Erstes Kapitel (Zeitlos) aus dem Roman Zwei und Eins

Literatur, Romanausschnitte |

 

Mein Ende 2012 fertiggestellter Roman Zwei und Eins handelt von Liebe, Familie und der Möglichkeit verschiedener Lebensentwürfe in der heutigen Zeit und dem mit ihnen verknüpften Ringen um Bedeutung und Individualität. Helena schwankt zwischen ihrem Leben als erfolgreicher Physikerin im CERN und ihrer Sehnsucht nach einem bedeutenden wissenschaftlichen Beitrag zur Geschichte der Zeit, ihr Bruder Philipp tingelt als mittelerfolgreicher, aber hochphilosophischer Liedermacher durch die Lande, hängt dabei dem Ideal seiner Jugendliebe Julia nach (die er in seinen Liedern Christina nennt) und Robert ist ein (erfolg-)reicher Rückversicherer mit Frau und Kindern, der sich durch seine Begegnung mit Helena, von der das folgende Kapitel handelt, erinnert an eine Zeit, in der ihm noch etwas etwas bedeutet hat.

 

Auf dem Dach des schnuckeligen Gebäudes eine rote Kugel, hierauf eine Himmelsrichtungsachse, hierauf ein spielerischer Wetterpfeil. Immer zur gleichen Zeit fällt die Kugel die Achse herab und es ist 13 Uhr.

Die Brandung über Greenwich ist schön, lau spätsommerlich und ein wenig bedrohlich zugezogen. Die vielen Bootsfahrer haben sich dankbar im Flanieren im Park der Marineakademie verstreut. Der Coffee to go hat, trotz leichter Hetze, den Berg herauf gut geschmeckt.

Helena war nicht mehr hier, seit sie ein Mädchen war. Sie zögert an der letzten kurzen Anstiege. War das ein Anfang vielen Übels? So harmlos einladend in der Mitte vieler doch zu frostig angezogener Touristen. Viele schleppen ihre Kinder mit hoch, auch Mädchen wie sie eines war? Die Bö von der Themse her unterfährt schmeichelnd ihren Rock. Helena ist nur wenig außer Atem, wenn dann aus Erinnerung, nicht aus Gegenwärtigem. Als sie sich noch einmal umdreht: Hier muss mal ein schöner Blick gewesen sein, rau, aber unverstellt auf die Themse, jetzt auf die flachweiße Kuppel der 02-Arena, aus der gelbe Kräne ragen, im Vordergrund das Heizkraftwerk und ein paar Bäume. Unklar, was noch alles übrig ist. In Helena macht sich nur kurz eine Melancholie breit, die in Handlungsdrang umschwingt. Sie hüpft den Rest nach oben. Hier war es schon schön vor den vielen Jahren, zweifach: War das ihr letzter glücklich unbeschwerter Moment? Sie fühlt verzerrt, fast schimmelig die harten Berührungen des Vaters, denkt an die guten alten Zeiten unter den Königen und Christopher Wren. Was mussten sie damals bei all der Brutalität im realen Leben noch für Hoffnungen in ihr Observatorium gesetzt haben. Das Backsteinrote mit dem Weißen, das ist schön.

Alles wirkt so harmonisch. Dabei haben sie hier die Zeit abgeschafft, sagt Helena ein wenig nervös vor sich hin. Sie steht jetzt schon hinter dem Observatorium und schaut auf die London abgewandte Seite der Welt, an der grauen Mauer lehnend. Dahinter sind dann schon die Parkplätze.

Meinen Sie nicht eher erfunden? fragt ein Mann ein paar Meter neben ihr, den sie bislang nicht gesehen hat. Eigentlich ist sie gelangweilt von der immer wieder erforderlichen, stets verpuffenden Widerlegung von Vorurteilen, die sich im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt haben. Aber er ist attraktiv, seine Frage hatte etwas leicht Ironisches. Vielleicht hat er nur gefragt, um ein Gespräch anzufangen, obwohl er es verstanden hat. Er hat mir sicher auf den Arsch geschaut, denkt sich Helena, der herausgestreckt war wegen der Beugehaltung über der Mauer. Sie dreht sich ganz zu ihm um. Er wirkt untouristisch und ist angezogen wie ein seriöser Mensch, kein Anzug, keine Krawatte, aber die Auswahl des schwarzen Polohemdes, seine schier faltenfreie helle Stoffhose. Sein Haar ist nicht gegelt, aber halblang für einen Mann in Form, trotz Wind.

