Wer Visionäre zum Arzt schickt, muss sterben (Take Shelter)

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Take Shelter ist ein eigentlich schon 2011 erschienener Film, der sich Stück für Stück durch die Kinosäle der Welt geschleppt hat und es zu einiger, aber letztlich leider zu geringer Bekanntschaft gebracht hat. Er ist die zweite Zusammenarbeit des jungen Regisseurs Jeff Nichols mit dem Hauptdarsteller Michael Shannon (eine dritte ist in Planung) und handelt von einem Bauarbeiter irgendwo in der Prärie der USA, der von apokalyptischen Visionen heimgesucht wird und in einem Balanceakt zwischen realer Bedrohung und Geisteskrankheit seine Familie zu schützen versucht. In Nichols und Shannon scheint sich eine weitere höchst vielversprechende Regisseur-Schauspieler-Allianz zu formen, die anders als ähnlich frohgemut stimmende Paarungen wie Refn/Gosling, McQueen/Fassbender oder auch Tarantino/Waltz ohne europäische Prägung daherkommt.

Der Film ist einfach und klar strukturiert. Auf Handlungsebene mutet er wie ein Theaterstück, ein literarisches Drama an, das sich um die Visionen des Hauptcharakters Curtis sowie seine Reaktionen und diejenigen der Menschen um ihn herum dreht. Worum es auf inhaltlicher bzw. metaphorischer Ebene geht, weiß man bis zuletzt nicht.

Der Schlüssel zu Take Shelter ist insofern sein Ende. Es zeigt die Familie am Strand, als ein zuerst von der taubstummen Tochter bemerkter Sturm über dem Meer aufzieht, der sich in kurzer Zeit zu einem höchst bedrohlichen, apokalyptischen Wetterphänomen verdichtet. Die Frau Samantha tritt heraus auf die Veranda und nickt Curtis in einer Mischung aus Angst und Verständnis zu, er nickt zurück. Beim Blick in Samanthas Gesicht sieht der Zuschauer, wie das Meer sich weit zurückgezogen hat, dann endet der Film. Dieses offene Ende lässt mehrere Interpretationen zu.

Die erste und langweiligste besteht darin, dass wir eine weitere schizophrene Episode bzw. einen Traum des Curtis sehen. Dagegen spricht, dass die Stimmung der Endszene im Vergleich zu den vorigen Visionen einen deutlich realistischeren Ton hat. Insbesondere agieren die Menschen in einer normalen Weise miteinander und Frau und Tochter sehen den Sturm auch. Das könnte natürlich eine Projektion sein. Letzten Endes wäre der Film dann aber einigermaßen witzlos und er würde nur von den Schwierigkeiten handeln, die eine ausbrechende Psychose für den Betroffenen und sein Umfeld aufwirft. Diese wurden hinreichend im Film geschildert, sodass es allein hierfür der letzten Szene nicht mehr bedurft hätte.

Zweitens könnte die Szene, eher als Metapher gesehen, zeigen, wie sehr die Familie am Ende Curtis versteht. Seine Frau und Tochter können sich tatsächlich vorstellen, was er sieht und geben ihm so Stabilität und Kraft, seine Geisteskrankheit zu akzeptieren, ohne sich völlig losgelöst von der Welt fühlen zu müssen. Der mit der Psychose einhergehende Realitätsverlust wäre so durch das feinfühlige Verständnis der eigenen Familie aufgefangen. Diese Möglichkeit ist grundsätzlich plausibel, mag aber, da sie ja ein wahres Happy End wäre, nicht so recht zur bedrohlichen Stimmung des Films und dem von ihr verursachten Gefühl beim Zuschauer passen.

Daher erscheint am plausibelsten die dritte Möglichkeit, dass der Sturm am Ende wirklich kommt, Curtis also nicht ausschließlich verrückt war und seine Visionen wirklich Visionen waren. Was folgt daraus? Wenn der große Sturm, der alles bisher dagewesene übertrifft, samt dem sich in der Spiegelung andeutenden Tsunami kommt, werden Curtis und seine Familie sterben. Angenommen, der Sturm ist nur ein sehr großer Sturm und keine weltvernichtende Apokalypse, vor der sich sowieso niemand verstecken kann, dann muss die Familie sterben, weil Curtis’ Visionen als Geisteskrankheit abgetan wurden. Ohne die (für sich gesehen ja rührende) Konfrontationstherapie durch seine Frau, als sie ihn dazu gebracht hat, beim vorigen Sturm den Bunker wieder zu verlassen und ohne die Empfehlung des Psychiaters, vor der intensiven Therapie nochmal mit der Familie im Urlaub auszuspannen, wäre er im Bunker oder zumindest in dessen Nähe geblieben und könnte jetzt das tun, was seine Gedanken den ganzen Film über allein beherrscht hat: seine Familie schützen. Halb verallgemeinert: Würde einer, der apokalyptische Visionen hat, nicht als geisteskrank diagnostiziert und würde man ihn zumindest in Ruhe lassen oder ihm vielleicht sogar Glauben schenken, würde im Fall des Films seine Familie noch leben.

