Wo all die guten Leute hin sind (Margin Call)

Kunst & Leben |

Vermeintlich hermetisch abgeriegelte Systeme schleppen immer einen Überschuss an Unwägbarem mit sich. Hier besteht auf individueller Ebene ein Anknüpfungspunkt für Erwägungen, die in einer diesem System fremden Sprache formuliert sind. Im Falle der Finanzwirtschaft ist das die Kunst.

Margin Call (zu deutsch: Der große Crash) ist einer von mehreren Filmen über die 2008er Finanzkrise und unter ihnen wahrscheinlich der gelungenste. Er schildert den Abend und die Nacht vor dem Crash aus dem Inneren eines Finanzunternehmens/einer Investmentbank in New York. Der Fokus liegt auf dem jungen Analysten David Sullivan, gespielt von Zachary Quinto (der junge Mr Spock und Sylar aus Heroes). Am Tag vor dem Crash ist Entlassungstag, eine zyklisch wiederkehrende Prozedur zur Säuberung des Unternehmens und zur Motivation der übriggebliebenen Mitarbeiter (aus Angst wie auch Stolz, auserwählt zu sein). Diesmal hat es vor allem die Abteilung für Risikomanagement erwischt, unter anderem Sullivans Vorgesetzten Eric Dale (Stanley Tucci). Der wird unwürdig abserviert und bekommt als Gegenleistung eine hohe Abfindung. Bevor er geht, kann er Sullivan noch einen Datenstick in die Hand drücken mit der Bemerkung, hier etwas Komisches und Gefährliches entdeckt zu haben. Sullivan entdeckt daraufhin ein Paradox im Geschäftsmodell des Unternehmens. Das Problem wird im Film so erklärt: Seit geraumer Zeit handelt das Unternehmen mit Finanzprodukten, deren Grundlage Hypotheken auf Eigenheime sind. Diesem Modell liegen komplizierte mathematische Gleichungen zugrunde. Sullivan entdeckt, dass die Gleichungen implizit von der Prämisse ausgehen, dass Kursschwankungen sich nur in einem bestimmten Rahmen bewegen. Sollte der Rahmen aufgrund tatsächlicher Schwankungen am Markt verlassen werden, wandelt der Wert der Produkte sich in einen riesigen Verlust um, ein Verlust, der größer wäre als der gesamte Wert des Unternehmens. Folge wäre natürlich ein Untergang des Unternehmens. Margin Call  erzählt den auf diese Entdeckung folgenden Entscheidungs- und Kommunikationsprozess innerhalb des Unternehmens durch alle Ebenen. Am Ende wird die Entscheidung getroffen, die toxischen Papiere in einer konzentrierten Aktion „abzuverkaufen“, also am Markt zu verteilen. Das muss innerhalb eines Börsentages geschehen, bevor potentielle Käufer Kenntnis erlangen und das Vertrauen in das Unternehmen zerstört ist. Diese Entscheidung hat mehrere Konsequenzen: Das Unternehmen kann in entschlackter Form weiterexistieren. Sullivan erweist sich hier als Krisengewinnler, er wird befördert. Der Markt wird durch die Papiere zerstört, viele andere Unternehmen werden in den Ruin getrieben, nicht im Film angesprochen, aber natürlich impliziert: die Finanzkrise wird ausgelöst. Ein dritter Effekt: Die hohen Chefs des Unternehmens haben für eine kurze Zeitspanne einen Wissensvorsprung vor der Konkurrenz. Hieraus können sie großen Profit schlagen. Es geht also immer weiter: Es wird nicht, wie es vielleicht auch nur aufgrund nostalgisch laienhafter Vorstellungen einem verantwortungsvollen Unternehmertum entspräche, versucht, irgendwie die Firma zu sanieren und weiteren Schaden abzuwenden, sondern es werden andere infiziert. Den Wissensvorsprung, den man naturgemäß als Wirt hat, münzt man in viel Geld um. Ich habe keine Ahnung, ob es sich wirklich so abgespielt hat. Es ist auch nicht das Ziel des Films, uns die Finanzkrise zu erklären. Was Margin Call aber leistet, insbesondere auch infolge einer beeindruckenden Auswahl an guten Schauspielern, ist es, uns einen Blick auf eine Gruppe von Menschen zu erlauben, die in einer seltsam sich bedingenden Kombination aus konsequenter Abschottung vom Rest der Welt und großer Macht über und Einfluss auf den Rest der Welt auf eine Ausnahmesituation reagieren. Dem Film gelingt dabei ein eindringlicher Abriss des Menschentypus der Finanzelite.

