Umgekehrter Idealismus (Inception)

Kunst & Leben |

Christopher Nolans Film Inception thematisiert eines der spannendsten Phänomene des 21. Jahrhunderts. Es handelt sich um den umgekehrten Idealismus. Ein Idealist in diesem, neuen Sinne ist jemand, der vom Hochkomplexen, Weiterverzweigten hin zum Einfachen, Unvermittelten strebt.

Idealismus ist eines der größten Themen der Ideengeschichte und hat insofern nicht zu zählende Bedeutungsfacetten. Vielen von ihnen ist gemeinsam, eine Geisteshaltung des Menschen zu beschreiben, die ihn dazu drängt, Fluchtpunkte außerhalb der alltäglichen Realität anzustreben – seien sie unabhängig von ihm einfach da oder selbstgemacht. Mit dem Idealismus geht regelmäßig eine Dimension der Aporie einher. Indem das Ideal der Realität entgegengesetzt ist und der Mensch weit überwiegend (vor allem in der Neuzeit) als raumzeitgebundenes Wesen angesehen wird, klafft eine unüberbrückbare Schneise zwischen Leben und Ideal. Viele literarische Werke lassen sich als Ausbuchstabierung der Tragik verstehen, die angesichts der individuellen Ohnmacht in Ansehung dieser Unüberwindbarkeit entsteht. In klassischen Werken ist oftmals die Tragik selbst Gegenstand, in modernen eine subjektivierte Reflexion hierauf. Das 20. Jahrhundert bringt in dieser Frage eine einschneidende Wende. Früher lag das Ideal in einer unsere alltägliche Erfahrung transzendierenden Instanz, etwa in Göttlichem, in Werten wie Ruhm, Ehre, auch in Gemeinschaftlichem wie einer Nation, in der Neuzeit vor allem in metaphysischen Größen wie Freiheit und Gleichheit. Inszenierungen von Helden (seien es griechische Halbgötter, römische Feldherren, Ritter, neuzeitliche Revolutionäre usf.) lassen sich in diesem Sinne lesen. Heute gibt es diese Form des Idealismus vielleicht auch noch, zum Beispiel in Bezug auf globale Ziele wie Umweltschutz, doch scheint dem angesichts der immensen Größe des Ziels und der schier unendlichen Verzweigtheit des Wegs dorthin die individuelle Tragik weitgehend abhanden gekommen zu sein. Der so verstandne Idealismus scheint sich in einem recht wohlfühligen Süppeln Gleichgesinnter aufgelöst zu haben. An seiner statt ist ein Phänomen zu beobachten, das als umgekehrter Idealismus bezeichnet werden kann. Der Ausgangspunkt heutiger Idealisten liegt nicht mehr im Alltag und deutet nicht mehr auf etwas diesen Übersteigendes hin, sondern, im Gegenteil, in einem Bereich und Geisteszustand hochvermittelter Komplexität. Von dort aus setzt sich der moderne Idealist sein Strebeziel im ganz Normalen, Alltäglichen. Uns scheint in moderner Zeit die Unschuld und Naivität verloren gegangen zu sein, derer es wohl bedarf, um ein einigermaßen glückliches Leben zu führen. Uns ist in einem viel eindringlicheren Maße als unseren Vorgängern bewusst, wie viele Möglichkeiten wir durch unsere Festlegung auf einen ganz bestimmten unter schier unendlich vielen Lebensentwürfen ausschließen. Erst durch diesen Prozess der Negation zurrt sich unsere Identität in einer übervölkerten Welt fest und wir können jemand sein. Leider sind die vielen anderen Lebensentwürfe uns als Information jederzeit verfügbar und wir können pausenlos vergleichen und abgleichen. Das ist in Bezug auf Details kein Problem, die man zeitlebens immer wieder korrigieren, sich dabei erneuern, wenn man so will: stückchenweise neu erfinden kann. Grundentscheidungen des Lebens (Partnerschaft, sexuelle Orientierung, bürgerlich oder künstlerisch, Geld oder etwas Gutes usf.) sind vielleicht nicht mehr mit dem unbedingten Ausschließlichkeitspathos belegt wie früher, der Wechsel ist gewiss leichter und vielleicht nie unmöglich. Im intersubjektiven Bereich geht man indes mit einer Festlegung Verpflichtungen ein und definiert sich durch sie selbst. In der Konkretion liegt somit mindestens der faktische Ausschluss vieler anderer Möglichkeiten. Das ist dem Prototyp unserer Zeit (das ist derjenige, der besonders an der Zeit leidet; natürlich haben einige auch überhaupt kein Problem hiermit oder irgendetwas anderem Zeitgebundenen) eine Alptraumvorstellung. Er versucht daher, sich so lange wie irgend möglich in einem Raum aufzuhalten, in dem er sich möglichst viele Möglichkeiten weiter offen hält. Es kommt ein zweiter Punkt hinzu, der das in Rede stehende Phänomen verstärkt. Menschen des 20. Jahrhunderts wachsen oftmals unter einem immensen Einfluss von Medien, Kulturindustrie usf. auf. Das hat unter Anderem zur Folge, dass sie von Kindesbeinen an daran gehindert werden, echte Autonomie zu entwickeln und sie liefern sich dem aus, Wertvorstellungen in ihre Persönlichkeit zu  integrieren, die aus dem weit unterkomplexen Wertekanon künstlich produzierter Filme, Musik, Bücher etc. stammen. So fällt es schwer, ein Gefühl für das wahre Leben zu entwickeln, da man immer wieder die erlernten künstlichen Schemata an es anwendet. So entsteht eine Aporie. Lässt man nun das individuelle Schicksal hiergegen anrennen, ist das tragisch.

