Tyrannenmord am Kitschsystem (The Ides of March)

Kunst & Leben |

The Ides of March ist ein, wenn man so will: Politthriller von George Clooney. Er handelt vom jungen Politberater Stephen  (Ryan Gosling), der eine wichtige Position im demokratischen Vorwahlkampf des vielversprechenden, an Obama wie auch Clinton erinnernden Gouverneur Mike Morris (George Clooney) innehat. Die anderen Politberater, insbesondere die  Wahlkampfleiter von Morris und seinem Gegenkandidaten, sind dicke, abgekämpfte, auf den ersten Blick zynische und mit allen Wassern gewaschene Kämpfer, die nie einen Hehl daraus machen, dass alles letztlich nur ein Spielchen ist. Stephen ist anders, er ist ein Idealist und er unterstützt Morris nicht nur, weil er meint, dass Morris gewinnen wird und Stephen somit zum gewinnenden Lager mit Aussicht auf einen Posten in Washington gehört, sondern weil er Morris für einen guten Präsidenten hält, einen, der wirklich einen Unterschied machen könnte, der sich von all den anderen unterscheidet (einer wie Obama vor der Wahl eben). In der entscheidenden Phase des Vorwahlkampfs wird Stephen immer mehr in den amoralischen Sumpf der Politik hineingezogen, aus dem er schließlich als härtester Kämpfer von allen herausgeht.

Unser modernes Leben ist geprägt von einem Spannungsverhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Die politischen Philosophen der frühen Neuzeit wie Hobbes und Rousseau haben versucht, den Prämissen des neuzeitlichen Verständnisses vom Menschen wie seiner Individualität folgend, die Notwendigkeit und Legitimität des Staates bzw. der Gemeinschaft aus im individuellen Bereich zu findenden Bedürfnissen zu begründen. Der geniale Schriftsteller Rousseau hat das Dilemma, das solchen Versuchen zugrunde liegt, in einer der ganz großen Formulierungen der Literaturgeschichte wie folgt auf den Punkt gebracht:

“Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt und in der doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und so frei bleibt wie zuvor.” (Gesellschaftsvertrag, 6. Kapitel)

Dieser Konflikt ist bis heute nicht zufriedenstellend gelöst worden. Ganz im Gegenteil: Meines Erachtens haben wir die Individualität, die eigentlich die Hauptprämisse einer jeden Überlegung zur Gemeinschaft darstellen sollte, weitreichend auf dem Altar des Gemeinsamen geopfert. Wie kam das und warum die pathetisch anmutende religiöse Metaphorik? Von Beginn an war es Ziel der politischen Philosophen, die Gemeinschaft zu rechtfertigen (sei es um des Friedens Willen wie bei Hobbes oder aus einem Bedürfnis nach Überwindung einer tief empfundenen Entfremdung wie bei Rousseau), wobei das Individuelle (besonders bei Hobbes) nur als Begründungsinstrumentarium hergenommen wurde. So haben wir ein weites Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit. Der Anspruch des modernen Denkens besteht in einer (vielleicht sogar Über-)Betonung der Individualität, überall ist die Rede von Freiheit und individuellen Rechten, in Wirklichkeit aber wird das Leben bestimmt von weitgehend von Individualität gereinigten öffentlichen Diskursen. Solche Diskurse oder Systeme oder Szenen, wie auch immer man sie nennen will, finden sich überall. Allesamt kennzeichnen sie sich dadurch, dass nach außen hin ein Kitsch des emotional kleinsten gemeinsamen Nenners gepflegt wird. Da entsteht eine Scheinwelt der inhaltlichen Anspruchslosigkeit und des ins Unmenschliche gehenden persönlichen Anspruchs. In The Ides of March fällt ein sehr wahrer Satz, hier sinngemäß wiedergegeben: Als amerikanischer Präsident dürfe man alles, die Leute belügen, Kriege führen, letztlich auch Leute umbringen, aber was man nicht darf, ist die Praktikantin vögeln. Das hat ja Bill Clinton hautnah miterlebt. Milan Kundera hat diesen Kitsch mal schön beschrieben (und ihn, worum es hier nicht so sehr gehen soll, als große Gemeinsamkeit der kapitalistisch-westlichen wie auch der kommunistischen Gesellschaften ausgemacht). Seine tschechische Heldin Sabina ist in Amerika mit einem amerikanischen Senator unterwegs, der ihr voller Rührung auf dem Rasen spielende Kinder als Inbegriff kapitalistischer Freiheit zeigt:

