Geregelte Regellosigkeit (The Dark Knight)

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The Dark Knight wirft eine für die heutige Zeit besonders wichtige philosophische Frage auf und zwar die, wie man in einer Welt des 21. Jahrhunderts eigentlich noch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. In einer hochaufgeklärten Welt, in der uns im Großen und Ganzen nur ein pragmatischer Zugriff auf philosophische Fragen bleibt, können wir nicht auf eine jenseitige Instanz rekurrieren, anhand der wir klare und vorherbestimmte Unterschiede im Werten machen können. Eine Möglichkeit der Unterscheidung, die bleibt und die im Film angedeutet wird, ist die des performativen Widerspruchs. Hierzu bedarf es eines kurzen Ausholens.

Die Philosophie ist über die letzten Jahrhunderte an einen Punkt fast größtmöglicher Destruktivität gelangt. Man könnte das Philosophische vom nicht Philosophischen dadurch abgrenzen, dass ersteres stets auch auf seine eigenen Grenzen mitreflektiert. Viele Denker vor allem der Neuzeit haben uns in elaboriert kleinstdetailliert ausgearbeiteten Großangriffen auf den Umfang unserer Erkenntnis und die Beschaffenheit der Welt (vor allem das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen) dargelegt, was wir eigentlich alles nicht wissen können, was alles nicht geht. Berühmtester Vertreter dieser Richtung ist Immanuel Kant, dessen großes Werk, die Kritik der reinen Vernunft, vor allem die Grenzen der Vernunft abgesteckt hat – sie sind erstaunlich eng. Nach ihm gab es Versuche, beispielsweise durch Hegel, den Rahmen wieder weiter zu zeichnen. Sein Ansatz ist der objektive Idealismus, ein komplexes Gedankenkonstrukt, das allerdings von Voraussetzungen lebt, die heutzutage als kaum noch vertretbar gelten (etwa seine mit einer Geschichtsteleologie verknüpfte Dialektik). Das 20. Jahrhundert kann, was die Philosophie betrifft, aber nicht nur was sie betrifft, als überragend destruktiv gelten. Auch Wiederbelebungsversuche der Philosophie wie die analytische Philosophie wurden im Verlauf des Jahrhunderts (vor allem in den 1950er Jahren) in ihre Schranken verwiesen. Paradigma und alles überragender Denker ist hier Ludwig Wittgenstein. Er hat zeitlebens zwei große philosophische Werke verfasst: Die logisch-philosophische Abhandlung (sog. Tractatus) und die Philosophischen Untersuchungen. Der Tractatus ist ein grundlegendes Werk der Sprachphilosophie der ersten Generation und legt ein einigermaßen in sich geschlossenes Konzept des Verhältnisses von Sprache zu Welt dar. Verfasst zu Teilen in den Schützengräben des 1. Weltkriegs, ist er noch getragen von einer gewissen Hoffnung in die welterschließende Kraft der Sprache.  Trotzdem lautet sein Fazit, lapidar übersetzt: Wir können recht wenig über die Welt wissen und was wir wissen können, bringt nichts. Zwischen den Zeilen und im Vorwort ist schon der Keim für einen Abgesang auf die Philosophie gesät. Diesem Abgesang ist Wittgenstein später in Person nachgegangen – er hat sich, die Erwartungen aller Mentoren, Gönner, Bewunderer auf eine wohlige Weise enttäuschend, völlig von der Philosophie zurückgezogen, um in einer Ausformung des umgekehrten Idealismus Dorfschullehrer in den österreichischen Alpen zu werden. Am Ende seines Lebens ist er zu so etwas Ähnlichem wie der Philosophie zurückgekehrt und hat die Philosophischen Untersuchungen verfasst. Sie sind, im Gegensatz zum Tractatus, nach allen Seiten offen und aphoristisch. Er stellt sich selbst im Vorwort als den Zeichner einer Landschaftskarte dar, auf der man als Leser spazieren kann. Es gibt keinen festen Ausgangs-, keinen festen Endpunkt. Man bewegt sich in einem holistischen Netz von endlosen Verweisungen und hangelt sich an ihnen entlang und eine jede Vermittlung weist auf weitere hin usf. Wittgenstein hat auf dem Weg zu den Philosophischen Untersuchungen eine epochale Wende vollzogen, die die Bedeutung der sprachphilosophischen Wende (den sog. linguistic turn, durch den klassische philosophische Probleme in solche zwischen Sprache und Welt oder innersprachliche umformuliert wurden) vielleicht noch übersteigt. Zum einen wendet er die philosophische Methodik ins Pragmatische, d.h. vor allem hin zu einer Sichtweise, die vom Tun der Menschen ausgeht. Das ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass wir als moderne Menschen immer schon eine funktionierende Welt vorfinden. Diese müssen wir zwar hinterfragen und vermeintlich Gegebenes nicht einfach so hinnehmen, wir können aber nicht hinter dieses Faktum zurück. Außerdem ist in einem holistischen Netz (grob und überspitzt: „alles hängt mit allem zusammen“) kein singulärer Ausgangspunkt festzumachen. Wittgenstein, in den Philosophischen Untersuchungen, fängt deswegen einfach an. Man kann einsteigen, seinen Weg nachgehen, kann es aber auch lassen. Hier herrschen keine strengen Notwendigkeiten. Wir sind uns dabei bewusst, dass wir immer einen blinden Fleck mitschleppen und ihn auf unserer Landkarte bloß verschieben, das System bleibt offen. Man kann sich jetzt darüber streiten, ob das frustrierend ist, weil wir nie fertig sein werden, oder ob das eigentlich gerade schön ist, weil‘s spannend bleibt.

