Wir sollten mal lieben (A Serious Man)

Kunst & Leben |

Die Coen-Brüder sind freilich mit die originellsten und besten Regisseure unserer Zeit. Ihr Werk ist geprägt von zwei Arten von Filmen. Die erste Art ist der sogenannte Kultfilm, bestens repräsentiert durch The Big Lebowski. Diese Filme sind originell, schräg und durchzogen von einer Art von Humor, die in den Kreisen gelangweilter Rezensenten gerne schlagwortartig als lakonisch abgetan wird. Eine zweite Art sind die eher ernsthaften Filme, hier ist am bekanntesten der mehrfach oscarprämierte No Country for old Men. Der Unterschied ist natürlich kein strikter: Die lustigen Kultfilme haben oft auch einen melancholischen Neben- oder Grundton, die ernsthaften sind von, bitte sehr: lakonischer Komik durchzogen. Den (vielleicht vorläufigen) Höhepunkt ihres Schaffens erreichen die Coen-Brüder mit A Serious Man, einer perfekten Symbiose zwischen den beiden skizzierten Polen und ihrem meines Erachtens bisher düstersten Film, der aber an der Oberfläche auch als sogenannte schwarze Komödie durchgehen könnte. Trotz eines der besten Trailer der Filmgeschichte war der Film kein großer kommerzieller Erfolg, was zum einen daran liegen mag, dass George Clooney mal ausnahmsweise nicht mitspielt, vor allem aber daran, dass der Film ungewöhnlich offen konzipiert und auch ein bisschen kompliziert ist.

Sein Schauplatz ist ein jüdisch geprägtes Suburb im mittleren Westen der USA in den 1960er Jahren. Im Zentrum des Films steht Larry Gropnik, verheirateter Jude, zwei jugendliche Kinder, Haus mit Vorgarten, vernünftiger Wagen, Professor für Physik. Larry ist ein zurückhaltender, pflichtbewusster, etwas langweiliger und durch und durch redlicher Mann (eben ein serious man). Völlig unvermittelt, ohne jegliche Vorwarnung und ohne einen Hauch eigenen Verschuldens löst sich von einem Tag auf den anderen seine bürgerliche Existenz in einer grotesken Aufeinanderfolge von Zufällen, unermesslicher Dummheit und nicht zu glaubender Dreistigkeit der Menschen um ihn herum in nichts auf. Seine Frau eröffnet ihm sachlich, die Scheidung zu wollen. Sie sei, natürlich auf eine gesellschaftlich darstellbare Weise, bereits mit Sy Ableman liiert, einem superverständlichen Riesenarschloch, der stets (hier sei die Anleihe bei Benjamin von Stuckrad-Barre erlaubt) mit einer gewissen Sammelduschenintimität in der Stimme Probleme beredet und gerne Larrys guter Freund wäre. Natürlich wäre es besser für die Familie (die Tochter, eine grotesk biedere Gestalt, verbringt ihr gesamtes Leben damit, Haare zu waschen, zum Sohn, der eine Schlüsselrolle im Film spielt, sogleich), wenn die Frau und Sy das Haus bekommen. Larry landet im Jolly-Rogers-Motel. Dorthin nimmt er seinen völlig abgedrehten Bruder mit, der an einem verrückten Wahrscheinlichkeitssystem des Universums arbeitet (das sogenannte Mentaculous) und sonst rein gar nichts im Leben auf die Reihe bringt. Die Universität, an der Larry arbeitet, erhält anonyme, kompromittierende Briefe, die natürlich nicht ernst genommen werden, aber trotzdem geprüft, was ein sich als Freund ausgebender Kollege immer wieder mitteilt. Zudem taucht ein asiatischer Gaststudent bei ihm auf, der den Physiktest mitgeschrieben hat, ohne die zugrundeliegende Mathematik zu berücksichtigen und dafür ein F bekommen hat. Er versucht Larry davon zu überzeugen, dass es sich doch um Physik und nicht um Mathematik handele, Larry bleibt aber auf seinem Standpunkt. Zu spät merkt er, dass der Asiate ihm einen Umschlag mit Bestechungsgeld dagelassen hat, den der Asiate forthin verleugnet und dessen sich Larry nicht auf eine unsuspekte Weise zu entledigen weiß. Schließlich stirbt Sy Ableman und Larry muss seiner Frau, die sich als trauernde Witwe inszeniert, Trauerbeistand leisten. Er darf wieder zurück ins Haus, muss aber für Sy Ablemans Beerdigung bezahlen.  Dies alles, während sein Bruder von der Polizei beim illegalen Glücksspiel erwischt wird und hernach in Larrys Gegenwart einen mitleiderregenden Nervenzusammenbruch erleidet, während sein Sohn Danny, dem sie den Walkman-Transmitter abgenommen haben, in dem die 20 Dollar versteckt waren, die er dem schulbekannten Schlägertypen für Gras schuldet und die er von seiner Schwester gestohlen hat, die sie wiederum heimlich dem Vater entwendet hat, während er zum ersten Mal eine attraktive Frau nackt sieht, der Vater des Asiaten vorbeikommt und von Larrys ewigjagendem, rassistischen Nachbarn bedroht wird, der immer einen Teil von Larrys Garten mitmäht, während immer wieder ein Vertreter von Columbia Records anruft und ihn um Auswahl der monatlichen Platten im Rahmen eines nie von ihm bestellten Abos bittet und während sein Sohn ihn immer nur wieder auffordert, die Satellitenschüssel zu richten, damit ein bestimmter Kanal wieder empfangen werden kann, während er sich auf seine Bar Mitzwa vorbereitet und während seine Tochter sich immer nur die Haare wäscht. Der ernsthafte Larry weiß nicht mehr, wie ihm geschieht.