Das kommt darauf an, was Sie meinen, entgegnet sie. So lässt es sich stets respektabel an. Ich bin überzeugt, fährt sie fort, dass es eine Zeit gibt, die etwas Ursprüngliches hat und der wir einmal vielleicht näher waren. Es muss einmal eine Zeit gegeben haben, sehen Sie, ich sage es schon in der Vergangenheit, in der wir der Zeit und dem uns alle durchströmenden Leben nahe gewesen sind. Wissen Sie, Zeit ist etwas Wertvolles und gleichsam Unbegreifbares. Sie fühlt ein leises Näherrücken der Körper zueinander.

Eine Philosophin, sagt der Mann, das sieht man selten heute.

Ich bin Physikerin, erwidert Helena, ich heiße Helena. Eine Hand, annähernd, die durch Kusshauch gewürdigt wird.

Das ist ein sehr schöner Name. Ich heiße Robert, bin weder Philosoph noch Physiker. Ich verkaufe Dinge, die niemand braucht, die aber alle haben wollen.

Bänker, also, oder was mit Umwelt, antwortet Helena.

Gar nicht so abwegig. Sie fühlt sich unweigerlich zu ihm hingezogen. Er ist sicher ein bisschen älter. Sie faszinieren seine Hände, deren dünne lange Finger in schön gesäuberte Nägel übergehen. All das wirkt gut zueinander platziert. Sein Haar fällt im Wind immer passend, er bewegt sich weiter auf sie zu.

Ja, Robert, ich bin so frei, sagt sie und hakt sich in einem gerade so privaten Abstand unter seinen Arm ein. Lass uns einmal den dummen Nullmeridian entlanglaufen, ohne ein Bild zu machen. Sie gehen dem nach, nach kurzer Zeit des Anstehens, weiter eingehakt. Robert, sagt sie, auf der Merklinie, hier wurde die Zeit zerstört. Wir denken sie uns in räumlichen Erdlinien und haben alle den Bezug zu uns, zur Wahrheit verloren und sind dem Kapitalismus anheimgefallen. Robert muss hier schlucken. Das ist in seiner Sicht eine dumme Äußerung, vor allem der Schluss. Er überlegt, die Einhakung zu lösen, strebt auch kurz im Ansatz aus ihr heraus. Er merkt, dass Helena dies merkt und in der von ihr ausgehenden unsicheren Flapsigkeit ihm im Entwischen zuvorkommen will und hierbei, dass er selbst dies nicht will. Also lässt er ab und steigert seine Spannung. Sie bebt ein wenig, er spürt die Wärme ihrer Lenden seine ganze ihr zugewandte Körperseite heraufwallen. Er fragt sich schon, was sie unter dem umherschwingenden Rock trägt. Sie wirkt ein wenig hysterisch, aufgesetzt, aber zart, sehr zart. Entweder hat er sie in einem besonderen Moment erwischt oder sie ist immer so. Er weiß nicht, was ihm lieber wäre. Gewiss sieht er über die Kapitalismus-Bemerkung hinweg, antwortet aber: Meinst du nicht doch, dass hier unsere Zeit geschaffen wurde? Die Zeit, in der die Menschen leben, sich untereinander koordinieren. Ich weiß nicht, ob ein globales Leben möglich wäre ohne Kategorisierung.

Helena ist entzückt davon, dass er die Kategorien ihrer Sprache trifft, nicht aber von seiner Argumentation: Ich denke, gerade hier liegt das Übel. Wir kategorisieren Zeit, Leben, Existenz, Glück, unsere Gefühle und entschlacken alles, indem wir es in Diskurse einführen, die dann entweder vernunftgeleitet oder wirtschaftlich sind. Was bleibt übrig?

Ich weiß nicht genau, sagt er, schon gerührt von ihrem Engagement, angetan von ihrer Grazie. Sie hat etwas leicht Unordentliches an sich, aber in Bahnen des schön Wahrnehmbaren. Im Sichtfeld der beiden tun sich wieder die Dokumente der Zivilisation auf.

Findest du nicht auch, dass dort Kräne aus der Riesenhalle ragen? fragt Helena.

Ich weiß nicht, ob das fertig sein soll. Ich weiß nur, dass Michael Jackson hier diese Konzerte geben sollte.

Den hab ich früher sehr gemocht. Naja. Eine Pause und sie gehen ein wenig enger zusammen. Das Eingehaktsein firmiert jetzt auf dem Übersprung zu einem Arm-in-Arm-Sein, bei dem der Mann in der Regel seinen Arm über die Schulterpartie der Frau, diese ihren über seine Hüftpartie legt. Es ist schön ruhig hier im Unterschied zu London, sagt sie. Warst du schon mal auf dem Borough Market samstags? Robert zuckt, ihn durchläuft etwas unangenehm Anmutendes. Er antwortet aber nur kurz: Ja.

