Fünfte Episode (Alles beim Alten) aus meinem Buch Verrat und Neuanfang

Literatur, Romanausschnitte |

 

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Als E-Book bei Amazon (im Kindle-Format, mit entsprechender App auf allen Plattformen lesbar)

 

Ich habe zusammen mit meinem Freund Michael Clemm ein Buch geschrieben. Er ist ein ehemaliger Top-Manager, der mittlerweile ein kleines Familien-Gastronomie-Unternehmen in München betreibt (Freshbury). Wir haben uns in seinem Ladenlokal an der Leopoldstraße kennengelernt und mit der Zeit angefreundet. Es stellte sich heraus, dass er lange schon die Idee eines Buches über seine Manager-Zeit mit sich herumtrug, aber nicht so recht die Zeit und Sprache hierfür gefunden hatte. Ich hingegen hatte meinen Roman Zwei und Eins fertiggeschrieben, war leer und auserzählt. Anfang 2013 beschlossen wir, das Buch zusammen zu schreiben: Er lieferte mir gute Geschichten und Lebenserfahrung, ich ihm Sprache und Einheit. Das Buch ist jetzt fertig, es heißt Verrat und Neuanfang und es ist nicht nur ein Buch über ein Manager-Leben geworden, sondern auch über unsere Freundschaft, über die Idee, unser Buch zu schreiben, ihre Umsetzung und was das Buch mit uns gemacht hat, über Wirtschaft und Kunst und nicht zuletzt über die Möglichkeit von Freiheit in einer durch und durch normierten Welt.

Hier ist die 5. Episode aus Verrat und Neuanfang – Ende der Neunziger Jahre verpennt die Musikbranche das Internet.

 

5. Episode: Alles beim Alten

 

Wieder einmal unverhofft bekam ich ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Es war eine der großen Musikfirmen. Ich hatte wirtschaftlich nicht die geringste Ahnung von Musik, aber Musik bedeutete mir persönlich viel. Ich habe als Jugendlicher von den Beatles Englisch gelernt, von den Bee Gees das Tanzen und von Joe Cocker das Trinken. Ich musste mich der Herausforderung stellen. Mein Aufgabengebiet war mit new business überschrieben. Es würde also Gelegenheit geben, neue Wege zu gehen, kreativ zu sein und etwas Eigenes zu schaffen, vielleicht ohne dass ich mich völlig verausgaben müsste. Ich dachte mir, wenn die Kreativität und die Möglichkeit des Neuen schon in die offizielle Stellenbeschreibung eingeschrieben war, dann würde doch, selbst wenn man all die nötige Anpassung der Ideale an die Welt, alle Unwägbarkeiten und Widerstände, die es sicherlich geben würde, abzieht, trotzdem noch genug Freiraum bleiben, um eigene Ideen zu entwickeln.

 

Die Zeit ging gegen Ende der Neunziger Jahre und die Musikbranche war dabei, so langsam in eine Krise zu schlittern. Die CD-Verkäufe gingen zurück und es wurde offenbar schwerer, mit einer kalkulierbaren Regelmäßigkeit große Hits zu landen. Optimale Zeiten, wie ich dachte, für Veränderungen.

 

Die Offenheit hatte zu Beginn freilich auch eine Kehrseite. Ich wusste nämlich nicht genau, was ich zu tun hatte. Mir wurde das Gefühl vermittelt: Schau einfach mal, dann sehen wir schon. Meine ersten Begegnungen hatten entsprechend einen leicht unverbindlichen Beiton. Da war der Neue, der wohl keine Ahnung hatte, dachten sie sich wohl allesamt, lassen wir den mal. Manche reagierten sehr zurückhaltend und beinah ängstlich, sie sahen mich vielleicht als einen von oben eingesetzten Spion, der ihnen auf die Finger schauen sollte. Wie sonst war es zu erklären, dass auf einmal ein völlig Branchenfremder auftauchte. Manche sprachen mit mir wie mit einem Oberdeppen oder einem kleinen Kind, das zufällig in eine Erwachsenenrunde geraten war und das man aber aus vermeintlich allgemein erwarteter Rücksichtnahme nicht gleich wieder wegschicken wollte. Manchmal war auch unterschwellige Aggression im Spiel. Nunja, dachte ich, das würde vorbeigehen und ich machte mich an die Arbeit. Meine Energie war wieder da, es kam Lebensfreude auf und ich startete mit einem Elan, den ich Jahre nicht verspürt hatte.