In einer erbarmungslosen Anordnung von Misserfolgen lassen die Coen-Brüder ihn moderne Möglichkeiten der Sinngewinnung durchgehen. Die Arbeit: Hier ist Larry von den Briefen kompromittiert, von Austauscharschlöchern erpresst, in der Sache, also der Physik und Mathematik tief verunsichert (hierzu sogleich). Die Familie: Hier ist der redliche Larry isoliert und ein Spielball der grotesken Sonderinteressen um ihn herum, sei es, aus Pflichtgefühl, Mitleid oder gar Liebe – für letzteres scheint wenig Raum zu sein in der von den Coens gezeichneten Welt. Der Glaube: Larry bringt eine Odyssee bei drei Rabbis hinter sich, die im Ansehen jeweils eine Stufe über dem vorigen stehen. Der erste verweist ihn beispielhaft auf die Schönheit des Parkbereichs vor seinem lächerlich kleinen Büro, der zweite erzählt ihm eine lange, aber völlig pointenlose Geschichte und verweist ihn darauf, den Mitmenschen Gutes zu tun, während er unentwegt seinen Tee schlürft, der dritte hat keine Zeit für Larry, weil er denken muss.

Für einen durchweg vernunftgeprägten Mann wie Larry, der es mit dem Weltimmanenten hat, mag es auf den ersten Blick eine gute Idee gewesen sein, sich Physik und Mathematik zu widmen. Aber hier liegt das größte Grauen. Mathematik und Physik, aber auch Philosophie und andere Wissenschaften, in die einst Hoffnungen auf abschließende Welterklärung gelegt wurden, haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts beunruhigende Erschütterungen erfahren. Die Coen-Brüder lassen dies Larry am Beispiel von Schrödingers Katze verdeutlichen. Hierbei handelt es sich um ein 1935 von Erwin Schrödinger durchexerziertes, mathematisch fundiertes Gedankenexperiment. Sein Ausgangspunkt ist die Quantenmechanik. Diese ist eine Theorie des Mikrokosmos, die die Jahre zuvor von einer ganzen Phalanx an Wissenschaftlern rund um Werner Heisenberg, Max Born und Niels Bohr entwickelt wurde. Es handelt sich um eine unfassbar komplexe und kontraintuitive Theorie, die ich nicht im Ansatz verstehe. Ihr schwingt aber ein populärwissenschaftlicher Überschuss mit, der lange Einzug in das gemeinintellektuelle Denken über die Welt gefunden hat. Irgendwie geht es darum, dass die Dinge sich im ganz kleinen Bereich ganz anders verhalten, als wir das im etwas größeren Bereich wahrnehmen und uns (wahrscheinlich rekurrierend auf die Wahrnehmung) auch grundsätzlich erklären würden. Kleine physikalische Systeme werden durch die Quantenmechanik mittels einer Wellenfunktion beschrieben. Das bedeutet unter anderem, dass keine klar beschreibbaren festen Lokalitäten eines Teilchens angegeben werden können. Elektronen kreisen so nicht als einzelne festzurrbare Seiende um einen Atomkern, wie man es aus Darstellung in manchen Physikbüchern kennt, sondern sie sind bestenfalls als eine Art Wahrscheinlichkeitswolke darstellbar. Den Aspekten der quantentheoretischen Sichtweise, die durch viele Experimente mittlerweile gestützt ist, ist meist die Eigenschaft einer gewissen Unsicherheit bzw. Unschärfe eins. Schrödinger überträgt das auf die