Der wahre Künstler macht keine Kunst (Man on the Moon)

Kunst & Leben |

Man on the Moon ist ein wunderbarer Film mit einer überragenden schauspielerischen Leistung. Er zeichnet „das Leben“ des amerikanischen Komikers Andy Kaufman nach, besser gesagt: seine künstlerische Karriere. Der Film beginnt mit einem skurrilen Verfremdungseffekt. Jim Carrey tritt als Andy Kaufman tritt als foreign man auf, der den Film ironisch bricht, bevor dieser überhaupt anfängt. Dabei spielt er mit den Erwartungen der Zuschauer. Von einem biographischen Film erwartet das Publikum in der Regel Authentizität, die vorherrschende Frage besteht in aller Regel darin, ob das alles denn wirklich so gewesen sei – ein Anspruch, den ein Film als Produkt der Kunst niemals erfüllen kann. Mit diesem Thema spielen neuerdings viele Filme, beispielsweise: I’m not there, Life and Death of Peter Sellars, The Life Aquatic with Steve Zissou oder, in Bekanntheit allen voran, Inglourious Basterds. Die unüberbrückbare Kluft zwischen der durch die Kunstform des Films entstehende Unschärfe und dem Anspruch an Authentizität seitens der Zuschauer ist einer der Punkte, über den Christoph Waltz rund um den Hype um seine Rolle in Inglourious Basterds am liebsten gesprochen hat. Zu Gunsten des vermeintlich Perfiden seiner Darstellung und der vermeintlich überraschenden Kombination von Grausamkeit und guten Sitten in Charakter und Verhalten des Hans Landa ist dieses Thema leider ein wenig untergegangen. In Man on the Moon wird es hingegen von Beginn an ins Zentrum gestellt. Aber auch diese ironische Brechung wird wieder gebrochen. Nach dem Abspann im Vorspann taucht Jim Carrey wieder auf. Diesmal spielt er als Andy Kaufman Andy Kaufman. Er habe bloß die dummen Zuschauer vertreiben wollen, die ihn so und so nicht verstehen. Er preist den bevorstehenden Film an, er sei gefüllt mit farbenfrohen Charakteren, wie demjenigen, den er gerade spielt. Der soll aber ja gerade Andy Kaufman sein. Blöd sind also die, die glauben, jetzt aber endlich komme das Authentische.

Im folgenden Film wird dieses Motiv als Künstlermotiv weitergesponnen. Aus ihm speist sich weitgehend die Tragik des Films, die vermeintliche Tragik des Lebens von Andy Kaufman. Bei näherem Hinsehen kristallisiert sich ein besonderer Entwurf dessen heraus, was unter einem modernen Künstler zu verstehen ist. Dieses Bild steht in Widerspruch zum Bild des Künstlers, wie es in unserer Öffentlichkeit kommuniziert, vielleicht in den Intuitionen eines jeden mehr oder minder kunstfernen Menschen empfunden wird.

Der wahre Künstler, so das von Man on the Moon vermittelte Bild, ist derjenige, der gar keine Kunst macht. Menschen, die Kunst machen, unterscheiden nämlich zwischen einem Teil von sich selbst, der Kunst macht und somit nach ihrem Dafürhalten Künstler ist (also ihre künstlerische Seite repräsentiert) und einem Teil ihres Selbst, der nicht Kunst macht, Privatmann, Sonstiges oder einfach nur Mensch ist. Jedem Akt der Kunst eines so verstandenen Künstlers geht mithin ein Willensentschluss voraus, jetzt Kunst zu machen, der wiederum aus einer Sphäre stammt, die nichts mit Kunst zu tun hat. Mit diesem Verständnis deckt sich auch die eher wörtliche Bedeutung des Begriffs Kunst, die auf etwas Künstliches abzielt, das im Widerspruch zum Natürlichen, sei es wirklich der Natur im Unterschied zur Kultur, zumindest aber zum Normalem im Unterschied zum von ihm verschiedenen Besonderen steht. Wie aber verhält es sich mit dem Bild des Künstlers, das in Man on the Moon entworfen wird? Andys Tragik und Pathologie besteht gerade darin, dass seinen „Kunstakten“ keine künstlichen Willensentschlüsse vorausgehen. Seine Kunst findet somit nicht in einer unkünstlichen Sphäre ihre Motivation. Bei ihm besteht kein Unterschied zwischen dem künstlichen und dem natürlichen, dem künstlerischen und dem menschlichen Teil. Andy ist immer auf der gleichen Ebene und passt somit weder in die von den meisten Menschen in konkludenter Übereinkunft entworfene Sphäre des normalen Lebens, dem sperrige, aber mitunter unterhaltsame Dinge wie die Kunst ausgelagert sind, noch in die künstlich geschaffene Szene der Kunst, die als Auffang- und Endlager für die angesprochenen unliebsamen Aspekte herhalten muss. Das auffälligste Symptom dieser mangelnden Trennung in Andys Kunst besteht darin, dass er nie seine Scherze bricht. Es wird immer wieder von ihm verlangt, eventuell beim Publikum entstandene Unsicherheiten durch gefällige Erklärungen aufzulösen, mithin die von ihm geschaffenen irritierenden Anreize zum eigenen Nachdenken aufzulösen, damit beruhigt ein Haken unter die Unterhaltung gesetzt und unbedarft heimgegangen werden kann. Dieser Prozedur verweigert er sich stets und findet gerade in diesem Vorgehen eigene Fans. Der Preis, den er dafür zahlen muss, besteht darin, auch in seinem Tod nicht mehr ernst genommen zu werden – ein Preis, den er gerne zahlt. Man kann sich nichts anderes vorstellen, als dass es ihm ein Lächeln auf die Lippen treibt, wenn Restzweifel an der klaren Trennung zwischen Tod und Leben bestehen bleiben. Das ist das größte, was ein Künstler erreichen kann. Dafür darf er nicht an den hinreichend austarierten Bereichen des Lebens teilnehmen, ist also einsam und isoliert. Der Film relativiert dieses Einsamkeitspathos. In der Endmontage flackern die Popart gewordenen Konterfeis der großen Vorgänger samt dessen Andy Kaufmans auf. Was auch immer diese Gemeinschaft sein soll, wo sie sich abspielen soll, Andy ist in sie ein-, in ihr aufgegangen.

Ist das kindisch und unreif? Ja. Unzweckmäßig, glücksfern? Ja. Es ist aber auch heilsam und notwendig für das menschliche Zusammenleben. Alles andere, was unter Kunst daherkommt, ist unterhaltungsschwangere Koketterie, ernst, beliebig, vorbildlich integriert.