 

In der Firma machte ich mich sodann auf die Suche nach Verbündeten, nach Brüdern im Geiste. Schnell lernte ich jemanden kennen. Er war der Logistik-Chef, hatte ungefähr zur gleichen Zeit wie ich angefangen und war ebenfalls branchenfremd. Schnell konnte er sich Respekt erarbeiten, ihm wurde das Potential zu echter Veränderung zugeschrieben. Wir freundeten uns an, teilten uns ein Büro und zogen sogar für die ersten Monate zusammen. Meine Familie blieb zunächst an unserem alten Wohnort und ich teilte mir mit meinem neuen Freund aus der Logistik, dessen Frau nicht mit umziehen wollte, sowie mit einem alten Freund, einem Mediziner, eine kleine Wohnung. In der Wohnung lagen drei Matratzen nebeneinander. Damit war sie voll. Wir hatten nur einen Schlüssel, keiner konnte kochen. So hingen wir abends meist in einer Bar ab, kehrten dann leicht angetrunken in die Wohnung zurück und jeder legte sich auf seine Matratze. Sie waren so nah beieinander, dass wir uns gleichzeitig umdrehen mussten, wenn wir dem Nachbarn nicht auf der Pelle liegen wollten. Manchmal kam es mir vor wie in einem alten Stan-und-Olli-Film, wenn wir uns wie die in Bier und Whisky marinierten Sardinen synchron drehten. Mein alter Freund, der Mediziner, überwachte unsere Leberwerte – er machte das nach Gefühl, ohne Blut abzunehmen, er war da sehr talentiert und wir hatten eine sehr schöne Zeit. Nach ein paar Monaten kam dann meine Familie nach und wir zogen in das nächste kleine Spießerhäuschen mit Garten. Mit beiden bin ich noch heute gut befreundet.

 

In der Arbeit brannte der Baum. Zum new business gehörte es, alternative Wege des Vertriebs zu gehen und die Branche versuchte, ihren rückläufigen Zahlen durch allerlei Verkauf an ungewohntem Ort entgegenzuwirken. Wir nannten das die non traditional channels, das waren beispielsweise Tankstellen, Buchläden, Hotels und Drogeriemärkte. Mit einem der großen deutschen Drogeriemärkte schlossen wir einen Riesendeal ab. Es ging um 7 Millionen Mark, die zu der Zeit über 9.000 Filialen sollten mit CDs bestückt werden. Dafür wurden sie teilweise umgebaut, es wurden spezielle Regale angebracht. Der Deal wurde, wie soll es anders sein, vom Regalhersteller eingefädelt. Es stellte sich die Frage, welche CDs denn angemessen wären, auf welche Musik denn die Kunden des Drogeriemarkts standen. Wir führten Sondierungsgespräche mit den Chefeinkäufern der Drogeriemärkte, meist ältere Herren, die der Neuheit gegenüber grundsätzlich ablehnend gesinnt waren. Da sie an der Grundentscheidung des Konzerns nichts mehr ändern konnten, lenkten sie ihre Ablehnung in Zynismus um. Ich machte mit einem der Einkäufer einen Ortstermin, um mir die Stellung der Regale anzusehen und wir unterhielten uns über mögliche Interpreten.

– Die ganzen Tanten, die bei uns einkaufen, da brauchst was Seichtes, Schlager, Karel Gott, sagte er.

Mir hätte das insofern recht sein können, als sich die Gelegenheit bot, den ein oder anderen Ladenhüter unter die Leute zu bringen, aber mir kam es zu einfach vor und einseitig.

– Sind Sie sicher? fragte ich also. Wollten wir nicht vielleicht lieber eine Marktanalyse vorschalten?

– Papperlapapp. Junger Mann, hören Sie mir mal zu. Bei uns kaufen seit zig Jahren die gleichen Leute ein, glauben Sie mir, ich kenn sie alle. Kommen Sie mir nicht mit ihrem neumodischen Zeug von der Universität. Hier schauts ganz anders aus. Meine Kunden kaufen, was ich Ihnen anbiete. So einfach ist das. Da brauch ich wirklich keine Forschung für. Er ordnete dabei Deoroller um.

– Also, fasste er nach kurzer Pause zusammen: Schlager, Karel Gott, sowas. Wir verstehen uns.

 

Ja mei, dachte ich mir am Ende. Vielleicht hatte er ja Recht. Ich konnte mir das bloß beim besten Willen nicht vorstellen. In meiner Firma wurden die Vorschläge goutiert. Man sah die Gelegenheit, einigen Ramsch abzustoßen und es erschien den Chefs, allesamt Männer um die 60, die wahrscheinlich in ihrem Leben nie in einem Drogeriemarkt waren, sehr plausibel, dass die Kundinnen gerne Schlager hören. Das ist eine typische Denkweise: Man stellt sich eine durchschnittliche irgendwas vor, in diesem Fall die typische Kundin des Drogeriemarkts und schreibt ihr nur wegen ebendieser einen Eigenschaft, Kundin des Drogeriemarkts zu sein, weitere Interessen zu. Zu deutsch: Wer Deoroller kauft, hört auch Karel Gott. Das macht in einer bestimmten, ziemlich verrückten Welt gewiss auch Sinn.

