolde, die immer wieder auf eine ins Enervierende gehende Weise erschallt. Er ist also nicht nur Justine, sondern auch Claire. Das ist vielleicht eine späte Einsicht seinerseits, die, sofern er sie akzeptieren kann, auch heilsam wirken könnte. Mitte der 90er Jahre wurde er weithin mit der sogenannten Dogma-Bewegung bekannt, die es sich zum Ziel gemacht hat, auf alles überhöhend Verkitschende im Film zu verzichten. Das hat er heute lang hinter sich gelassen und macht ästhetisch hochanspruchsvoll durchkomponierte Filme, immer auch mit ein wenig Ironie im Formellen.

Letztlich setzt Justine sich durch und die drei übrigen Menschen, die beiden Schwestern und Claires Sohn, verbringen die letzten Minuten in einer magischen Hütte, die Justine gebaut hat. So schafft sie es wenigstens, dem Sohn die Angst zu nehmen, der ihr glaubt, dass die Hütte ihn beschützt. Hier klingt der einzige Vorteil an, der auf dieser Welt mit den schweren Depressionen verbunden sein kann. Sie können mit einer besonderen künstlerischen Gabe einhergehen, Kunst verstanden als etwas, das völlig außerhalb von Vorstellungskraft und Sprachpraxis der „normalen“, angepassten Menschen liegt, als etwas Übersinnliches, das den Rahmen des Tatsächlichen sprengen kann. Natürlich sterben alle am Ende, aber der Sohn stirbt ohne Angst. Im Vorspann werden Justine und Claire in verschiedenen Szenen zurück in die Erde gezogen, die eine als Braut in einem wohligem Sichhingeben, die andere in einem Versuch der Flucht. Die Depression ist immer auch eine Sehnsucht nach einem Zurück: zur Natur, in den mütterlichen Schoß, die Kindheit, wie auch immer. Die größte und nie im Leben, aber in der Kunst zu stillende Sehnsucht besteht darin, aus der Zivilisation auszubrechen. Heute stellt sich bloß die Frage, wohin eigentlich. Wie uns die zeitgenössischen Philosophen sagen, gibt es kein jenseits der Sprache, der Normen, des Begrifflichen. Man ist für immer gefangen im Normenkorsett des menschlichen Miteinander und es gibt, außer in der Weltuntergangsphantasie, kein Entrinnen, kein Aussteigen. Für Lars von Trier ist die Lage nochmal komplizierter. Auf der anderen Seite hat er wie Claire nämlich auch Angst vor Kontrollverlust, vor dem Verschwinden aller Werte. In seiner Persönlichkeit bilden diese beiden Pole einen stark in die Extreme gehenden Widerspruch. Gut für ihn und vor allem gut für uns, dass es die Kunst gibt und dass das alte Vorurteil, Genie und Wahnsinn lägen nahe beieinander, stimmt. Der Weltuntergang kann, so vielleicht die Hoffnung auf die Zukunft, auch diese Pole zusammenführen. Am Anfang und am Ende und an den Grenzen gelten, so die Vermutungen, die herkömmlichen Gesetze nicht mehr und vermeintliche Widersprüche fallen zusammen. Ob man das jetzt christlich begründet, oder Dialektik nennt, oder die Physik bemüht, ist letztlich egal. Nicht nur jedem Anfang wohnt ein Zauber, sondern jedem Weltuntergang wohnt ein Neuanfang inne.

 

Zur Vertiefung sei mein Roman Weltuntergang Neuanfang empfohlen.