makroskopische Ebene. In seinem Gedankenexperiment sitzt eine Katze in einem geschlossenen Raum. In diesem Raum befindet sich ein instabiler Atomkern, der mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten Zeit zerfällt, außerdem ein Geigerzähler, der den Zerfall detektiert und, sobald er eintritt, Giftgas freisetzt, das die Katze tötet. Nach Ablauf einer gewissen Zeit befindet sich der Atomkern nach der Quantenmechanik im Zustand der sogenannten Überlagerung. Das bedeutet in etwa, dass er per definitionem zerfallen und nicht zerfallen ist. Auf die Katze übertragen, heißt das: Nach Ablauf einer gewissen Zeit ist die Katze tot und nicht tot. Erst wenn der Beobachter hinzukommt, „entscheidet“ sich der Zustand für eine der Varianten. Erst mit Öffnen des Raumes wird also die Katze tot oder lebendig. Bis dahin ist sie tot und lebendig. Das völlig Verrückte an diesem Experiment ist die Tatsache, dass es von der Mathematik getragen wird. Die Gleichungen führen zu genau diesem Ergebnis. Das ist es, was Larry einerseits an der modernen Physik fasziniert, andererseits, und das ist der schlimmste Punkt, die Hoffnung auf Welterschließung auch auf dieser nach unserem traditionellen Verständnis streng logischen, komplizierten, aber doch klaren und unmissverständ­lichen Ebene enttäuscht. Auch für Kant galt die Mathematik als Paradedisziplin unter den Wissenschaften, eine Wissenschaft, in der, nach seiner Diktion, synthetische Urteile a priori gängig sind. Was soll jetzt aber das? Für Larry ist es doppelt schlimm. Nicht nur kann er sich inhaltlich nicht an die Mathematik klammern, ihm Sicherheit zu geben, er kann diese melancholisch machende Einsicht auch nicht mit anderen teilen, weil sie keine Ahnung haben, nicht einmal mit physik­studierenden Austauschstudenten, da diese ja der Meinung sind, die Mathematik zähle nicht. Was bleibt für einen solchen Menschen Heilsames? Gut, er lebt und vielleicht denkt er von sich, ein guter Mensch zu sein, der, ohne Dankbarkeit zu erhalten, aber immerhin, für sich gesehen, Gutes tut und Menschen hilft. Am Ende steht die angedeutete Diagnose seines Arztes, der sich extra Zeit nimmt, sofort mit ihm zu reden, und der ihm nichts am Telefon sagen möchte. Spätestens jetzt kippt der Film ins deprimierend Dramatische. Larry hat sich nichts zu Schulden kommen lassen und war immer redlich, immer ehrlich, immer ernst, alle haben ihn ausgenutzt, seine Güte und Naivität, keiner kann etwas mit ihm anfangen, er wird als Verlierer wahrgenommen, obwohl er der einzige ist, der für etwas steht, der einzig ernsthafte Mann weit und breit. Was bekommt er dafür? Eine ernsthafte Diagnose. Aber so darf man natürlich nicht fragen. Es ist alles Zufall und wir Erbärmliche können nichts, rein gar nichts beeinflussen. Der Rest ist eine Erfindung aus Bequemlichkeit, vielleicht aus Machtgier, und aus einer hysterischen Überschätzung der Wichtigkeit und Besonderheit des Menschlichen im zufallsgeprägten Kanon der Welt. Es kann gut gehen, muss aber nicht, man darf bloß eines nicht sein: A serious man.