Helena fragt sich, woran diese nicht so sehr zu ihm zu passen scheinende Reaktion herrührt, aber sie ist gleichzeitig gefangen von der Stimmung über dem Marineareal. Sie sind jetzt paarähnlich zusammengerückt und sie spürt einen Drang, den Kopf an seine Schulter zu legen. Das ist schön und sehr traurig hier, aber sie weiß nicht so genau, warum. Das hat sie lange nicht erlebt.

Den Michael Jackson hab ich auch gemocht, sagt er jetzt. Mit dem Kassetten-Booklet von Bad habe ich meine ersten englischen Wörter gelernt.

Thriller war aber besser, sagt sie, es kommt ihr aber sogleich blöd vor. Das sagen alle und es spielt keine Rolle für seine Aussage. Bloß ein aus der Öffentlichkeit übernommener Reflex.

Mag sein, antwortet Robert, mag sein. Aber weißt du, die Zeit, die uns die hier eingebrockt haben. In meiner Kindheit, im entscheidenden Alter war Bad aktuell, nicht Thriller. Er schaut ironisch drein, wie im ersten Moment, denkt sie. Sie kommt sich dabei vor, als kenne sie ihn ewig und überlege nun nach langer Zeit, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen habe. Sie sind jetzt an der Anlegestelle. Das ging schnell und lässt sie ihren Griff lösen. Erst einmal zerstreuend, dann wieder ein wenig zusammendrängend.

Fährst du auch zurück nach London? fragt er als Erster.

Ja. Aber ich muss noch eben, ich komme gleich wieder. In Helena macht sich Panik breit. Der ganze Sinn des Besuchs deutet sich ihr wieder vage an. Sie kann nicht hier bleiben. Robert bleibt ein wenig ratlos, aber doch bestärkt am Steg zurück, als sie in der kleinen Gemeinde verschwindet. Über der Themse ziehen sich die Wolken ein bisschen zusammen, nur noch kleine Lichtluken eröffnen einen Hauch von Tag. Aus noch sicherer Entfernung ist der Bootsansager zu hören, der wahrscheinlich gerade die letzten Witze über die reichen Menschen an den Ufern der Themse erzählt.

Um zwei Ecken gebogen, außer Sichtweite, in der Hoffnung, er folge ihr nicht, fährt ihre Hatz zurück. Schnell kauft sie sich einen Kaffee im Pappbecher. Den Plastikdeckel schmeißt sie sofort weg. Dämonen meiner Vergangenheit, denkt sie, aber der Gedanke verblasst sofort. Ihre Erinnerungen ertrinken in der sich nach Leere anfühlenden Brühe ihres Inneren, nie aufzufüllen mit Gutem – wie dieser schwarzen Brühe, milchschaumschön umpuffert. Im Grunde brennt es bloß kurz, ist dann gleich weg und in einem zerbrechlichen Augenblick offenbart sich eine Ahnung von Schönheit. Vielleicht ist alles ja ganz anders. Aber der Schwall ist schnell wieder weg, es bleibt Leere und die laut kreischende Ungläubigkeit kriecht hoch. Soll sie es wieder tun? Leicht nur fährt sie sich über die gut verheilten Narben auf dem Unterarm. Man hält sie wohl für intensive Sprenkler ihrer Sommersprossen. Die Venen sind gut zu sehen. Helena weiß wohl, auf diese Weise nie der Welt, der Zeit nahezukommen. Ihr fällt schon lange nichts mehr ein und die guten Touristen ziehen in kleinen Grüppchen in Grautönen vorüber. Im zugezogen dumpfen Licht wirken sie alle sonderbar beliebig. Alles könnte immer ganz anders sein, alles ist für sie ganz anders. Es war eine dumme Idee, hierher zu kommen und sie sollte doch zumindest an nachweisbare Elemente glauben, die Zeit ist vielleicht ja nicht so wichtig. In ihr pumpt mit leicht erhöhter Schlagzahl – waren es jetzt schon wieder vier Kaffee? – ein Herz, das sie sich als einen leicht vertraut gewordenen Fremdkörper vorstellt. Ihre Hand bereits in der Handtasche, umherkramend. Die kleine Klinge gibt ein wenig Halt, die Unterarme prickeln schon. Das ist nicht gut, weiß sie, und sicher lange schon kein Kriterium der Individuation mehr. Ein dummer Hilfeschrei, dessen ursprüngliches Aufrührungspotential längst zu einem von bedächtigem Nicken begleiteten Hand-auf-den-Oberschenkel-Legen vergesellschaftet wurde.

Da bist du ja. Robert steht vor ihr, sein Blick eine Mischung aus Ironie, Argwohn, vielleicht Sorge. Ein letztes Koffein beschert ihr den Hauch eines Harmoniegefühls. Die Fähre geht gleich, alles klar mit dir? Ihre Verletzlichkeit zieht ihn an, auch ihre überschlagenen Beine, leicht gebräunt nur, der Rock über die Knie gerutscht.

