Zurück nach Deutschland (Robert Brandom)

Philosophie |

Robert Brandom ist einer der originellsten und bekanntesten lebenden Philosophen. Er entstammt der Denkrichtung der analytischen Philosophie und ist beeinflusst von zwei Denkern, die auf sehr unterschiedliche Weise die Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt haben: Der eine Wilfrid Sellars, Übervater der Pittsburgher Philosophie und einer der schärfsten Kritiker bestimmter Prämissen des Empirismus und der analytischen Philosophie (berühmt seine Kritik am Mythos des Gegebenen: Er hinterfragt scheinbar singuläre, irgendwie unmittelbar einleuchtende Versatzstücke philosophischer Theorien, auf denen diese aufbauen und zeigt, wie selbst diese vermeintlich klaren und einfachen Entitäten wie zum Beispiel das Wahrnehmen und Artikulieren von Sinnesdaten Vielfaches voraussetzen); der andere Richard Rorty, als postmodern degradierter Ironiker, der einen umfassenden Abgesang auf die (analytische) Philosophie angestimmt hat.

Von ersterem hat Brandom unter anderem Präzision, Schärfe und das Hinterfragen vermeintlicher Klarheiten, von zweitem die tiefe Einsicht in den Vorrang des Pragmatischen übernommen. Brandom, 1950 geboren, steht an einem Scheideweg der Philosophie. Nach dem vornehmlich destruktiven 20. Jahrhundert herrscht große Nüchternheit in der Philosophie, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Unbedeutendgewordenheit. Viele einflussreiche Denker wie Rorty oder die ironischen Franzosen (v.a. Derrida) haben das, was man auf einen ersten Zugriff und auch historisch ursprünglich unter Philosophie verstehen würde, weitgehend verabschiedet und mit Spott übergossen. Im Unterschied zu diesen geistesgeschichtlich relevanten Philosophen gibt es freilich weiterhin eine breite wie stumpfe Phalanx an Akademikern, die in einer Mischung aus Feinsinn für das Organisatorische und detailorientiertem Lesefleiß einen Fachdiskurs führen, den sie als Philosophie bezeichnen. Ansonsten ist es indes weitgehend still geworden. Mit Brandom kommt nun eine Generation einer Handvoll echter Philosophen zum Zuge, die die Verirrungen des 20. Jahrhunderts ernst nehmen (es ist ja nicht so, dass Derrida, Rorty usf. völlig daneben lagen, sie haben es vielleicht bloß übertrieben) und dennoch an einem klassischen Kernprogramm der Philosophie festhalten. Für Brandom besteht Philosophie letztlich und nach wie vor darin, auf eine rationale Weise über die Dinge nachzudenken. Ihn interessiert die klassische Frage, wie wir rationale Wesen von nichtrationalen scheiden können. Er bearbeitet sie mit einer großangelegten Untersuchung dessen, was er Normativität nennt. Wenn rationale Wesen urteilen und sprechen und miteinander kommunizieren, tun sie das in einem Raum, der nicht rein physikalisch, nicht rein kausal, sondern normativ strukturiert ist. Das bedeutet unter anderem, dass zwischen rationalen Wesen Gründe das maßgebliche Motivationselement darstellen (eine Unterscheidung, über die sich Rorty lustig machen würde). Unter anderem von Sellars und Wittgenstein hat Brandom zudem eine holistische Sichtweise übernommen. Das bedeutet grob, dass (wie Sellars es als „Mythos des Gegebenen“ kritisiert) auch die vermeintlich elementaren Bausteine eines philosophischen Systems wiederum mit anderen Systemstellen zusammenhängen und sich, je nachdem, wie stark der vertretene Holismus ist, ein unendlich fein gesponnenes Netz an Abhängigkeiten, Verweisungen usf. ergibt. Daraus ergibt sich das Problem, wo man denn mit dem Philosophieren anfangen soll. Es gibt keine erkennbare Grundeinheit, die sich isoliert erkennen/definieren usf. lassen würde. Auch Hegel war schon mit diesem Problem konfrontiert und hat versucht, es im Rahmen seines objektiven Idealismus zu lösen. Brandom wählt die Strategie des Pragmatismus. Ausgangspunkt des Denkens muss die soziale Praxis der rationalen Wesen bilden.

(Ein kurzer Einschub zur Terminologie: Es ist immer von rationalen Wesen statt von Menschen die Rede. Das liegt daran, dass in der Theorie nicht gänzlich auszuschließen ist, dass es eines oder zwei einzelne Tiere gibt, zum Beispiel zwei Delfine, die so schlau sind, dass man sie rational nennen muss oder dass es einen oder zwei Menschen gibt, die so dumm sind, dass man sie nicht mehr rational nennen kann. Man zeigt hier durch den allgemeineren terminus rationale Wesen Offenheit, man weiß ja auch nicht, was noch alles passiert.)