Jetzt stehen wir aber vor dem Problem, was man hiermit in der Welt anfangen soll. Was bedeutet das für die Moral, für unsere Unterscheidung zwischen Gut und Böse, unsere Abgrenzung von Menschen und Ereignissen, die wir intuitiv stark verurteilen? Aktuelle Kunst zeichnet oft ein vages Bild von Gut und Böse, einen Graubereich, in den der vermeintliche Held abdriftet und sie stellt oft die Vergleichbarkeit des Helden mit dem Schurken in den Mittelpunkt. Es wäre möglich, den Unterschied in einer mehr oder minder zufälligen Prägung der persönlichen Geschichte zu suchen. Das ist müßig. Man wird Helden finden, in deren Entwicklung alles auf einen schlechten Verlauf hindeutet und es wird Schurken geben, bei denen alles unauffällig abgelaufen ist. Wie, außerdem, sollen wir die Hintergründe ermitteln? Auch dieses Thema wird in The Dark Knight aufgegriffen. Der Joker erzählt verschiedene Geschichten, wie er zu seinen Narben kam (pars pro toto für sein zerfurchtes Wesen), die allesamt plausibel sind. Im Moment der vermeintlichen Erinnerung, in Kombination mit der Erwartungshaltung der Masse, die genau solche einfachen Erläuterungen erwartet, wird der Schurke zum Geschichtenerzähler, im Falle des Jokers zu einem solchen, der die mit dem Geschichtenerzählen immer einhergehende Unschärfe (betreffend die Authentizität der Erinnerung, das Verhältnis zu dem, „wie es wirklich war“) in das Zentrum seiner Erzählung stellt. Dieses Motiv ist ihm am Ende des Films sogar so wichtig, dass er Zeit verliert im Kampf mit Batman und die Möglichkeit verstreichen lässt, die Fähren zu sprengen.

Im Zentrum von The Dark Knight steht die Frage, wie wir zwischen dem Joker und Batman unterscheiden können, eine Frage, die uns alle insofern betreffen kann, als wir bestimmte Tiefen und Abgründe in uns haben, die von vornherein nicht eindeutig in ihrer Wertigkeit zu bestimmen sind. Verallgemeinert: Wie können wir zwischen Gut und Böse unterscheiden in einer Welt, die den oben angerissenen Erkenntnisschranken unterworfen ist? Ein trivialer Pragmatismus hilft natürlich nicht weiter: Der eine ist dann so und so, der andere so und so und wir können anhand eines Dritten, zum Beispiel der gesellschaftlichen Normen, einen Wertunterschied machen. Aber das verschiebt das Problem nur: Wie erkennen wir die gesellschaftlichen Normen, die außerdem dem stetigen Wandel unterworfen sind? Wenn der Joker sein Fährenspiel gewonnen hätte und es wäre „Anarchie“ ausgebrochen, könnte schnell ein ganz anderer Rahmen von Normen herrschen, in dem die Unterschiede vielleicht genau umgekehrt oder gar nicht vergleichbar wären. Man braucht also ein Kriterium, die beiden voneinander abgrenzen zu können, das logisch ist, das ungeachtet der steten Möglichkeit des tatsächlichen Umschwingens der moralischen Anschauungen einen Unterschied ausmachen kann.