Die Umkrampfung ihrer Hand löst sich und sie lässt sie wieder aus der Tasche gleiten. Entschuldigung, ich musste kurz telefonieren, sagt sie und steht auf. Back to London, handsome, hinterher. Das Englische, das mehr um die äußeren Erscheinungen kreist und in dem sich kokettieren lässt, ohne in alberne Altausdrucksweisen zu verfallen, gibt ihr einen Hauch von Sicherheit zurück. Er lächelt sehr schön und streckt ihr ansatzweise den Arm hin. Helena läuft jetzt aber schnell vorweg, ein wenig kindlich hopsend. Mit einem Mal geht Freude von ihr aus, unberührte. Robert folgt unweigerlich. Jahre schon ist er nicht mehr gerannt. Zwei Fähren legen am Dock an. Eine, in der kaum einer sitzt, fährt weiter nach Thames Flood Barrier, die andere zurück zum Westminster Pier. Beide stocken kurz, sind uneins, steigen sodann aber in die Fähre zurück nach London, Helena voran.

 

Die Anspannung ist zunächst gewichen. Auf der Rückfahrt ist der Ansager weitgehend stumm. Die Witze sind schon auf dem Hinweg erzählt, sie klingen nach in den verlassen grauen Streifen von luxuriöser Wohnbebauung an den Ufern der Themse. Helena und Robert stehen ohne Körperkontakt am Vordergeländer des Schiffes. Das leicht aufgeböte Wasser plätschert gegen den Rumpf. Beide fühlen eine schöne Leere. Helena wähnt sich in einer Ahnung von Gegenwart, sie kann sich an der Hand ihres Vaters fühlen, im blauen Sommerkleidchen über das Boot hüpfend. Die Hochhäuser des Canary Wharf waren noch nicht da und da ist jetzt eine alkoholische Schwere in der Luft. Die untrüglichen Glücksmomente der Kindheit wirken wie erfunden jetzt. Sehr nahe am HSBC Tower gleitet ein Flugzeug kurz geräuschlos vorbei, sogleich gefolgt vom leicht verzerrten Lärm der Getriebe. Robert rückt ein bisschen näher zu Helena. Er hat sich nie daran gewöhnen können. Der City Airport ist so exklusiv wie angsteinflößend. Nie ist etwas passiert. In er ersten Krise haben sie 40 Prozent entlassen. Das Wasser prallt auf das Ufer vor dem Hilton Hotel auf der anderen Seite. Es wirkt, als hätte hier nie ein Mensch wohnen können, alles wie Plastik, wie eine Filmkulisse. Helenas Wärme ist wieder zu spüren, als es ein bisschen kälter wird, da sich auch vor die indirekten Sonnenstrahlen des zugezogenen Oberhimmels dichte Wolken gestellt haben. Hier auf dem Oberdeck des Bootes sind nur wenige weitere Menschen. Wahrscheinlich ist es schon die letzte Fahrt und die Dämmerung scheint noch kaum sichtbar von ganz hinten heran. Schon wieder ein Flugzeug, gefährlich nahe. Auf der rechten Seite nun die überteuren Wohnungen der Schönheitschirurgen. An den Docks sind nie Leute unterwegs.

Exklusivität geht Hand in Hand mit Ausgestorbenheit, sagt Robert.

Helena nimmt wieder Kontakt auf. Sie sagt: Und Ausgestorbenheit Hand in Hand mit Exklusivität.

Robert grinst ein wenig: Hier auf der Themse ist alles so schön und ruhig und ein wenig traurig. Das hat so wenig mit London zu tun.

Aus dem Inneren dudelt Musik, wohl Aktuelles aus den Charts. Das ist Popmusik, die auf eine noch sehr zaghafte Weise versucht, einen Bezug zu Schönem, Liebe herzustellen. Die reine Fokussierung auf Rhythmus scheint abgenommen zu haben. Der englische Moderator dazwischen wirkt entrückter als die deutschen Kollegen.

Lebst du in London? fragt sie.

Zum Glück nicht mehr, antwortet er, ich habe da hinten gearbeitet, er zeigt dabei auf die schon in eine angenehme Ferne gerückte Ansammlung der fünf Hochhäuser am Canary Wharf, an deren Äußerem zur Linken wieder ein Flugzeug vorbeifliegt.

Helena müsste nach seiner Tätigkeit fragen, jetzt spätestens. Ihr hat aber seine offene Anspielung gut gefallen. Zudem hat sie schon vorhin die Möglichkeit der konkretisierenden Nachfrage verstreichen lassen. Jetzt wäre es noch gut darstellbar, aber nicht mehr elegant. Was soll es auch? Sie wird ihn nie mehr wieder sehen.

