Am Ende muss Blut fließen, tausendsechshundert Stadien weit (Quentin Tarantino)

Kunst & Leben |

Quentin Tarantino gilt als Vorzeigekünstler der sogenannten Postmoderne. Intellektuelle, die in diese grundsätzlich eher melancholisch stimmende Zeit hineingeboren wurden, stehen vor einer Reihe von Möglichkeiten, mit der geistesgeschichtlichen Erblast umzugehen. Stilprägend und letztlich berühmt werden in der Regel diejenigen, die sich ihrer Zeit anpassen und sie bestimmende Faktoren weitertreiben und vertiefen. Im Falle der Postmoderne geschieht dies oft in einer recht hysterischen Weise, die das Beliebige zum Absoluten hochstilisiert. Meist wird in einer etwas fiebrigen Mischung aus Stolz und Resignation auf die Unergründlichkeit der Welt verwiesen, die Notwendigkeit, dass eine Letzterklärung ausbleibt und die Unmöglichkeit, angesichts der Einsicht in die Wiederkehr des Immergleichen noch etwas Neues zu schaffen. Ohne hier auf alle Widersprüchlichkeiten dieser Strömung einzugehen: Es spricht vieles dafür, dass die Wiederkehr ein notwendiges Moment von Kunst ist, das aber nicht nur heute, sondern auch schon bei Homer.

Eine zweite Möglichkeit der Reaktion besteht darin, das Element der Resignation in den Vordergrund zu stellen. Man kann dann entweder in Fachdiskurse fliehen, auf die Gefahr hin, dass man sich fortan recht geschlossen (v)erhält und die Themen und die Interpreten sich weitgehend um sich selbst drehen oder man kann sehr eng festgezurrte Themen bearbeiten, ein Fantasy-Reich mit „alten“ Gegensätzen und Werten bauen oder ein in der Gegenwart angesiedeltes Kleinidyll. Alldies ist in Ordnung, aber aus meiner Sicht letztlich unbefriedigend.

Eine dritte Möglichkeit besteht darin, die Zeit, aus der man stammt, mit ihren eigenen Mitteln aus den Angeln zu heben. Das ist ein schwieriges Unterfangen, weil man, um überhaupt einen Zugriff auf die Probleme wie auch Gehör zu bekommen, zunächst einmal Zugeständnisse an die Zeit machen muss. In aller Regel bleibt, nicht zuletzt weil man das Werk am Ende auch verkaufen muss und die Käufer/Konsumenten weit überwiegend an einem Erhalt des Status quo interessiert sind (warum auch immer: Gewohnheit, Angst usf.), am Ende nichts mehr vom Vorsatz übrig.

Meines Erachtens ist Quentin Tarantino einer der wenigen Vertreter dieser dritten Kategorie, die den eben umrissenen Spagat hinbekommen und unter ihnen derjenige, der am meisten Gehör findet, Gehör zunächst einmal mit seinen Kunstwerken, nicht unbedingt mit ihrem Gehalt. Zu Unrecht nämlich wurde und wird er wahrscheinlich immer noch weitgehend als Vertreter der ersten Gruppe angesehen, also als typischer Vertreter der Postmoderne, Meister des Aufwaschs, des Zitierens und der mit Beliebigkeit verwandten Coolness.

