Keine Figuren

Philosophie |

Jetzt sind sie schon wieder da, Figuren in meinem Kopf, die nach Umsetzung und einem Leben trachten. Sie treten zunächst auf als bloß kurz aufflackernde Momente und zeugen zur gleichen Zeit von lang vergangnen Stimmungen, die ich mal hatte oder nie hatte, mir aber trotzdem zurückholen kann und sie verheißen etwas, das ich noch nicht greifen kann. Es fühlt sich an wie etwas, das einer Hoffnung ähnlich sein könnte, wahrscheinlich ist es eine Hoffnung auf eine Hoffnung oder so eine Hoffnung 2. Ordnung, von der ich mal gelesen habe und die mir aber so theoretisch, ohne Leben, nichts sagen konnte. Worauf geht die Hoffnung, auf die die Hoffnung geht, frage ich mich, und sind das nicht wieder diese langen Ketten, auf die ich immer stoße, wenn ich ein bisschen innehalte und von denen ich immer lese in den Büchern, als Rechtfertigung für den Verzicht auf Inhalt oder als Rechtfertigung für eine kontraintuitive Sichtweise, verbunden mit dem Argument, alles sei in Wirklichkeit viel komplexer. Als was, frage ich mich und merke in dem Moment, dass die Figuren längst entschwunden sind und wenn ich versuche, sie zurückzuholen, ist da nicht mehr als ein schales Gefühl, das mit meiner begrifflichen Vorstellung von Figuren assoziiert ist, von dem ich aber jetzt glaube, dass es sich nur deswegen auf die begriffliche Vorstellung von Figuren beziehe, weil ich nach dem Auftreten des ursprünglichen Ereignisses an Figuren gedacht habe. Dann denke ich, es bestehe doch ein Unterschied zwischen dem ersten und dem, was ich mir dazu gedacht habe, und der zeigt sich jetzt erst in der Rückschau, ohne dass ich ihn begreifen kann und das macht mir ein wenig Angst. Irgendwas war aber da. Es waren sicher keine Figuren, denke ich jetzt, das habe ich mir nur eingebildet, es waren auch keine Personen, Persönlichkeiten, es hatte alles nichts mit Handlung zu tun. Warum habe ich schon wieder gedacht, denke ich und das hat zwei Sinne, wobei ich nur einen gemeint habe, denke ich, nämlich den, der sich auf den Inhalt des ursprünglichen Gedankens bezieht, also darauf, dass schon wieder diese Figuren aufgetaucht sind. Ich habe schon wieder gedacht und, auch wenn ich es jetzt nicht mehr weiß, hat das sicher einen Grund. Dieses sicher schreibe ich also nicht nur anderen zu, denke ich, sondern auch mir, sonst wäre vielleicht ein einigermaßen konsistentes Bewusstsein unmöglich. Ist das vielleicht doch vorrangig vor dem Sprechen, denke ich, aber da habe ich wieder die ganze junge Philosophiegeschichte gegen mich und ich müsste erstmal 200 Bücher mindestens lesen, um mitreden zu können und die Fachzeitschriften verfolgen, in denen die neuesten Ausdifferenzierungen breitgelegt sind. Der Grund müsste darin liegen, dass das, was ich fälschlicherweise als Figuren bezeichne und vielleicht schon mehrmals bezeichnet habe, immer mal wieder kommt. Da habe ich, sofern alles sonstige stimmt, wovon ich wahrscheinlich kaum ausgehen kann, einen ersten Hinweis darauf, was ich bin: etwas, dem etwas anderes immer mal wieder vorschwebt, das das erste Etwas als Figuren bezeichnet, wobei die Bezeichnung sofort in Zweifel gezogen wird. Jetzt ist die Frage, denke ich mir, ob die drei Etwasse – das, dem etwas vorschwebt, das, welches dieses vorschwebende Etwas bezeichnet und das, welches die Bezeichnung in Zweifel zieht, identisch sind – sie könnten ja, so meine Hoffnung, Ich sein. Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam: eines wird von einem Vorschweben angeregt, eines belegt ein Daseiendes mit Begriffen und das dritte zweifelt. Man könnte versuchen, eines als das maßgebliche herauszustellen, so den Zweifel, und auch daran zweifeln, dass die ersten beiden Etwasse überhaupt da waren. Aber das wäre ein anderer Zweifel als der, der das dritte Etwas sein könnte und der führt nur ganz vielleicht zum Sein. Die ersten beiden könnten sicher auch untrennbar zusammenhängen, mir indes erscheint es anders und ich bin mir sicher, dass etwas war, schon bevor es begrifflich erfasst