Wo wohnst du jetzt? fragt sie stattdessen.

München, sagt er.

Sie berühren sich recht eindeutig wieder.

München ist schön, sagt Helena, das weckt Erinnerungen, weißt du. Ich habe als Kind eine Zeit lang dort gelebt. Das war, bevor ich angefangen habe, in Europa umherzuflirren.

Robert sieht sie interessiert an, als verstehe er eine Art innerer Botschaft, die sich inmitten der bewusst ungewöhnlichen Wortwahl versteckt. Das merkt Helena und es ist ihr peinlich. Der kurze Moment, in dem sie einen Anflug von Befreiung gespürt hat, weil sie eine echte Information geteilt hat, schlägt sofort um in eine schamvolle Abwehrhaltung. Sie tut wieder einen Schritt weg.

Hast du wohl keine Heimat? fragt er fast väterlich mild. Ein Austernfeld aus Zuversicht. Das klingt nach Philipp, denkt Helena, grenzüberschreitend. Sie hat ihn lange nicht gesehen. Hoffentlich geht es ihm gut, hoffentlich lebt er noch. Bewegungsdrang macht sich in ihr breit. Helena läuft das Geländer seitlich entlang zum Heck des Bootes. Robert, zurückgelassen, folgt ihr. Sein Gesichtsausdruck unverändert milde besorgt, aber ein Glanz von lüsternem Verstehen. Das gab es alles schon in seinen, unsren Vorerfahrungen.

Helena, wart doch, sagt er, ihren Arm fassend. Sie dreht sich um. Wieder schlägt Bewegung in Ruhe um, in ihrem Antlitz eine tiefe Beunruhigung, die ihn begeistert.

Helena fühlt sich wieder sicherer darin, ihm Unsicherheiten ihres verkorksten Lebens beizubringen, falls es eines ist: Hier im sanften Plätschern der Themse an die Ränder des Bootes, Robert, meine ich manchmal, einen Spiegel meiner Identität zu finden. Alles ist aus meiner Physik erklärbar, in Elementen, Kräften, Gleichgewichten. Aber was bleibt übrig? Selbst nach der vermeintlich epochemachenden Protonenkollision im CERN, was wird bleiben? Ich fühle mich wie weggewischt nach einem großen Regen, der mein Leben ist, und doch klatscht das Wasser immer wieder so redlich gegen den Bug. Es geht immer weiter und wir werden nie am Anfang, nie am Ende sein.

Robert streicht mit seiner linken Hand ihren rechten Unterarm herunter, entlang den sommersprossigen Furchen, bei denen sie kurz zuckt, dann näher kommt. Ihre Hände umfassen sich hernach, der Impuls geht schier zur gleichen Zeit von beiden aus. Robert rückt an sie heran, direkt nun ihre Brust an seiner, ihr Unterleib an seinem. Mit der rechten Hand streift er ihr sachte die wenigen Strähnen aus dem Gesicht. Helena zuckt ein bisschen, strebt nach außen, aber nur kurz. Der Griff ist gerade so fest, dass es einer Anstrengung bedürfte, die zu leisten sie nicht bereit ist. Dann ihr weiches Gesicht, kernweiß sommerdurchsprosst. Sie wirkt auf einmal so viel jünger. Nun festgezurrt an einem festen Ort, nein, denkt er nun, und so hat er noch nie gedacht: an keinem festen Ort, das Schiff bewegt sich ja, in einer stringenten Bewegung vielmehr. Er hat die Ahnung, sie sei sie. Mit Handballen und ausgestreckten Fingern fährt er untwärts ihre rechte Backe entlang, den Daumen ihren Nasenflügel entlang streichend. Ein wenig Flaum auf ihrer Oberlippe. Die Lippen kaum rau, sicher vielfach kusserprobt. Helena scheint ihre Augen zu schließen. Die klaren Wimpern sachte in der Luft nach unten. Winzige Fältchen auf der Stirn, die Augenbrauen nur schmal ummalt ein wenig eingefurcht. Hier kommt die Fraulichkeit zurück. Ich werde dich für immer lieben, das ist mehr als verrückt, denkt Robert. Ein wenig Sonne kommt durch und das Wasser platscht an den Bug des Schiffes. Sie hat die Augen geschlossen. Die Brauen schön zusammengezogen, fast auf eine sympathische Weise Moral ausdrückend. Jetzt aber bitte schon, meinen sie zu sagen, wenn eine Dame sich schon in solch eine Situation begibt. Er nutzt die Situation, schnell noch seine Lippen mit der Zunge zu befeuchten. Dann legt er sie behutsam auf ihre. Ihre Lippen doch ein wenig rau, der Restgeschmack von fruchtigem Gloss. Seine Hände umrahmen nun den Mund, Daumen an den Lachgrübchen, Handflächen ihre festen Backen umgreifend. Die Ausstrahlung der Wärme ist Hitze und Helena rückt noch näher heran. Im Abklingen des ersten Hinküssens öffnet Robert ein ganz klein wenig seinen Mund, weicht zurück und küsst in einem zweiten Anlauf stürmischer. Ihre Lippen sind nun auch nass, die Augen immer noch zu. Ihre rechte Hand kurz unter seinem Haar, den Nacken entlang, die linke um seine Hüfte. Die völlige Hingabe hier und jetzt. Das ist ein unerreichbares Ideal, oder? Robert küsst wellenartig, den Kopf nun ein wenig schief geneigt. Mehr Feuchtigkeit, die ihn erregt und ein erstes Berühren ihrer Oberlippe mit seiner Zunge. Helena schnappt hiernach, aber er fährt zurück, hat den Eindruck, sie strecke ebenfalls ihre Zunge ein wenig voran, nicht jedoch über ihren Mundraum hinweg. Die nächste Welle: Sie schmeckt herb und süß. Touristenfamilien machen nun einen Bogen. Wahrscheinlich hat Robert noch nie so geküsst. Helena stößt ihn zurück und dreht sich in Richtung des Nordteils der Themse. Gleich passieren sie die Tower Bridge.