 

Die andere Welt war dann doch nicht so und der Deal floppte gewaltig. Die Hälfte der Ware kam wieder zurück. Ich versuchte zu retten, was zu retten war, aber wir gingen angeschlagen aus dieser Episode heraus. Auch darüber hinaus gab es immer weniger Hits, die Zahlen gingen weiter zurück. Es zeichnete sich überdeutlich ab, dass Veränderungen im Gange waren, zu denen wir den Anschluss zu verpassen drohten. Zu dieser Zeit konnte das bloß noch niemand so richtig in Worte fassen. Es musste aber eine Idee her, eine große, zündende, sonst würde es unentwegt weiterhin bergab gehen. Ich tingelte durch die Lande und ging jeder noch so kleinen Möglichkeit eines non traditional markets nach. Alles schien nicht so recht erfolgsversprechend zu sein, alles sah so aus wie unser Flop mit dem Drogeriemarkt.

 

Es waren auch einfach zu viele festgefahrene Menschen auf den einflussreichen Posten. Das war ja irgendwie auch klar. Geprägt wird man in Studium und Anfangsjahren. Bis man oben ist, vergehen gut und gerne 20 Jahre. Nach oben kommt man mit dem, was man aus den ersten Jahren mitgenommen hat. Der Erfolg gibt einem Recht. Man wäre ja sonst nicht so weit gekommen. Nur die wenigsten scheinen dann in den großen Krisen, und eine solche kündigte sich überdeutlich an, noch Ideen zu haben. Zunehmend frustrierter zog ich eines Abends um die Häuser, nüchtern und rastlos, ich spürte, dass etwas passieren musste. Da fiel es mir ein. Mein Freund, der Mediziner, hatte mir kürzlich erzählt, sich einen Internetanschluss zulegen zu wollen. Er erging sich dann in technischen Details und ich hatte gar nicht richtig zugehört. Jetzt war es aber klar. Ich hatte keine Ahnung davon, ich wusste nur, dass es da was Neues gab. Wieder brannte das Feuer in mir, ich wusste, diesem Impuls nachgehen zu müssen. Ein Branchenfremder würde die Alteingesessenen von etwas überzeugen, von dem weder er noch sie irgendeine Ahnung hatten. Das gefiel mir, in diese Richtung musste es weitergehen.

 

Ich wusste überhaupt nicht, was das war. Also setzte ich mich erst mal hin und recherchierte. Ich erzählte nur meinem Freund, dem Logistik-Chef davon und begann, in wochenlanger Kleinstarbeit eine Präsentation vorzubereiten, die nach meiner eigenen Auffassung die Präsentation meines Lebens werden sollte. Ich war überzeugt von der Sache, schlief kaum noch und ich dachte, das Rezept gefunden zu haben, den neuen Weg, den sie seit Jahren suchten. Der Plan war riesig, detailliert und in Stufen gegliedert. Erst sollten in einem Online-Shop CDs verkauft werden, dann im Erfolgsfall auch digitale Downloads über das Internet. Ich hatte keine Ahnung, wie das technisch funktionieren sollte, war mir aber sicher, dass der Weg dahin bereits geebnet war. Damals war alles in der Anfangsphase, ein Download über eine herkömmliche Leitung dauerte noch viele Stunden und war dementsprechend teuer. Aber ich war sicher, es würde in diese Richtung weitergehen. Aus allen Vorarbeiten bauten wir, mittlerweile war mein Logistik-Freund voll an Bord, eine große Präsentation und erbaten uns, als die Zeit aus unserer Sicht reif war, einen Termin beim Management. Als er anberaumt war, kannte meine Euphorie kaum Grenzen. Endlich war aus meiner Sicht die Grundantwort auf all die Fragen der Branche gefunden.

 

Wir fuhren am Tag der Wahrheit mit dem Aufzug in den 5. Stock in den großen Besprechungsraum, in dem die vier alten Herren des Musikmanagement auf uns warteten. Ich wusste, dass ich gut war und ließ auf der kurzen Fahrt mit dem Aufzug die Präsentation noch einmal im Zeitraffer vor meinem inneren Auge ablaufen. Ich erwischte mich dabei, mir den Applaus vorzustellen und die ehrliche Verwunderung über diesen branchenfremden Außenseiter, der es geschafft hat, die lang ersehnte Veränderung herbeizuführen und ich stellte mir sogar vor, wie ich die Glückwunschbekundungen in gespielter Demut und unter dem Verweis auf das Team und die ganze Firma herunterspielen würde. Dann ging die Aufzugstüre auf, ich ging ein paar Schritte voran und stand auf einmal in dem großen Raum vor ihnen.