Exkurs: Man kann darüber diskutieren, ob ein Künstler, der wirklich etwas verändern will, der die Zeit, aus der er herausstammt, mit Kunst überwinden will, zwingend kompromisslose Kunst machen muss, die keine Ebene beinhalten darf, die ohne den tieferen Gehalt funktioniert. Mit anderen Worten: Ein Vorwurf an moderne Kunst besteht oft darin, dass aus ökonomischen Motiven eine Ebene mit hineingebaut wird, die rein oberflächlich funktioniert. So kann zum Beispiel ein Film auch von Menschen gesehen werden, die überhaupt nicht verstehen, worum es geht. Das trifft auf Tarantino-Filme sicher zu. Ich denke aber, dass dieser Vorwurf nicht zu erheben ist. Denn zum Einen braucht Kunst, auch wenn sie schon für sich gesehen Kunst und schön bzw. gute Kunst sein kann, Empfänger. Das ist natürlich eher ein pragmatisches als ein stichhaltiges kunsttheoretisches Argument. Außerdem liegt Tarantinos Erfolg gerade nicht allein an der oberflächlichen Coolness und den witzigen Dialogen. Da gibt es viele andere vergleichbare Filme und Filmemacher. Bekanntermaßen ist ja Til Schweiger ein großer Tarantino-Anhänger (gerne mit dem Hinweis, Reservoir Dogs seit bereits der beste Film gewesen) und hat auch in mehreren Anläufen seine Filme zu kopieren versucht. Solche Filme sind dann nicht nur deswegen schlecht, weil sie unoriginelle Kopien sind, sondern auch, weil es in ihnen um nichts geht, weil sie vollkommen belanglos sind. Irgendwie muss schließlich auch das Standard-Publikum zumindest ahnen, dass es in Tarantino-Filmen um etwas geht. Das ist nicht unbedingt der Tatsache geschuldet, dass  die Menschen in Wirklichkeit ein ganz feines Gespür haben, auch wenn sie nach außen hin immer so dumpf und einfach wirken (so ja ein oft gehörtes Argument im politischen Diskurs), sondern wohl eher dem Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ebenen eines Films. Auch die Oberflächenstruktur wird meines Erachtens besser und überzeugender, wenn es im Tieferen um etwas geht.

Über die Jahre kristallisiert sich in Tarantinos Werk ein Kern heraus. Tarantino ist ein Künstler der Postmoderne und er ist sich dieses Umstands auch zutiefst bewusst. Seit jeher hat er den (vielleicht zunächst nur teils bewussten) Drang, aus der Zeit auszubrechen. Das zeigt sich formal und inhaltlich in all seinen Filmen.

Schon in Pulp Fiction vollzieht der eigentliche Hauptcharakter Jules eine Wendung, die in Anbetracht von Tarantinos Gesamtwerk bis heute auch für Tarantino selbst charakteristisch ist. In einem von beliebiger Coolness bestimmten Umfeld kommen ehemals gehaltvolle Geistbereiche wie Religion nur noch als kernige Sprüche vor (das gleiche gilt, wie man in vielen weiteren Filmen anderer Regisseure sehen kann, für Kunst und Philosophie, so beispielsweise in Fight Club). Zentral in Pulp Fiction ist Jules’ Ausstieg aus dem Milieu. Sein Anstoß ist das Offenbarungserlebnis, als die Kugeln ihn nicht treffen. Daraufhin denkt er erstmals über seinen Bibel-Spruch nach. Er beleuchtet ihn von verschiedenen Seiten und entkleidet ihn von seiner Kernigkeit. Im Innern findet er ein weitgespanntes Netz von Deutungsmöglichkeiten, allesamt wahr, aber für sich gesehen nicht hinreichend für eine Welterklärung. Vince reagiert, wie die meisten Menschen heute noch auf Kunst, Religion und Philosophie reagieren. Er kann sich gar nicht vorstellen, dass es etwas geben könnte, das über die harte, aber auch überschaubare Alltagsrealität hinausweist und hinausgeht. Beide Einstellungen haben einen Preis: Jules verliert Anerkennung, Vince, und das ist der Witz und eindeutige Hinweis auf Tarantinos Position, verliert sein Leben. Umgebracht wird er von Tarantino selbst, der ihn in seinem letzten Moment in all seiner Erbärmlichkeit zeigt. Wer ist hier also das Opfer: Der Ungläubige, dessen Götze die Beliebigkeit ist.

Als nächstes knöpft sich Tarantino das Patriarchat vor. In Kill Bill geht es darum, dass eine unterdrückte Frau sich aus der Unterdrückung befreit. Das kann sie letztlich nur, indem sie, so ja auch der Titel, den Mann umbringt. Kill Bill ist somit einer der größten Emanzipations-Filme unserer Zeit. Auch das wurde von vielen verkannt. Tarantino selbst hat auf Beschwerden einer feministischen Filmkritikerin hin, dass der Film so brutal sei und so ein schlechtes Vorbild für die Jugend hergebe, erwidert, er wisse gar nicht, was sie wolle, der Film müsse ihr als Feministin doch unbedingt gefallen.