Allen Akteuren gemeinsam ist eine wenig überraschende Einstellung: Es geht nur ums Geld. Es gibt zwar völlig skrupellose Opportunisten, angepasste Zyniker, harte Unternehmer mit Restgewissen und eingezäunte Restidealisten, die mehr oder weniger Probleme mit dem Vorgehen des Unternehmens haben. Am Ende lassen sie sich alle kaufen. Wahrscheinlich liegt das nicht nur an der Natur des Menschen, sondern gerade auch an der Struktur der Unternehmens. In Form von straffen Hierarchien (es sind 7 Ebenen, nach Höhe gestaffelt: erst die Stockwerke im Hochhaus, der oberste Chef landet schließlich auf dem Dach), die ein bisschen an Kafkas Prozess erinnern, deren jede Ebene mit der Aussicht auf sehr viel mehr Geld und Macht verknüpft ist, wird ein leicht zugängliches Normensystem entworfen, dem sich die Angestellten in aller Regel nicht nur unterwerfen, im steten Bewusstsein, dass es fremdbestimmt ist, sondern das sie als ihr eigenes übernehmen. Da sie auch kein Leben jenseits der Firma mehr haben dürfen, wird das mehr und mehr ihre Welt. Der von Kevin Spacey dargestellte Sam Rogers, noch einer der alten Schule, mit allen Wassern gewaschen, aber doch irgendwie noch irgendetwas Ähnliches wie Verantwortung spürend, hat als Welt außerhalb des Unternehmens nur noch einen kranken Hund, dem gegenüber er eine seltsam deplatziert wirkende Liebe empfindet. Schließlich stirbt der Hund in Abwesenheit von Sam, der mitarbeitet, den Markt zu zerstören, und der Film endet damit, dass Sam ihm ein Grab im Garten seiner Exfrau schaufelt. Ein Loch buddeln, hat er vorher mal gesagt, da habe man hinterher wenigstens ein Loch. Kaum überraschend machen beim Abverkauf schließlich alle mit und bekommen hierfür viel Geld.