Er pirscht sich heran: Helena, das war unglaublich, ich weiß nicht, ob ich jemals bei einem Kuss so gefühlt habe.

In ihrer Zwiegespaltenheit: Lange hat sie sich nicht so zu einem Mann hingezogen gefühlt. Aber seine Ausdrucksweise, seine schier in ihr Ekel hervorrufende Offenheit. Sie sagt:

Ich denke, wir sollten es dabei belassen. Sie dreht sich und geht ab, in den überdachten Bereich.

Robert bleibt kurz zurück, auch damit sich seine Erektion zurückentwickeln kann. Vorkund des Regens ist da. Es wird eher unwirtlich und die Sonne kommt kaum noch durch. Sie passieren nun die Southwark Eisenbahnbrücke, vorne die hopsende Millenium Bridge. Gleich werden sie da sein. Wars das? Er würde Helena gerne seinen Kindern vorstellen, aber er hat keine Ahnung, warum. Vielleicht ist sie schwer gestört, naja. Sie hat schon Recht. Hier auf der Themse ist London nicht da. Hier ist alles fast unaushaltbar schön und melancholisch. Vielleicht ist das eine Erklärung für ihr Verschwinden. Er hat doch gemerkt, wie sie reagiert hat. Das Körperliche kann nicht täuschen.

Next Stop: Westminster, Lautsprecherdurchsage.

Am Ausgang steht Helena bereits bereit. Er geht auf sie zu. Dem Drang, sie zu berühren, widersteht er. Sie strebt auf ihn zu.

Es tut mir leid, sagt sie, legt ihre Hand um seine Schulter, ich musste mal weg. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich fand das sehr schön. Und sie küsst ihn scharf, was er nicht recht zu erwidern weiß. Ob der Abweisung weicht sie schnell zurück.

Er: Nein, bleib, lass es uns doch einfach langsam angehen. Er lacht selber hierüber und fügt an: Du weißt schon, wie ich es meine. Hand drauf. Sie nimmt die Hand, lächelnd. Ächzgeräusche. Die Fähre legt an und Helena und Robert schlendern Arm in Arm heraus.

 

Am Fuße des Docks ragt Big Ben in den Himmel und schlägt. Viele Menschen sind da und die Dämmerung graut langsam heran. Helena drückt ein wenig fester zu. Robert erwidert das und ist froh, derjenige sein zu können, der reagiert. Das House of Parliament ist in einen beginnenden Schummer getaucht. Bloß zehn Schritte weg, wirkt die Themse schon wieder entfernt dahinplätschernd, als ginge sie niemanden mehr etwas an. Viele Menschen strömen in unterschiedliche Richtungen. Über die Westminster Bridge drängen sie feierabendgeil heran.

Das Parlament schaut aus wie von Monet, sagt Robert. Helena greift fester. All die Momente, die im Ansatz auf dem Fluss Glück verhießen haben, sind davon. All die bröseligen Ränder ihrer Identität mit dem sanften Plätschern dahin. Wäre sie nur nicht so offen, nie müsste sie sich die brodelnden Keuchungen dieser monströsen Stadt aus den Gliedern schneiden. Ach Robert. Sie hält es kaum aus, als die Massen vorbeischlängeln.

Meinst du, Robert, die Südseite verheißt Gutes, Besseres?