Was hat das zu bedeuten? Zunächst mal könnte hierin auf oberflächlicher Ebene eine Kritik an unserer Zeit samt ihren bewährten und gut handhabbaren Diagnostizierungskonventionen sehen. Ein bisschen zugespitzt: Jeder, der aus der Reihe tanzt und Dinge erfährt, die nicht in den gemeinsamen Erfahrungskanon passen, wird nicht ernst genommen und therapiert und bekommt ein paar Pillen, die ihn angleichen. Diese Kritik ist natürlich berechtigt, aber letztlich eine Binsenwahrheit. Das zeigt schon ein kurzer, oberflächlicher Blick in unsere Kulturgeschichte, die voll ist mit Apokalyptikern, die entweder, weil sie aus einer ganz anderen Zeit stammten, die noch nicht so gleichgeschaltet war und hat wie die unsere, schon zu Lebzeiten als wichtiger Teil der Kultur galten, oder denen die Wichtigkeit im Nachhinein wegen des Wegfalls der Angewidertheit durch das Präsente oder weil sie schlicht Recht behalten haben, zugeschrieben wird. Einige Beispiele: Das Orakel von Delphi, verschiedene Bibel-Episoden wie die Noahs, der Take Shelter freilich am nähesten steht oder die Johannes-Offenbarung oder aus neuerer Zeit Nietzsche – jemand, der heute, so meine Einschätzung, nicht mehr möglich wäre, wozu er selbst wohl beigetragen hat, aber das ist ein anderes Thema.

Was aber sagt uns die hier favorisierte Interpretation des Films noch über unsere Zeit? Nochmal: Nur weil sich Curtis dem Urteil der Menschen um ihn herum beugt, die natürlich die besten Absichten verfolgen, muss seine Familie sterben. Hier ist der Film sogar noch recht bescheiden. Curtis hätte auch als großer Verkünder inszeniert werden können, der alle retten will – etwas, das bloß in der sehr starken Mensa-Szene anklingt, als Curtis zum einzigen Mal eine größere Gemeinschaft adressiert. Aber seine Familie reicht ja, um tief genug in die Tragik hineinzukommen, ist ihr Schutz ja Curtis‘ einziger Antrieb seit dem Auftreten seiner Visionen. Ich denke, Curtis fügt sich einem von kaum einem Menschen hinterfragten Paradigma unserer Zeit, das allgemein in etwa so lautet: Das, was etwas ist, kann von allem Möglichen bestimmt werden außer dem, was es ist. Auf den Menschen bezogen: Was ein Mensch ist, bestimmt nicht der Mensch selbst, sondern alle anderen. Auch wenn Curtis es eigentlich besser weiß, fügt er sich am Ende dem schablonierenden Urteil der Anerkennungsgemeinschaft. Das wird heute als völlig normal angesehen, letztlich wohl, weil es der Stabilisierung der Gemeinschaft dient; zu viele verrückte Individualisten sind nicht zu integrieren – worein auch? Diese Sicht hat eine Kehrseite: es gibt natürlich Verrückte, die wirklich den Kontakt zur Realität verloren haben, die Hilfe brauchen oder vor denen man vielleicht auch andere schützen muss. Wie will man solche von den guten Visionären unterscheiden? Hier bietet der Film wenig an, Curtis beschreibt seinen Zustand als irgendwie reales Gefühl, das aber weiter nicht verbalisierbar ist. Gut verbalisierbar sind hingegen Diagnosen und Medikamente. Ich kann auch keine Antwort geben, aber verweisen auf den Metadiskurs, der sich anschließt und die Anerkennungsfundiertheit von allem weiter vertieft. Keinen perfekt verbalisierten und allen öffentlich zugänglichen und sofort verstehbaren Gegenvorschlag parat zu haben und dennoch zu kritisieren, gilt heute als unschick oder gar verwerflich. Das mag Ursachen, vielleicht sogar Gründe haben. Das Problem ist aber ein anderes. Wenn man die Kritik so versteht, dass sie gegen die Anerkennungsgemeinschaft gerichtet ist, ist sie auch und gerade gegen die Konvention gerichtet, alles immer als jederzeit in den Diskurs einführbare, leicht bekömmlich verbalisierte Häppchen parat haben zu müssen. Wenn man zudem, auch im Hinblick auf übertriebene und zum Selbstzweck verkommende Theoriebildungen der Kritik in vergangenen Zeiten, nicht so recht an den Wert der Theorie glauben mag, bleibt eigentlich nur ein recht vager Verweis auf die Kunst und der leicht ängstliche, leicht verstehende Blick auf sich selbst beim Gedanken an die Gebundenheit des Schreibenden an die Schrift und des Sagenden an das Wort. Diesmal nickt keiner zurück.