Brandom geht davon aus, dass in dieser sozialen Praxis bestimmte Gehalte schlummern. Sie gehen dieser nicht voraus und werden nicht bloß bloß angewandt, sondern bilden sich aus ihr heraus, entwickeln sich stetig weiter und durchdringen sie. Aufgabe des Philosophen ist es, diese impliziten Gehalte begreiflich zu machen, sie zu explizieren (Brandoms Hauptwerk von 1994 heißt Making it explicit, was gleichzeitig das bezeichnet, worum es in dem Werk geht, als auch das, was Brandom mit diesem Werk macht). Vor allem verbirgt sich in der sozialen Praxis eine Semantik der Begriffe, das bedeutet: eine Art und Weise des Bedeutungszusammenhangs bestimmter Begriffe. Das einzelne rationale Wesen findet sich immer schon in dieser strukturierten Praxis vor. Die Begriffe, die zur Verfügung stehen, stehen bereits in bestimmten semantischen Beziehungen zueinander. Der Begriffsgebrauch unterliegt zwar keinem absoluten, irgendwie außerhalb der Praxis lokalisierten Zwang, man muss sich aber, sofern man Begriffe gebraucht, was jeder tut, der sprechen und somit mitreden will, an den semantischen Beziehungen messen lassen. Das hängt mit dem normativen Verhältnis des Einzelnen zur Welt der Begriffe zusammen. Man übernimmt eine bestimmte Verantwortung im Begriffsgebrauch und muss sich ihr stellen. So schafft Brandom es, zumindest nach dem Explizierungsprozess, einen rationalen Raum der Gründe zu schaffen, in dem, übertragen, das bessere Argument wirklich zählt und nicht alles beliebig ist. Den typisch modernen Ironiker charakterisiert er gerade dadurch, dass dieser diese Verantwortung nicht ernst nimmt. Da der Ironiker aber trotzdem Begriffe gebraucht und an der Sprachgemeinschaft teilnimmt, verhält er sich letzten Endes performativ widersprüchlich, das heißt, der Gehalt seiner Aussage steht in Widerspruch zu dem, was er tut, wenn er die Aussage trifft.

Ein großer Teil von Making it explicit besteht in einer detaillierten Ausbuchstabierung der eben skizzierten Grundgedanken Brandoms. Das Werk erscheint so sperrig und langatmig, ist aber aufgrund der klaren Gedankenführung und der weitgehend nüchternen, wenn auch fachspezifischen Sprache, für ein philosophisches Hauptwerk des ausgehenden 20. Jahrhunderts einfach zugänglich. Neben dieser seiner eigenen Theorie beschäftigt sich Brandom in umfassendem Maße mit der Philosophiegeschichte. Hier ist er auf der einen Seite stark von den großen Kritikern der analytischen Philosophie (Sellars, ein bisschen Quine, vor allem auch der sogenannte späte Wittgenstein, also der Verfasser der Philosophischen Untersuchungen) und den großen Logikern (allen voran Frege) beeinflusst. Auf der anderen Seite hegt er ein großes Interesse für die klassische deutsche Philosophie. Das ist, sieht man auf die Anfänge der analytischen Philosophie um 1900 rund um Russell und Moore in Cambridge, ungewöhnlich, da diese philosophische Richtung sich gerade vom Dunklen, Schweren und unter dem Generalverdacht der falschen Metaphysik Stehenden der Philosophie des deutschen Idealismus verabschieden wollte. Brandom wendet sich hingegen Kant und vor allem Hegel zu. Seine philosophische Arbeit der letzten Jahre besteht zu einem guten Teil in einer großen, noch nicht abgeschlossenen Hegelinterpretation aus Sichtweise einer vom Fundamentalismus der Anfangsjahre gereinigten, pragmatischen analytischen Philosophie.

Brandom gelingt bei alledem Erstaunliches. Er schafft es, originelle und im Kern der rationalen Tradition verpflichtete Philosophie im 21. Jahrhundert zu betreiben – ein banal klingendes, aber keineswegs selbstverständliches Unterfangen. Dabei beweist er sicheres Augenmaß für die Untiefen des verallgemeinernden Über-Blicks des großen Philosophen. Er nimmt den philosophischen Fachdiskurs, vor allem in Logik und analytischer Philosophie sprachlicher Bedeutung ernst, behält aber auch die ins Transzendent-Literarische hinüberflackernden Paradoxien des philosophierenden Subjekts im Auge. Er vereint mit Eleganz eher staubig-analytische Ansätze mit dem Hochschwurbelnden Hegels. Dabei macht er den vielleicht modernsten und zukunftsträchtigsten von den klassischen Philosophen fit fürs 21. Jahrhundert. Er ist mit alldem mittlerweile so einflussreich, dass Schritt für Schritt auch in Deutschland Hegel wieder breiter salonfähig wird, obwohl er ja im Lauf der Geschichte von allerlei bösen Männern, Frauen und Systemen vereinnahmt wurde. Vielleicht ist es symptomatisch für den Zustand der deutschen Geisteskultur, sich einen angemessenen Umgang mit der eigenen Ideengeschichte von einem Amerikaner aufzeigen lassen zu müssen.