Er sieht sie an, merkt die Spannung, die sie umströmt. Ihr Duft empört ihn inmitten der frühabendlichen Ausdunstungen. Altes Fett und frischer Schweiß in der ranzigen Ummantelung einer Stadt als Ganzes, deren Teile in der anberaumenden Dämmerung ineinanderfließen. Die Brücke wabert aus dem Fluss, auf ihr sanftpicklige Gestalten im Gleichlauf auf sie zu, von ihnen weg. Sie strebt zurück gen Fluss, weg von den Menschenmassen und Robert dreht sich um sie, sein Rücken nun in Richtung der Massen. Helena wird ganz zart und er fühlt sich wie in einer nie endenden Zeitlupe gefangen. Das macht ihm Angst, als Helena sich samten um ihn schmiegt, sie hat für ihn nun fast ihre Körperlichkeit verloren. Für Robert hat das eine seltsame Gewaltsamkeit, gleichursprünglich mit seiner Reaktion des Schutzes auf ihre unergründliche Zartheit.

Lass uns eine Runde mit dem London Eye drehen, sagt Robert und geht einen kleinen Schritt zurück. Helena drückt seinen Arm fest, lässt sogleich los und erhöht das Tempo, ihr Rock lebensfroh in der Restbrise des Tages umherflatternd. Da ist das Glück wieder, denkt Robert und läuft mit großen Schritten nebenher. Sie fassen sich nun an der Hand, Helena immer ein Stückchen voraus. Die Ströme von Menschen aus der anderen Richtung, alle gen Big Ben hin, lassen nicht nach.

Los, schneller, lacht Helena, das Eye macht bald zu. Ich habe mir schon immer die letzte Kabine am Abend gewünscht.

Schnell reihen sie sich in die noch beachtliche Restschlange. Kurz hinter ihnen wird der Zugang geschlossen. Die Sonne ist hinten am Westende der Stadt noch gut zu sehen. Hier in gerader Linie wirkt wieder alles seltsam eigen, wie eine kleine abgeschnittene Welteinheit aus geordneter Ruhe. Die Lichter an den Sehenswürdigkeiten sind schon an. Robert und Helena halten inne und überlegen. In der ersten nüchternen Reflexion des Tages erscheint es ihnen komisch willkürlich.

Robert muss an Julia denken und seine Kinder, entfernt ganz an Christina. Wie lange hat er sich nicht an sie erinnert, wie lange sie nicht mehr gesehen? Ihre zart-abweisende Verletzlichkeit erinnert ihn so sehr an sie. Vielleicht konnte er seither nie mehr lieben und Julia war vor allem vernünftig und weil er sich vor dem Alleinsein fürchtet, wie auch jetzt. Er greift wieder nach Helenas Hand und merkt seine Abhängigkeit von Begleitung im Alltäglichen, seine tiefe Zuneigung zu Frauen wie ihr. Was dem letztlich zu Grunde liegt, kann er kaum erfühlen. Helena denkt sich auf der einen Seite in einem schönen Film, mit dem Höhepunkt: Sex auf dem London Eye. Man könnte sich hingeben und für die Kleineinheiten um einen herum ein unvergesslich Bizarres liefern, für sich selbst dabei einen Moment wuchtiger Identitätszuschreibungen. Mögen sie abwertend negativ sein, so doch in ihrer Geballtheit gefühlsverheißend. Schön wäre es, wenn irgendwann der Druck wegginge, aber sicher nicht hier. Wahrscheinlich nur müsste der Teil der zwiegespaltenen Empfindung vorbetont werden, der nur ihr gehört. Das kitschhaft an die anderen unter sich Gleichen Anbiedernde geht ohne Drittes voll ins Leere. Das weiß sie. Aber die Einsicht wirkt schon lange nicht mehr handlungsleitend. Roberts Hände sind stark, seine Haare immer noch in ausreichender Form, ihre eher dünnwehig durcheinander. Jetzt sind sie dran. Das Rad dreht sich sehr langsam und sie erheben sich über den in Anbahnung der Nacht ergrauten Himmel Londons. Nur ein weiteres Paar befindet sich in der Kabine. Es steht am anderen Ende, nach Norden blickend. Robert und Helena lehnen Händchen haltend am Geländer hin zur Südseite. Hier funzeln die Lichter gegen die Abenddämmerung an. Das ist das Näheste an Geborgenheit seit langer Zeit. Wieder ist das Überfordernde wohltuend weit weg. Es ist auch schön, eben nicht reden zu müssen. Helena postiert sich immer ein wenig mehr genau vor ihm, mit dem Rücken zu seiner Vorderseite. Gemeinsam sehen sie auf die Südhälfte Londons, als das Rad sich weiter nach oben dreht, nun in etwa auf halber Höhe angekommen. Schier unmerklich rückt sie immer näher. Wieder tauschen sich die Wärmesphären aus. Geruchseinheiten wirbeln umher und nach der großen Stadt rückt die kleine Gemeinschaft ihrer Kabine in weite Ferne. Die Zeit vergeht hier merklich langsamer, als die Gondel zu dreiviertel oben ist. Ihre Unterleiber berühren sich nun eindeutig. Schnell dreht sich Helena um, halb auf dem Geländer sitzend. Seine linke Hand um ihre untere Hüfte, die rechte durch ihr Haar fahrend, am Ohrläppchen leicht zupfend vorbei. Diesmal wird es wilder, es geht aus von ihr. Sie steht auf und schlingt ihr rechtes Bein um seine Hüfte, den Fuß, an dem noch halb der Schuh hängt, in seiner Kniekehle vergraben. Ihre linke Hand unter seinem Hemd, die Brüste hinterhergedrückt. Nasszarte Küsse in Steigerung. Nun, da das Eye auf dem Höhepunkt ist, überlegt sie kurz: Schnell in seine Hose gefasst, ein wenig gelockt, ihren Slip zur Seite geschoben. Das könnte eine schöne Erinnerung sein. Das würde sie normalerweise tun, er wäre ihr sicher erlegen, zumal sie spüren kann, wie seine Hose fast reißt. Sie langt hinein, er mit der Linken hinten unter ihrem Rock, unter ihrer Hose, mit den Spitzen seiner Finger zwischen ihren Backen. Seine rechte Hand ist leicht gewaltsam unter den BH geglitten, der Daumen sanft und bestimmt um ihre rechte Brustwarze gleitend. Ihre Lippen über sein nur leicht raues Kinn zu seinem Ohr. Bei der nächsten Zirkulation ein sanftfeuchtes Stöhnen, laut und vibrierend. Groß, heißpochend in ihrer Hand.

