Bewusste Naivität (Eternal Sunshine of the Spotless Mind)

Kunst & Leben |

Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist mein persönlicher Lieblingsfilm. Er stammt aus der Feder von Charlie Kaufman, einem der originellsten und besten Filmautoren, der sich aber seit ein paar Jahren, wahrscheinlich auch, weil er mit Eternal Sunshine alles Relevante gesagt hat, aus dem Geschäft zurückgezogen hat. In Deutschland ist der Film ein wenig untergegangen. Das liegt zum einen am in Anbetracht seines Inhalts reichlich hohlen Titels Vergiss mein nicht!, in Bezug auf die DVD an der unfassbar dämlichen Bewerbung des Films als romantische Komödie. Klar, er ist romantisch und er ist eine Komödie, aber er ist alles andere als eine romantische Komödie im von der Werbung in der Regel herbeiassoziierten Sinne. Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist ein sehr originell und expressiv inszenierter Film, schnell und (leider) schnell vorbei, sprudelnd bunt, mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen vor allem von Jim Carrey. Autor Charlie Kaufman und Regisseur Michel Gondry geben mit diesem Film eine Antwort darauf, wie in heutiger Zeit in Anbetracht der Erkenntnis, dass alles schon einmal dagewesen und im großen und ganzen gescheitert ist, noch ein Leben möglich ist, dem die Hoffnung auf Glück nicht von vornherein abgesprochen werden kann.

Die Geschichte ist recht simpel, sofern man sie im eigenen Kopf chronologisch ordnet. Joel und Clementine sind ein sehr gegensätzliches Paar, er introvertiert, schüchtern, bieder und intellektuell, sie alternativ, expressiv und impulsiv. Ihre Gegensätzlichkeit stößt sich ab und zieht sich an. Aus anfänglich unbeschwerter Liebe wird Alltag, die Schwächen des anderen werden entdeckt und rücken immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. In der präsentierten Welt existiert eine vom Arzt Dr. Mierzwiak geführt Firma, die ein Verfahren entwickelt hat, mit dem die Erinnerung an eine bestimmte Person gänzlich aus dem Gedächtnis des Kunden gelöscht werden kann. Mithilfe von Gegenständen, die mit persönlichen Erinnerungen verknüpft sind (wie dem Madelaine in Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), wird eine „Erinnerungskarte“ des Gehirn angefertigt und die jeweils die Erinnerung an die bestimmte Person enthaltenden Regionen werden in einem nächtlichen Verfahren gelöscht. Menschen im Umfeld der beiden Personen bekommen Karten mit der Bitte, die gelöschte Person nicht mehr in Gegenwart der anderen zu erwähnen. Diesem Prozedere hat sich Clementine aus einem Impuls heraus unterzogen, unter anderem weil Joel sie in einem Streit böse beleidigt hat, mit einem dieser Sätze, an denen zwar ein Hauch Wahrheit ist, der aber übergeneralisiert und nur aus dem Grund geäußert wird, den anderen so tief zu verletzen, wie es in dem Moment möglich ist. Nach anfänglicher Konfusion erfährt Joel dies und beschließt, sich ebenfalls der Prozedur zu unterziehen. In umgekehrter Chronologie (also die jüngsten zuerst) werden in einer nächtlichen Aktion seine Erinnerungen an Clementine gelöscht. Die jüngsten sind natürlich die negativen, als es hauptsächlich nur noch Streit gab und der Fokus auf die jeweiligen Schwächen des anderen gerichtet war. Mitten in der Prozedur merkt er aber, wie wertvoll die guten Erinnerungen sind und (auch weil die negativen jungen schon gelöscht sind) wie schön es doch mit Clementine war. Er kann „in seinem Kopf“ auf die Prozedur reflektieren und bereut seinen Entschluss. Er versucht, sich vor dem Löschprogramm zu verstecken und nimmt Clementine mit in entlegene Regionen seines Gehirns (die Kindheit, besonders schamvolle Momente usf.). Die Clementine in seinem Kopf, die er ist, wie er sich (vielleicht idealisierend) an Clementine erinnert, nimmt teil an seiner Reflexion auf das Löschen und sie versuchen gemeinsam, die Erinnerung zu bewahren. Am Ende, kurz bevor die älteste Erinnerung ans Kennenlernen gelöscht wird, flüstert sie ihm zu: Meet me in Montauk, dem Ort, an dem sie sich ursprünglich kennengelernt haben.