wurde. Während ich so nachdenke, als ich den Blick so langsam auf das richte, was ich eigentlich tue, merke ich, wie sich ein kleines bisschen die Richtung geändert hat. Da war etwas und ich kann es nicht greifen, alles ist aber von vornherein umgeben von der Klammer, dass ich es denke – mein steter und stiller Begleiter. Das ist auf der einen Seite Vorbehalt, alles was mit mir etwas zu tun haben kann, ist durch mich mitbestimmt, und alles was mit einem beliebig anderen zu tun hat, durch ihn, aus meiner Sicht gilt das für alle anderen zusammen und die Welt. Aber, und da werde ich ein wenig euphorisch, das ich denke ist doch auch eine uns allen gemeinsame formale Klammer jeglichen geistigen Ereignisses. Es gilt nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen in ihrer Perspektive. Schon legt sich wieder ein Schleier auf mein Gemüt, denn ich merke, auch das letzte nur gedacht zu haben. Die Erkenntnis der Gemeinsamung der Klammer steht unter dem gleichen Vorbehalt, denke ich, wie auch diese ernüchternde Einsicht, denke ich und alles weitere. Auch das wäre bei allen anderen gleich und könnte formal zusammenleimen, aber das denke ich mir natürlich auch nur. So sehr ich es möchte, ich kann nicht daran glauben, den Sprung vom Ich zum Wir zu schaffen. Das macht mich traurig, wenn ich an meine Kunst denke, denn in ihr, beim Schreiben allzumal, geht es doch immer auch darum, diese Grenzen zwischen dem Singulären und dem Allgemeinen einzureißen, darum, dem kontingenten Subjektiven einen Anstrich verallgemeinerungs- und anschlussfähiger Objektivität zu verleihen. Aber das geht doch nicht – wenn das schon alles war. Die Hoffnung auf mehr verschwimmt auch sogleich. Sie kann ja wieder nur aus mir stammen und in meiner Welt vielleicht Sinn ergeben, vielleicht sogar zu einem tiefen und eleganten Gedanken ausgebaut werden, aber ich denke das dann wieder nur. Wie ein Feldweg kann das sein oder wie eine Wurzel, denke ich, als ich versuche, mich zu erinnern, was denn das erste Ereignis war, und ich betrachte den Weg vor mir, der zum See führt und auch die Büsche, wo er eine Biegung macht, aber ich kann den Gedanken nicht folgen, aber ich merke, auf einer Bank im Englischen Garten zu sitzen, es ist sehr kalt und nur ein paar Jogger und Gassigeher sind zu sehen und als ich an mir herunterblicke, sehe ich den leeren Block in meiner Hand und den Stift, es ist der, der nie leergeht, mit dem ich schon zwei Romane geschrieben habe, die noch nie jemand gelesen hat und die es aber trotzdem gibt, denke ich. Ich drücke die Mine des Stiftes zurück. Es ist ja kein Wunder, denke ich, während mein Hals sich schon leicht entzündet anfühlt, es ist meine Sprache und es sind meine Gedanken und wenn ich es näher besehe, spricht alles gegen eine Anschlussfähigkeit. Ich müsste aufhören und mich dem Leben widmen, endlich ein Mensch sein – natürlich bin ich lange einer, denke ich sogleich. Das Grundlegende ist alles gar nicht da und ich kann schreibend ein Leben lang fallen, ohne wohlig aufplatzend auf dem harten Boden aufzukommen. Das ist es für immer, denke ich, jetzt fast ein wenig erleichtert, aber nur fast, irgendwas bleibt. Ich will aufstehen und den Block wegwerfen und vielleicht nochmal mitjoggen, bevor die Grippe ausbricht. Doch meine Beine sind gefroren, ich verharre sitzend und ziehe mit meinem Kopf einen halben Bogen am Himmel entlang, die Sonne ist jetzt schon orange. Bin ich dann einer, der die völlige Sinnlosigkeit dessen, was er tut, erkannt hat, und der als einziger weiß, dass wir nie die Brücke vom Ich zum Wir überschreiten können und deswegen alle Kunst müßig ist, weil sie bestenfalls dem Empfänger ein gutes Gefühl geben kann und ihn vielleicht noch als ab und an in Anspruch genommener Ausgleich zu seinem monotonen Leben beruhigt, nicht ganz so einfältig wie sein Leben zu sein? Ich weiß es nicht und jetzt ist es wieder da, wie ich merke, es ist keine Figur, aber es ist der, über den ich schreiben muss, der alles das erkannt hat und deswegen mit dem Schreiben aufhört.