Fick mich, jetzt, will sie sagen, eben gerade. Sie würde das tun. Aber sie lässt ab. Er sieht sie irritiert an und sie küsst ihn in inniger Unaufgeregtheit. Er kennt das als heimeligen Schmusekuss nach dem Sex. Im gleichen Moment stößt sie ihn weg. Sie sind wieder auf halber Strecke unten. Helena ist entsetzt von sich. Was bewegt sie diesem Mann gegenüber? Ein romantisches Abenteuer, sie hat doch keine Ahnung. Alles ist schnell wieder gerichtet.

Hab ich was Falsches gemacht? Weißt du, normal würde ich nie so weit gehen, sagt Robert. Ihm ist das schon sichtbar unangenehm, aber er agiert aus einer lange geübten Sicherheit heraus.

Nein, sagt Helena, nein. Ich kann das nicht mit dir.

Wie ist es gemeint? Robert weiß nicht, ob er nicht sogar nun besser von ihr denkt, ob er nicht nun in einer Art von ihr denkt, die besser passt zu seinen Gefühlen. In ihm wurden so lange nicht mehr solche Untiefen berührt. Er fühlt sich an die Gedichte seiner Jugend erinnert, im Studium, als er einsam war, noch nicht smart, nicht abgekartet. So lange hat er kein Buch mehr gelesen. Der ganze Gewinn an Leben ist ein Verlust an irgendetwas Wahrem, kann das sein?

Die Gondel ist am Boden und es ist fast gänzlich Nacht geworden. Helena erwirbt ohne weitere Worte das automatisch geschossene Bild, zum stark erhöhten Vorzugspreis. Robert weiß nicht, ob aus Stolz oder Scham. Das andere Paar ist kichernd entschwunden. Noch stehen sie sich in Reichweite gegenüber.

Wo gehst du hin? fragt Robert. Ich will dich wiedersehen. Leichte Regentropfen fallen nun vom Himmel, die Menschen völlig unbewegt hiervon.

Ich weiß es nicht, sagt sie. Robert, bitte sei mir nicht böse. In meinem Herzen ist schon lange kein Platz mehr für Romantik. Denk vielleicht immer dran, dass die Zeit nicht echt ist und unser Leben aus reinsten Dummheiten besteht. Das hilft mir manchmal, wenn meine Existenz in der hintersten Ecke auszuflackern droht.

Das kannst du alles doch nicht wissen, sagt Robert. Sag mir wenigstens, wo du wohnst, dass ich dich suchen kann.

Ich habe doch gesagt, sagt sie, ich habe keine Heimat. Machs gut. Und Helena rennt über die Westminster Bridge zurück in den Strom unendlich vieler Menschen. Ihr Rock flattert so schön über dem Abendwind der Themse und die neurotisch brodelnde Stadt lässt Robert sich tief einsam am Pier in Erinnerungen ertrinken fühlen.