Sein bislang größtes und in seiner Bedeutung meines Erachtens noch nicht hinreichend anerkanntes Werk ist Inglourious Basterds. Tarantino holt hierin zum ganz großen Wurf gegen die Geistesgeschichte seit dem 2. Weltkrieg aus und zerstört in einem großen Feuer Nazis, Postmoderne und das Kino. Hierfür lokalisiert er sich, die Handlung des Films (klar, wenn es um die Nazis geht), das Filmen und den ideellen Fundus seiner Themen nach Europa. Schließlich ist es aber der durch und durch amerikanische Aldo Raine, mit frappierender Ähnlichkeit zu Tarantino selbst, der über den europäischen Landa triumphiert, ohne den er freilich seinen Plan nicht hätte verwirklichen können. In der letzten Szene des Films fallen die performative und die inhaltliche Ebene zusammen, vielleicht Verwirklichung von oder Ausblick auf ein Ende der modernen Ironie, die sich unter anderem durch einen Widerspruch zwischen Performanz und Inhalt auszeichnet (man redet daher und tut Dinge, ohne die damit einhergehenden Verpflichtungen einzugehen).

Und weiter geht’s: Soeben filmt Tarantino mit einer überaus vielversprechenden Cast (u.a. Christoph Waltz, Jamie Foxx, Leonardo DiCaprio, Sacha Baron Cohen) Django Unchained, eine Spaghetti-Western-Hommage, in der ein befreiter Sklave mit Hilfe eines deutschen Zahnarztes, der als Kopfgeldjäger arbeitet, die Sklaverei zerstört. Ideell angelegt ist die Handlung, was auch im Skript ausdrücklich zur Sprache kommt (unter anderem heißt Djangos Frau, die von einem brutalen Plantagenbesitzer gefangen gehalten wird, Broomhilda von Shaft), an die deutsche Mythologie. In einer ganz großen Szene im Skript erklärt der Zahnarzt Dr. Schultz Django in möglichst einfach verständlichem Englisch die Sage von Siegfried, Brünhild und dem Drachen. Django ist in diesem Vergleich ein schwarzer Siegfried, der statt gegen Götter, Drachen usf. gegen die Sklaverei kämpft.

Wie Tarantino also in Inglourious Basterds durch Europäer mit Hilfe Amerikas die europäische Erbsünde zerstört hat, so wird er im Falle von Django Unchained durch (einen schwarzen) Amerikaner mit Hilfe Europas mit Amerikas Erbsünde, der Sklaverei, verfahren. Auch dieser Film wird wieder nicht verstanden werden. So hat beispielsweise Will Smith auf die Hauptrolle verzichtet (es wäre sein erster wirklich guter Film gewesen), weil ihm die Angelegenheit zu heikel war. Er wird weiterhin Kitsch fürs Image betreiben und schnell vergessen sein. Wenn es um die Kernthemen geht, bringt es aber nichts, in der politischen Konsenssuppe mitzuschwimmen und innerhalb dieser fein verästelte Differenzierungen vorzunehmen. Hier muss, frei nach der Johannes-Offenbarung, die Sichel her und Blut muss fließen, „bis an die Zäume der Pferde, tausendsechshundert Stadien weit.“ (Offb 14,20).

Tarantino ist ein aus der Postmoderne stammender, großer Künstler, der seine Zeit in einem für ein Individuum eigentlich unerträglichen Maß in sich aufgesogen hat, der über soviel Zorn, Witz, Unreife und umstürzlerische Kraft verfügt, sich in einem gigantischen Aufwasch mit Menschheit, Zeit und Geschichte anlegen zu können. Er ist größenwahnsinnig und überblickt vielleicht das Ausmaß seines Werks nicht einmal. Das würde ihn wieder näher mit seinen Zeitgenossen zusammenbringen. Aber er ist auch eines dieser seltenen Genies, die eben ohne alles haarfein durchzudenken, letztlich immer genau das Richtige tun. Andernfalls würde er das, was er tut, nicht wagen. Ihm kommt zugute, missverstanden zu werden, denn nur so konnte er berühmt und geliebt werden. Gnade uns Gott, sollten wir wirklich je ganz verstehen, worum es hier geht.