Dieses Kriterium ist der performative Widerspruch, eines der wenigen scharfen Schwerter der Philosophie, die das 20. Jahrhundert überlebt haben. Ein performativer Widerspruch entsteht dann, wenn das, was ich sage, mit dem Akt des Sagens in Widerspruch steht. Ein einfaches Beispiel: Ich sage „ich sage gerade nichts“. Der Inhalt meiner Aussage steht dann in Widerspruch zu dem, was ich tue. Etwas Vergleichbares gilt auch für den Joker. Er inszeniert sich als Herrscher des Chaos, der Anarchie, der völligen Regellosigkeit. Hierüber spricht er unentwegt und so schafft er es auch, den Zorn von Harvey Dent von sich auf andere zu lenken. Er macht aber etwas Anderes (natürlich nicht das exakt logische Gegenteil, es kommt hier auf die Plausibilität der Vergleichbarkeit an). Seine Welt ist ebenso von Regeln strukturiert, mit dem Unterschied, dass es sich nicht um tradierte Regeln der menschlichen Gemeinschaft handelt, sondern um welche, die er als Einzelperson selbst gesetzt hat. Seine gesellschaftlichen Experimente laufen nach einem genau festgelegten Muster ab (am eindringlichsten beim Fährenbeispiel: Jeder weiß, welche Möglichkeiten er hat und was passiert, wenn er der einen oder anderen Möglichkeit nachgeht) und, anders als er es Dent weismacht, hegt er ganz ausgeklügelte Pläne. Bestes Beispiel ist seine Verhaftung samt Ausbruch aus der Polizeistation.

In Verallgemeinerung: Das vielleicht letzte große Mittel der Zwangsvergemeinschaftung der Menschen gegenüber Ausreißern ist die Sprache. Es gibt zwar keine hinter, über oder unter der Sprache angesiedelte Zwangsinstanz, die unabhängig von der Sprache selbst Wertungen auf sie vornimmt oder Sanktionen ausübt. Aber: Wenn jemand in Form von Sprache mit anderen kommuniziert, begibt er sich in einen vorstrukturierten Normenkosmos, an den er sich dann im Großen und Ganzen halten muss. Auch hier herrscht kein absoluter Zwang. Es bestehen aber für die Sprachgemeinschaft bestimmte logische Parameter, die die Güte eines Sprachverwenders bestimmen. Einer davon und aufgrund seiner Doppelbödigkeit wohl der wirkmächtigste ist der performative Widerspruch. Er ist ein besonders starkes Instrument, weil er die Ebene des Tatsächlichen miteinbezieht, der sich niemand entziehen kann (im Unterschied zu allen möglichen sprachlichen Konventionen).

So tritt eine tiefere Ebene von anarchischen Ansätzen zu Tage. Es geht nicht darum, alle Regeln abzuschaffen, sondern darum, dem überkomplexen Normenkorsett des gesamtmenschlichen Miteinander (zumindest dem eines weit umgrenzten Bereichs wie einer bestimmten staatlichen Gesellschaft) ein eng umgrenztes, überschaubares, bestenfalls in voller Autonomie entworfenes entgegenzusetzen. Dieses Bedürfnis kann so gewaltig sein, dass hierfür Gewalt und Tod in Kauf genommen werden. Wenn der Anarchist davon spricht, dass es überhaupt keine Regeln gebe, verhält er sich schlicht nicht schlüssig.

Unter Restvorbehalt lässt sich das auf die moralische Ebene übertragen. Wie können wir die Guten von den Bösen unterscheiden? Ganz einfach: Die Bösen sind die, die die krassen performativen Widersprüche eingehen. Sie sind die Heuchler und sie haben eine Wahl, denn sie könnten auf die Zugehörigkeit zur Sprachgemeinschaft verzichten, freilich (um Wilfrid Sellars zu bemühen) um den Preis, dann nichts mehr zu sagen zu haben.