Literatur im Leben

Literatur |

Aus eigener Erfahrung mit modernen Büchern, vor allem auch mit Menschen heraus fällt eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, was heutzutage Literatur eigentlich sein und bringen soll, ziemlich schwer. Wir haben uns recht lange schon von der alten Vorstellung verabschiedet, Literatur (und Kunst im allgemeinen) zeichne sich durch ihre Abbildfunktion der Wirklichkeit aus. Diese Sichtweise hat den Vorteil, der Kunst einen recht unmittelbaren und schnell einleuchtenden Zweck zuschreiben zu können. Wir dürfen, wenn wir Literatur so verstehen, auf Welterklärung hoffen, stellt sich so doch ein Kunstwerk bzw. ein literarisches Buch  als gut überschaubare, einigermaßen in sich geschlossene Kleinversion der Wirklichkeit dar (die Wirklichkeit in a nutshell, wenn man so will). Aus weit verzweigten Gründen ist dieser Mimesis-Gedanke heute nicht mehr vertretbar, ein Paradigmenwechsel unseres Kunstverständnisses hat stattgefunden, hinter den wir so leicht und so schnell nicht mehr zurückkommen. Auf der anderen Seite des Spektrums möglicher Sichtweisen der Literatur stehen Ansätze, die den Realitätsbezug grundsätzlich verneinen. Hierunter fallen meist etwas pathetisch und teils hysterisch vorgebrachte Theorien der Literatur (auch hier kann man unter Restvorbehalt von Kunst im allgemeinen sprechen), die das Künstlerische als Selbstzweck begreifen und jeden Versuch, eine Beziehung zu etwas außerhalb der Kunst Liegendem herstellen zu wollen, als schon im Kern verfehlt und der Kunst schädlich ansehen.

Ich denke, dass wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach den vor realgeschichtlichem Hintergrund ja auch teilweise verständlichen Übertreibungen des 20. Jahrhunderts, auch hinsichtlich unseres Verständnisses von Literatur an einem Punkt angelangt sind, eine eher unaufgeregte, vermittelnde Position einnehmen zu können. Einen guten Anfang hat schon Richard Rorty gemacht. Er, der als einer der maßgeblichen Denker der sogenannten Postmoderne gilt (meines Erachtens zu Unrecht, zumindest insofern man der Postmoderne eine vornehmlich destruktive Stoßrichtung zuschreibt), hat seinen Abgesang auf die klassische Philosophie mit einer Aufwertung von Literatur und Literaturkritik verknüpft (folgerichtig war er auch am Ende seiner Karriere nicht mehr Professor für Philosophie, sondern für Literaturwissenschaft). In einer von einer tiefen Einsicht in die Nichtnotwendigkeit (er nennt das Kontingenz, gemeint ist die Erkenntnis: es könnte alles auch ganz anders sein) all unserer inneren wie äußeren Umstände geprägten Zeit hat er der Vermeidung von Gewalt den Vorrang eingeräumt, dies entsprechend seiner natürlich kontingenten Kontingenz-Philosophie nicht aus einer philosophischen Letztbegründung heraus, sondern aus einer offengelegten politischen Gesinnung. Die Aufgabe der Philosophie bzw. des kundgetanen intellektuellen Denkens generell besteht für Rorty darin, das Bewusstsein für den Vorrang von Gewaltvermeidung zu erweitern. Dies, und hier kommen wir auf die Literatur zurück, vermögen eher auf Mitgefühl denn auf argumentativ-rationale Überzeugung abzielende Romane eher zu leisten denn sachlich-philosophische Bücher (die beim heute erreichten Abstraktionsgrad und der überbordenden Fachspezifität eh kaum noch jemand liest). Rorty schreibt also dem Dichter, dem Romancier einen übergeordneten Zweck zu. Das bedeutet nicht, dass es jeweils im Text um Gewaltvermeidung gehen muss. Typisch modern korreliert die Zwecksetzung mit der Ebene, die sich im Zusammenspiel von Text und Leser ergibt. Ein Text soll also das Bewusstsein und das Einfühlungsvermögen für innere wie äußere Grausamkeiten wachrütteln oder vertiefen. Rortys Kulturheld, also derjenige, der für kulturellen Fortschritt „zuständig“ ist, ist der starke Dichter, der mit seinem Werk diese Anforderungen erfüllt.

Ganz unpassend zu seinem vernichtenden Spott der Philosophie gegenüber schwingt bei Rorty ein fast ins Naive gehender Glaube an die Kraft der Literatur mit. Ich bin mir nicht sicher, mich dem anschließen zu können, zumindest aus Sicht des Literaten. Auch das ist wohl typisch für unsere Zeit – als völlig unnütz das eigene darzustellen, und, falls so etwas überhaupt vorgesehen ist, die Resthoffnung auf einen anderen Bereich auszulagern, dem man nicht formal-unmittelbar angehört. Die Versuchung ist groß, als Literat nicht zuletzt angesichts des faden Desinteresses, das der Literatur momentan von der Öffentlichkeit entgegengebracht wird, in einen ähnlichen Fatalismus zu verfallen, wie es Rorty in Bezug auf die Philosophie getan hat. Deshalb fliehe ich nach vorne: Die Literatur ist weder Selbstzweck noch kann sie die Wirklichkeit angemessen (schon gar nicht eins zu eins) abbilden. Aber: In einem weitverzweigten Zusammenspiel mit übriger Kunst, Philosophie und dem sogenannten Leben kann eine strukturelle Stütze entstehen, die, so eine noch sehr vage Hoffnung, dazu beitragen kann, dass die Furcht vor dem Individuellen und dem Sicheinlassen auf eine individuelle (und zunächst mal einsame) Kunsterfahrung ein wenig zurückgeht. Dem geht einher ein Eindämmen der destruktiven Abstraktion, die das 20. Jahrhundert so sehr bestimmt hat. Wenn der Einzelne wieder ein bisschen mehr Verantwortung für sein individuelles Tun übernimmt, steigt auch die Schwelle zur Grausamkeit. Dies ist eine Aufgabe für viele.