“Das durch den Kitsch hervorgerufene Gefühl muß allerdings so beschaffen sein, daß die Massen es teilen können. Deshalb kann der Kitsch nicht auf einer ungewöhnlichen Situation beruhen, sondern nur auf Urbildern, die einem ins Gedächtnis geprägt sind (…) Der Kitsch ruft zwei nebeneinander fließende Tränen der Rührung  hervor. Die erste Träne besagt: wie schön sind doch auf dem Rasen rennende Kinder. Die zweite Träne besagt: wie schön ist es doch, gemeinsam mit der ganzen Menschheit beim Anblick von auf dem Rasen rennenden Kindern gerührt zu sein! Erst diese zweite Träne macht den Kitsch zum Kitsch” (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, 6. Teil, 9. Kapitel)

In den genannten Szenen ist über die Jahre der Fokus immer mehr auf die Ebene des Kitsches, der zweiten Träne gekippt. Unter anderem deswegen geben Politiker nichts mehr Interessantes von sich. Wer jeden noch so großen Heini mit ins Boot holen will, muss dafür den Preis zahlen, garnichts mehr aussagen zu können. Hinter den Kulissen herrscht eine ganz andere Struktur. Hier gibt es zwar auch Kitsch, der sich dreht um den Pathos des Machterhalts und der instrumentellen Vernunft, um die Spielregeln, die im jeweiligen Spiel der Szene gelten, der aber durch die geringere Beteiligung von Öffentlichkeit deutlich kleiner ausfällt. Wenn man nun von außen auf diese beiden Seiten blickt, deren Diskrepanz natürlich jedem, der hinsieht und der beteiligt ist, auffällt, begegnet einem das Argument, das Öffentliche sei halt Show, um überhaupt an die Macht zu kommen, mit dieser Macht könne man dann aber das eigentlich Wichtige verwirklichen. Nun ist die Frage: Stimmt das? The Ides of March lassen hier wenig Hoffnung aufkommen. Selbst die großen Idealisten wie Stephen müssen über eine lange Zeit mitspielen und sind, selbst wenn sie im Innern integer bleiben und ihre Ideale behalten, sobald sie an eine Position kommen, von der aus sie etwas bewegen könnten, so in das Spielchen verwoben, dass sie die Spielregeln nur um den Preis aufdecken können, selbst die Macht zu verlieren. Sie müssten sich also selbst opfern, auf die Gefahr hin, von den alten Freunden nunmehr verachtet zu werden und selbst nach außen hin von der Presse zu dem einen oder anderen politischen Zweck instrumentalisiert zu werden. Auch die hängen natürlich letztlich mit drin.

Dem spielt ein zweites Phänomen in die Karten, das in der Eröffnungsszene von The Ides of March thematisiert wird. Morris (bzw. Stephen bei der Ton- und Lichtprobe an seiner Stelle) brüstet sich damit, nicht religiös zu sein, sondern seinen Glauben allein an die Verfassung der USA zu richten. Dieses als Verfassungsheiligung oder Verfassungssakralisierung diskutierte Phänomen lässt die tiefergreifende Einsicht anklingen, dass religiöse Hoffnungen des Mittelalters letztlich auch in die säkularisiert daherkommenden Gesellschaften der Moderne eingeflossen sind, bloß unter dem Deckmantel der Diesseitigkeit. Man sollte daher vorsichtig sein, die Verfassung als Ersatzbibel herzunehmen, auch wenn der damit verknüpfte religiöse Pathos als Urform des Kitsches einem die ein oder andere Wählerstimme mehr einbringt.