Unter anderem darum geht es in Christopher Nolans Film Inception. Im Film kommen mindestens zwei Charaktere vor, die es mit Idealismus zu tun haben, der Hauptakteur Cobb und Robert Fischer. Cobbs Ausgangspunkt liegt in der hochgradig künstlichen, weit vermittelten und ihn fast um den Verstand bringenden Welt der Traumdiebe. Seine Position wird mit allerlei psychologischen Implikationen erklärt, um die es hier nicht im Kern gehen soll. Er ist ein einsamer und verlorener Charakter, der sein großes Talent nutzt, um illegale Jobs durchzuführen. Bei allem Getue, das in der Szene des Traumklaus herrscht, die sich wie jede Szene weitgehend um sich selbst dreht, hat Cobb nur ein höheres Ziel, das darin besteht, seine Kinder wiederzusehen – eine erstaunliche Parallele zu DiCaprios vorigem Film Shutter Island, in dem allerdings die Kinder sicher nur noch in seiner Phantasie existiert haben. In Inception weiß man nicht, ob die Kinder wirklich existieren oder eine bloße Idee sind, ein paralleles Probleme zu der Frage, ob auch die im Film als Realität präsentierte Ebene ein weiterer Traum ist. Diese Frage ist zunächst nicht abschließend zu beantworten und spielt auf dieser Ebene der Interpretation erst mal keine Rolle. Die Kinder wiederzusehen, ist Cobbs einziger Anreiz, die gefährliche Inception bei Fischer durchzuführen. Cobb ist ein desillusionierter, mit Suizidgedanken spielender, typischer Vertreter unserer heutigen Zeit (wie nennt man sie? Postmoderne sicher nicht), den dieses einzige Ideal am Leben hält. Dieses Ideal veranlasst ihn im Endeffekt dazu, Fischer Gutes zu tun. Die Gutheit ergibt sich hier nicht aus Cobbs Absicht, die unmittelbar egoistisch ist und mittelbar (was Saitos Auftrag betrifft) sogar auf den Schaden von Fischers Firma abzielt, sondern aus dem für Fischer durch die Inception entstehenden Reinigungseffekt, der sich nun mit seinem furchtbaren Vater einigermaßen im Reinen fühlt und Dinge tun kann, die ihm vielleicht lieber sind, als das Imperium weiterzuführen. Das ist eine moderne Form der Katharsis, die parallel zum Idealismus in die andere Richtung geht als die klassisch aristotelische Variante. Fischers Unterbewusstsein ist vollgekleistert mit Filmerlebnissen. Das eröffnet Nolan zum Einen die Möglichkeit, Zitate unterzubringen (zum Beispiel die sehr nach James Bond aussehende dritte Ebene), zum Anderen hat es eine große Bedeutung für die ideelle Anlage des Films. Fischer als Kind der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und unter dem Einfluss von Kulturindustrie und Massenmedien aufgewachsen, hat sein Bewusstsein offenbar mit Erlebnissen aus der Konserve angereichert, die nun seinen inneren Raum bilden. Der muss erst zerstört werden, um in ihm überhaupt einen Nährboden für eine Katharsis zu schaffen. Ähnlich geht es Cobb. Auch er muss erst tief runter fahren (wörtlich umgesetzt) und den sich wie Schimmel in seinem Innern ausgebreiteten Ballast zerstören, um überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, seinem Ideal nahezukommen.

Die offene Frage am Ende besteht freilich darin, ob er das Ideal erreichen kann. Hier kommt das vieldiskutierte Problem zum Tragen, ob die im Film als Realität abgebildete Ebene nicht ein weiterer Traum ist. Dem korrespondierend: Sieht man Cobb am Ende wirklich bei seinen Kindern und kann er hiermit in einer Art bewusster Naivität ein schönes Leben führen oder handelt es ich bei diesen Bildern bloß um solche seiner Phantasie? Man muss an dieser Stelle eine Entscheidung treffen. Entfaltet sich der umgekehrte Idealismus parallel zum klassischen, dann muss man auch die Aporie mitnehmen. Oder zeichnet sich der umgekehrte Idealismus gerade dadurch aus, dass er ohne Aporie auskommt? Das wäre sehr schön und würde hoffnungsfroh stimmen. Das Problem ist bloß, dass Nolan uns seine Gedanken nur in Filmform mitteilen kann. Er kommt nicht raus aus der seltsamen Widersprüchlichkeit der Moderne, auf Metaebene Dinge in Kauf nehmen zu müssen, die man inhaltlich gerade kritisiert. Hier haben wir eine dritte Umkehrung: Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob aus reiner Form Inhalt gewonnen werden kann, sondern die, ob wir durch Inhalt die Form sprengen können. Viele Paradigmenwechsel, der gleiche Mist wie früher?