 

Noch bevor ich die ersten Worte sprach, wusste ich, was los war. Sie schauten mich an wie einen Irren, einen, der nicht nur eine andere Sprache spricht, sondern der etwas von sich gibt, von dem man zunächst einmal nicht sicher sein kann, ob es sich überhaupt um eine Sprache handelt. Ich zog die Präsentation trotzdem durch, es kostete mich alle Energie, nicht einfach mitten im Wort aufzuhören und ich versuchte entgegen all meine Intuition, Begeisterung und Elan auszudrücken. Es war furchtbar.

 

Die erste Anmerkung:

– Niemand, den ich kenne, würde jemals eine CD bestellen, ohne sie vorher in der Hand gehabt zu haben. Die Leute wollen das doch anhören in den Geschäften, waren Sie denn noch nie vor Ort?

Ich konnte nur erwidern, dass ich mir das sehr wohl vorstellen könne und man das doch nicht wissen könne. Der nächste:

– Schön und gut, Herr Clemm, aber das zweite, was Sie da vorschlagen, dass man die Lieder über die Telefonleitung herunterladen kann, das können Sie vergessen, das ist überhaupt nicht machbar, ich weiß gar nicht, wie Sie auf so eine Idee kommen können. Absurd ist das. Nach einer kurzen Pause: Absurd.

Der dritte der Runde sodann:

– Und was ist denn mit den Rechten der Künstler? Was glauben Sie bitte, wenn ich morgen dem Joe Cocker damit ankomme?

 

Der Rest nickte andächtig verständnisvoll. Für sie war klar, dass ich den Verstand verloren hatte. Die Ideen waren gegen ihren Status gerichtet. Die größte Angst bestand vielleicht sogar darin, sich selbst überflüssig zu machen. Ins Netz konnten die Künstler ja theoretisch auch ohne ein Label. Ich musste in dem Moment, als der vierte anfing, die technische Unmöglichkeit meiner Vorschläge vertiefend zu erörtern und dabei ins Anekdotische abdriftete, um schließlich bei Tina Turner zu landen, an die Erfindung der Dampflok in England denken, von der ich mal gelesen hatte. Die Menschen standen dem Teufelszeug ablehnend gegenüber, die ersten Loks fuhren schreckenerregend mit sechs km/h durch die Lande und die Königin Victoria musste sich persönlich reinsetzen, um zu zeigen, dass man davon nicht stirbt.

 

Vielleicht hatte ich ja aber auch wirklich Unrecht. Kurz nach dem Meeting glaubte ich das. Ich tauschte mich mit meinem Freund aus, der mich wieder ein wenig aufbauen konnte. Das Gefühl für die Idee kehrte zurück und ich startete einen letzten Versuch. Ich ging zu Dr. Streusand, dem damaligen Musikguru der ganzen Branche, ein 60-jähriges Hutzelmännchen, der seit Jahrzehnten mit fast angsteinflößender Sicherheit Hits und Flops voraussagte. Ich saß ihm gegenüber und erzählte eine Kurzversion meines Internet-Konzepts. Er sah leicht schräg an mir vorbei (das kam mir unangenehm bekannt vor), strich sich mehrmals über den Bart und es machte dieses leicht schuppende Geräusch und ich bildete mir ein, dass wirklich Hautpartikelchen von seinem Gesicht staubten. Immer mal wieder machte ich Pausen, aber er sagte nichts. Am Ende auch nicht. Er hat mich komplett ignoriert, ich kam mir wieder vor wie ein Student in den Anfangssemestern, der beim übermächtigen Professor vorspricht.

 

Ab da war es in der Firma für mich anders. Ich kam mir vor wie der dauerhaft belächelte Oberdepp. Immer wieder grinsten mich Leute auf dem Gang an, ich legte das dann alles als Spott aus, vielleicht wollten manche sogar nur Sympathie bekunden. Ich zog mich dann ins Hörbuchgeschäft zurück. Das wurde auch belächelt, aber man ließ mich machen. Ich hatte ein paar kleine Erfolge. Die größte Veränderung, aber nur für mich persönlich, nur für mich privat, trat dann durch meine Kündigung ein. Ich wollte nicht mehr und wandte mich einem wirklich großen Unternehmen zu. Mein Freund ist geblieben, er hat die Kurve gekriegt und einen guten Posten bekommen. Die Firma gibt es heute kaum noch.

 

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