Ein noch nicht zu klärendes Problem entsteht im 21. Jahrhundert, einer Zeit immer größer werdender Transparenz. Mit wachsender Transparenz geht auf der einen Seite die Angst einher, die zwar verlogenen, aber doch funktionierenden und unsere Gemeinschaft zweifelsohne stabilisierenden Strukturen könnten zusammenbrechen und mit ihnen unser leicht eingeschläfert funktionierendes Miteinander und wir wären wieder da, wo Hobbes begonnen hat: Beim Krieg aller gegen alle. Andererseits ist mit Transparenz (ein Film wie The Ides of March ist natürlich ein Beispiel von Transparenz) die Hoffnung verbunden, die Schere zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen könne sich wieder ein wenig schließen, schon weil die ganz dreisten Heucheleien nicht mehr möglich sind. Ich bin zwiegespalten, tendiere aber zu zweitem, wobei von den richtigen Leuten ganz im Sinne Rortys ein großer Beitrag fällig sein wird, mitfühlendes Verständnis und Bildung im Sinne einer gewaltvermeidenden Reflexionsfähigkeit zu verbreiten, dies auf möglichst unkitschige Weise, auf die Gefahr hin, dass ein paar unverbesserliche Deppen von Beginn an auf der Strecke bleiben.

Nun stellt sich die Frage, wie wir das Ende von The Ides of March verstehen sollen. Es gibt zwei Ebenen. Einmal sehen wir Stephen als den schlimmsten von allen und die These bestätigt, dass die schlimmsten Zyniker doch immer die enttäuschten Idealisten sind und so, wie uns Clooney den Politbetrieb schildert, wird auch der größte Idealist fallen. Außerdem lohnt ein Blick auf den Titel: Die Iden des März spielen natürlich auf Cäsars Ermordung an, bei der unter anderem sein Sohn Brutus mitgewirkt hat, dem Cäsar seine berühmten letzten Worte gewidmet haben soll. In The Ides of March stellt sich die Frage, wer eigentlich Cäsar sein soll. Stephen sticht den vorigen Wahlkampfleiter Paul aus, ok, aber der war kein Herrscher und kann sich mit einer Million im Jahr in einer Consulting-Firma trösten (eine Art Running Gag im Film: Die Consulting-Firma in Washington als Trostpreis für den, der nicht mehr mitspielen darf). Morris kann im Rennen bleiben und wahrscheinlich Präsident werden, außer natürlich wir verstehen das Ende, in dem Stephen zum Interview gebeten wird, so, dass er alles auffliegen lässt. Er würde sich selbst mit ans Messer liefern. Daher eine dritte Möglichkeit: Cäsar heute ist „das System“. Clooney macht einen Film über heuchlerische Subsysteme (Diskurse, Szenen, wie auch immer) auf dem Grat von öffentlich wirksamem Kitsch und amoralischer Mauschelei im Hintergrund. Dafür kann die Politik herhalten, das gilt aber sicher auch für Hollywood und weitere Szenen, sobald es um viel Geld und Macht geht und die Öffentlichkeit beteiligt wird. Clooney selbst wird hier zum Tyrannenmörder, der die verlogene und rücksichtslose Struktur solcher Szenen aufdeckt wie derjenigen, der er selbst als Elite angehört. Besonders glücklich wird er dabei nicht sein, aber schön, dass er trotzdem für uns seine blitzeblank gebleichte Fresse in die Scheinwerfer hält und wir uns darüber freuen dürfen, dass es im schweinischen Hollywood diese nach außen immer artigen Casanova-Typen mit grau meliertem Haar noch gibt.