Interessanter meines Erachtens ist eine nähere Betrachtung von Sullivan und dem obersten Chef John Tuld, gespielt von Jeremy Irons (angeblich in Anlehnung an Lehman-Chef Dick Fuld). Sie repräsentieren die Menschentypen, die in der Finanzwirtschaft gefragt sind und die, soll man den wohl leicht übertriebenen Die-da-oben-Theorien glauben, die Welt regieren. Sullivan leuchtet sofort ein. Er ist ein hochintelligenter Ingenieur, der Mathematik und Zahlen beherrscht. Ursprünglich ist er „rocket scientist“. Im amerikanischen Sprachgebrauch ist der „rocket scientist“ die pars-pro-toto-Bezeichnung für ein Genie überhaupt (das zeigt sich in zahlreichen Redewendungen, Beispiel: „you don’t have to be a rocket scientist to understand that …“). Davon mal abgesehen, dass die Gleichsetzung von Genie und Raketenwissenschaftler unter all den in Betracht kommenden Wissenschaftler- oder Künstlersorten ein schräges Licht auf die Sprachpraxis der USA wirft, kommt in der Figur des Sullivan zum Ausdruck, dass die wissenschaftlichen und mathematischen Genies heute bei den Finanzfirmen sitzen. Der Grund ganz lapidar: Sie verdienen hier mehr Geld, empfinden vielleicht auch ihre Tätigkeit als besonders zeitgemäß – man ist bei dem dabei, worüber alle sprechen, auch wenn man keinen Kontakt zu allen hat. Diese Leute entwerfen dann Produkte, die nur eine Handvoll von anderen, ähnlich intelligenten Menschen versteht. Dieser Typus findet sich an der Basis der Finanzfirmen. Ganz oben sitzt allerdings ein anderer Typ. Ganz oben in den Finanzfirmen (sicher nicht nur hier, auch in den großen Wirtschaftskanzleien usf.) sitzen nicht unbedingt hochspezialisierte Fachmänner, sondern hochsensible Künstlertypen. Hier geht es nicht mehr darum, jedes komplizierte Detail einer ganz speziellen Frage zu durchdringen, sondern um den großen Überblick. Es gibt seit jeher in jeder Generation ein paar Menschen, die mehr als andere ein Gespür haben für die Zeit, in der sie leben, die auch, aber nicht nur aufgrund von Faktenwissen Prognosen treffen können, die gewisse noch implizite Stimmungen erfühlen und vielleicht erstmals explizieren können. Solche Leute waren früher Hegel, Nietzsche, Wittgenstein, Proust, James Joyce, Kafka, Thomas Mann und viele mehr. Ich glaube, und diese These findet in Margin Call Anklang, dass dieser Menschentyp, den ich mal vorsichtig als künstlerisch umschreibe, heute ganz oben in der Finanzwirtschaft sitzt. Das ist von beiden betroffenen Ebenen her gedacht plausibel. In der Wirtschaft müssen sich irgendwie die ganz oberen von den vielen guten, genialen unter ihnen unterscheiden. Das geht nicht mehr aufgrund der noch höheren Sachkunde (unten sitzen ja schon die „rocket scientists“), auch nicht allein aufgrund von Kontakten, die ja auch erst geknüpft werden müssen (was zum Beispiel durch die Gemeinsamkeit im Künstlerischsein im hier verstandenen Sinne funktionieren kann), sondern aufgrund eines „weichen“ Kriteriums, das aber in all der herbeigeredeten Härte des Geschäfts nicht offengelegt wird. Auf der anderen Seite fragt man sich in Bezug auf die öffentlich wirksame Szene der Kunst heutzutage oftmals, ob das wirklich schon alles gewesen sein soll. Hier finden sich hauptsächlich äußerst vorhersehbare und langweilige Formate. Oft scheint es nur noch darum zu gehen, die völlig subjektive Stimmung eines Moments möglichst kleinteilig auszudrücken. Die meisten scheint es dabei kaum zu stören, unendlich weit hinter dem zurückzubleiben, was es schon gab. Das liegt daran, dass die großen Künstler nicht mehr in der Kunst sind.

(Der Zustand der Kunst hat natürlich mehrere Gründe, siehe zum Beispiel die Rezension zu Inglourious Basterds, aber dieser hier ist vielleicht ein starker, bislang unterbetonter.)

Auf einer spekulativ-psychologischen Ebene mag das auch einen Teil der destruktiven Kraft der Finanzwirtschaft erklären. Der angesprochene Typus Mensch verdient unendlich viel Geld, hat unendlich viel Macht, aber das war‘s. Wenn es nur ums Geld und nur um instrumentelle Vernunft (vernünftig ist das, was uns zur Erreichung bestimmter Ziele gereicht) ginge, müsste man nicht alles kaputtmachen. Wie immer wir es auch drehen: Es geht nie nur um etwas einziges. Ein Überschuss an Unwägbarem schwingt immer mit. Der ist noch nicht zu Tode institutionalisiert und das stimmt hoffnungsfroh, für Kunst und Welt.