Ich denke, die Coen-Brüder schildern eine Version ihrer Kindheit, Larry ist vielleicht eine Metapher für ihren Vater oder zumindest ein exemplarischer Vertreter ihrer Vatergeneration. Entsprechend steht Larrys Sohn Danny für die Coens selbst. Leute, die in den 60ern ihre Jugend verbracht haben, haben vielleicht kurzzeitig Hoffnung in die damals aufkeimenden Jugendbewegungen gelegt. Im Film sind das Jefferson Airplane. Hier heißt es:

When the truth is found to be lies

and all the joy within you dies

don’t you want somebody to love

don’t you need somebody to love

wouldn’t you love somebody to love

you better find somebody to love

In freier Übersetzung: Wenn alles, was uns unsere Kultur als relevant gelehrt hat und als dafür gereichend, die praktizierte Vorrangstellung des Menschen zu rechtfertigen (zum Beispiel Philosophie, Logik, unseren Zugang zu Physik und Mathematik, der Glaube und die Kunst), sich als Müll herausstellt und auch innerlich kein Idealismus mehr möglich ist und kein unvorbelasteter Gedanke mehr keimen kann, kann man sich halt nur noch der Liebe zuwenden. Verstanden wurde das damals vornehmlich als Appell zum Geschlechtsverkehr. Bis heute war das der letzte öffentlichkeitswirksame Versuch eines Aufbäumens in unserer Kultur (jenseits der heute zu beobachtenden Lifestyle-Demonstrationen).

Doch was ist aus Jefferson Airplane geworden? Eine ähnlichnamige Revivalgruppe alternder Rocker, die in buntbehängten Turnhallen auftritt und die alten Lieder zum Besten gibt. Der eine wippt mit, der andere nicht. So verständlich das Aufbegehren der 60er-Generation aus heutiger Sicht anmuten mag: mehr als der anfangs eindringliche, durch tausend Wiederholungen aber zum allerhöchstens nur noch ein nostalgisches Schmunzeln hervorrufenden Klischee weichgespülte Appell ist nicht geblieben. Hier wurden leider das Individuelle mit einem gemeinschaftsstiftenden Gefühl des gleichförmigen Andersseins und Liebe mit Sex verwechselt.

Wer seine Schäfchen noch nicht ins Trockene gebracht hat und wer es sich noch nicht einigermaßen ideallos in der Liebe bequem gemacht hat und wer immer noch meint, ein serious man sein zu müssen, für den schaut‘s düster aus. Und für den Rest auch: Oder was ist das genau, was sich da hinten am Horizont so langsam zusammenbraut? – Ja genau, da hinten, wenn man nur lang genug hinsieht. Ähnlich wahrscheinlich nichts und alles.

When the truth has long be found to be lies

and all the joy within us has long died

(davon mal abgesehen, dass sich nichts mehr reimt)

and all of that has long been sung about

we better watch the storm unfrightened

or even seriousness in us dies