Auf der Ebene außerhalb von Joels Bewusstsein, also der Ebene der Löscher, stellen sich die Angestellten der Firma als unfassbar verantwortungslose Menschen heraus, die scheinbar jeden Kontakt zu Anstand, Ehrgefühl, den ganzen alten Werten verloren haben. Sie feiern Party und haben Sex, während der narkotisierte Joel neben ihnen auf dem Bett liegt, durchsuchen seine Wohnung usf. Patrick hat sich bei Clementines Löschprozedur in sie verliebt und versucht nun, an Joels Stelle zu treten, benutzt dessen ganze persönlichen Geschenke, um zu versuchen, Clementine ein Gefühl zu vermitteln, das sie an Liebe erinnern könnte. Die Arzthelferin Mary, die immer zitiert (vornehmlich Nietzsche, hierzu sogleich) und die eine Affäre mit Stan betreibt, erfährt schließlich, dass sie früher mit ihrem Chef Dr. Mierzwiak zusammen war und die Erinnerung an ihn hat löschen lassen. Daraufhin fällt sie eine Entscheidung, die die erste vernünftige und ehrliche in der Welt außerhalb von Joels Kopf ist: Sie informiert alle Kunden der Firma über die Löschprozedur und schickt ihnen die Kassetten, die sie vorher aufgenommen haben und auf denen sie (vielleicht aus einer kurzfristigen Enttäuschung wie bei Joel und Clementine) begründet haben, warum sie die anderen Personen löschen wollten. Am Tag nach der Prozedur fasst Joel am Bahnhof den ersten impulsiven Entschluss seines Lebens und fährt statt zur Arbeit nach Montauk. Dort am Strand ist niemand, weil Winter ist – außer Clementine. Sie überwindet mit mehreren Versuchen seine schüchterne Fassade und beide verlieben sich ineinander. Daheim angekommen, liegen die von Mary verschickten Kassetten im Brieffach. Beide hören ihre Kassetten, auf denen sie die größten Schwächen des anderen erbarmungslos beschreiben, in Gegenwart des anderen. Es stellt sich die Frage, ob sie es miteinander probieren sollen, obwohl sie wissen, dass sie als Paar gescheitert sind und einen Punkt erreicht haben, an dem sie den anderen unerträglich fanden. Die Antwort lautet: ja, sie probieren es. Dann endet der Film.

Warum ist das so gut und nicht blöde Romantik? In ideengeschichtlicher Perspektive wird hier eine echte Aussage getroffen. Joel und Clementine leben in einer Zeit, die man unter Zugrundelegung eines weiten Begriffsverständnisses als Postmoderne bezeichnen könnte. Diese Zeit samt ihrer destruktiven Negativität ist motiviert durch Nietzsches Diagnose der Wiederkehr des Immergleichen (siehe Inglourious Basterds). Das ist zunächst mal philosophisch gemeint, wurde aber, wie alle einigermaßen verständlichen großen Philosophien, zwangsläufig irgendwann auf das Leben übertragen. Wir Aufgeklärte wissen ja, dass es die großen Ideale im Leben nicht gibt. Es gibt schon so etwas wie Liebe, aber doch immer nur relativ und zeitgebunden. Der für die Liebe unabdingbaren Überhöhung von etwas im Grunde ganz Banalem stellt sich die bittere Erkenntnis entgegen, dass das alles doch schon millionenfach da war. Wie kann man daher, auch in Anbetracht der enervierenden Schwierigkeiten des Alltags, die Stück für Stück das, was vom Ideal noch übrig ist, abtragen, noch an die große Liebe glauben? Religiöse Horizonte hierfür sind heutzutage nicht mehr verallgemeinerungsfähig, wenngleich uns Marys Name hierauf ein Hinweis sein mag. Im titelgebenden, von Mary zitierten Gedicht von Alexander Pope (gerade nicht, wie sie erst meint, Pope Alexander), heißt es:

How happy is the blameless vestal’s lot!
The world forgetting, by the world forgot.
Eternal sunshine of the spotless mind!
Each pray’r accepted, and each wish resign’d

Alles nur im Ideal, nicht mit der Welt kompatibel. Richard Rorty hat in Anbetracht dieser Ausgangslage als Lebensmodell den liberalen Ironiker vorgeschlagen, ein Mensch, der sich bewusst ist, dass alles, was er ist und was er glaubt, auch ganz anders sein könnte, der aber aus einer politischen Gesinnung heraus der Vermeidung von Gewalt im unerschöpflichen Kanon der praktischen Weltanschauungsmöglichkeiten den Vorrang einräumt. Es handelt sich, möchte man zunächst meinen, um einen sehr melancholischen Menschen, von der Sorte von Melancholie, die auch Rorty gehabt haben muss. Auch die Liebe generell und erst recht zu einer bestimmten Person muss so jemand als zutiefst zufällig betrachten und diese Einsicht hindert ihn an jeglicher Überhöhung. Wie sind dann aber die Durststrecken zu überwinden, die es zwingend geben wird?

Das Ende von Eternal Sunshine lässt verschiedene Schlüsse zu. Vielleicht rennen wir einfach stetig gegen einen Horizont des Absurden an und sind wirklich immer wieder am Ausgangspunkt. Dann sollten wir uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen, können aber nicht angeben, warum. Oder wir hoffen einfach, dass beim zweiten Anlauf alles anders wird. Da müssten wir natürlich fragen, woraus sich diese Hoffnung speisen kann. Hier sind alle Erklärungsstrategien zirkulär. Ich denke, wir sollten das Ende so verstehen, dass gerade die Entscheidung, es in Anbetracht des Scheiternmüssens nochmal zu versuchen, die Möglichkeit des Nichtscheiterns im Unterschied zum vorigen Male eröffnet. Wir können nicht sicher sagen, dass es gut laufen wird, aber durch das Akzeptieren des Scheiterns als Ausgangspunkt können wir vielleicht um einen Hauch die Richtung ändern. Das würde ja schon reichen. Wir haben sicher lang kein spotless mind mehr, müssen wir auch nicht. Der schon bevor es losgeht hinreichend resignierte Geist kann sich bewusst naiv dem Leben hingeben und schafft die Möglichkeit, dass sich das ganz Andere zeigt, heute mal nicht in der Kunst, sondern im Leben. Die Kunst, hier im Gewand des Eternal Sunshine, schubst uns nur ein bisschen über den Abgrund. Nach 100 Jahren Niedergeschlagenheit öffnet sich vielleicht die Möglichkeit des ganz Normalen.

 

Unter anderem hiervon handelt mein Roman 10 Tage jetzt