Schon wieder Auferstehung (Skyfall)

Kunst & Leben |

Ich hätte nicht gedacht, einmal etwas über einen James-Bond-Film schreiben zu können oder sagen wir lieber: etwas schreiben zu können, woran ich gedachte habe, während ich einen James-Bond-Film gesehen habe. Skyfall ist ein wirklich gelungener Film, ein Requiem auf ein lang zum Klischee gewordenes Symbol der Popkultur, die aus Perspektive der Kunst bzw. des Absoluten natürlich eine Kultur des Verfalls ist, der Inhaltsleere und der durch sie zu einem schlechten Witz hochgejodelten Selbstreferenz. Das Requiem, mit dem wir es hier zu tun haben, und das erklärt wahrscheinlich auch seinen Erfolg, ist keines, das den Untergang oder den Tod in seinen Mittelpunkt stellt, sondern die Auferstehung. Entsprechend sind die Rollen von Gut und Böse verteilt, wenn man diese überkommen geglaubten Begriffe noch benutzen darf.

Über dieser religiösen Ebene finden wir freilich auch die zeitgemäß politische, die ebenfalls gut funktioniert. Leben wir bereits in einer Welt, wie es vornehmlich „aus dem Netz“ zu vernehmende Stimmen offenbar zur Grundlage ihres Denkens und ihrer politischen Forderungen haben, in der volle Transparenz erstrebenswert ist? Im Schatten operierende Mächte, wie M es mehrmals formuliert, wären in einer solchen Welt obsolet. Die Stellung des Films ist klar. Nicht alles Neue ist gut, bloß weil es neu ist und es braucht sie nach wie vor, diese Schattenkrieger, wie eben James Bond einer ist, der ja nicht nur die Bösen besiegt, sondern als Figur der Kultur auch unsere Sehnsüchte nach dem größeren Leben bedient, den Luxushotels, den schönen Frauen, Autos, bezüglich derer es den meisten anscheinend reicht, sie alle paar Wochen ausgelagert im Kino oder in anderen Stätten der Kultur projiziert zu haben. Freilich könnte eine Gesellschaft aus Bonds nicht funktionieren. Die  meisten müssen doch so einfach wie möglich sein, und sind das wohl im Großen und Ganzen auch ganz gerne.

Dann hat Skyfall die vermeintlich persönliche Ebene, den wahren Bond und die wahre M, die Moneypenny, bevor sie zum Klischee wurde. Diese Schicht des Films ist in Wirklichkeit eine gar nicht mal so einfach konstruierte Metaebene, die, so denke ich, aus Sicht der Filmemacher die Bedeutung von Skyfall ausmacht. Skyfall nämlich ist der Film aus der Reihe, der wie kein anderer nicht einfach nur eine Geschichte erzählt und das altbekannte Schema durchläuft, sondern der die Figur Bond thematisiert. Skyfall ist so kein Bond-Film, sondern ein Film über Bond und über Bond-Filme. Konkreter: Skyfall thematisiert die Frage, wie man allen Ernstes heutzutage, schon deutlich im 21. Jahrhundert, einen Bond-Film machen kann, der auch noch gut sein soll. Diese Frage wird natürlich nur dann relevant, wenn man jedem Film grundsätzlich die Möglichkeit einräumt, etwas zu bedeuten. Die meisten würden hier sofort antworten: Ist doch egal, seit wann sollen Bond-Filme etwas bedeuten? Die sollen unterhalten und Geld einspielen. Hier sind aber nun mal Filmemacher am Werk, insbesondere Regisseur Sam Mendes, die mit voller Intention keine solch belanglosen Filme, wie es nun mal die alten Bond-Filme waren, machen könnten. Ich denke, sie haben immer wieder über die Figur oder den Charakter Bond gesprochen und wollten ihn vielleicht, so auch der Tenor der meisten Rezensionen aus den Standard-Medien, näher beleuchten oder gar vermenschlichen. Ich möchte das hier nicht weiter verfolgen, nicht zuletzt, weil ich Figuren und Charaktere und das ganze szenetypische Gerede um diese Begriffe herum für irrelevant halte. Die Herangehensweise der Filmemacher an Skyfall ist aber insofern interessant und erzählt uns etwas über unsere Zeit, weil sie meines Erachtens so handeln, wie Künstler handeln müssen.

Nicht nur die Bond-Reihe, sondern alles Schöne, Wahre usf., also insbesondere auch Kunst und Religion (die ja explizit an vielen Stellen im Film vorkommt, hier aber nicht direkt Thema sein soll), sind durch die Verfallsgeschichte der Popkultur hindurchgegangen. Eines ihrer ärgerlichsten und weitverbreitetsten Auswüchse ist eine Einstellung der Diskursteilnehmer, die ich mal salopp mit Kennen-wir-doch-schon-Einstellung umschreibe. Etwas kann noch so wahr, schön und gut sein, bei wiederholter Schleusung durch den Diskurs, mithin durch die Öffentlichkeit, wird es als altbacken abgestempelt. Die Einstellungen der meisten Menschen, die nun mal durch Öffentlichkeit und Diskurs geformt sind, sind entsprechende: Kennen wir schon, nächstes bitte. Dem entspricht als tatsächliche Handlung meist eine Wischbewegung auf einem Touchscreen. Das Problem mit dem Guten, Wahren und Schönen, im hier fokussierten Medium der Kunst, besteht dann aber darin, dass ihr Gehalt, zieht man alles Irrelevante ab wie zum Beispiel Figuren oder Charaktere oder auch die tatsächlichen Gefühle oder gar die Biographie des Schaffers, sehr begrenzt ist. Es sind nun einmal immer wieder die gleichen Gehalte, letztlich mindestens seit Homer, die in einer der jeweiligen Zeit gemäßen Form neu aufgelegt, in Fachsprache: wiederholt werden. In ihrer diskursiv heruntergebrochenen Form langweilen sie uns derzeit zu Tode. Folge sind lang schon erklingende Abgesänge auf die Kunst oder, vielleicht noch zeitgemäßer, eine völlige Indifferenz ihr und ihren Gehalten gegenüber. Daraus könnte man jetzt verschiedene Konsequenzen ziehen. Die dümmste ist, die Kunst als beendet zu erklären, eine unbefriedigende besteht darin, unsere Zeit als einigermaßen kunstfeindlich zu diagnostizieren und auf eine bessere zu hoffen. Die klügste Reaktion, derer sich in Bezug auf Bond-Abgesänge auch Skyfall bedient, ist die, alles das, was gegen die Erschaffung des Films, im hier verallgemeinerten Sinn: der Kunst spricht, und sei es die mathematisch bewiesene Unmöglichkeit ihrer Existenz, die soziologisch untersuchte Abgewandtheit der gesamten Menschheit von ihr, genau all das zu ihrem Gegenstand zu machen. Genau dann wiederholen wir das Alte in einer neuen, unserer Zeit angemessenen Form, die nun mal reichlich reflexiv ist. Das ist zur gleichen Zeit der große Strukturvorteil der Kunst gegenüber der Politik und dem Diskurs. Sie hat immer eine gehaltvolle Antwort parat, die sie mitformt und die nicht nur kontingentes Gerede ist, und ist somit nicht kleinzukriegen.

So geht es auch James Bond, der zum 50. eine Premiere feiern durfte. Er durfte zum ersten mal Gast in der Kunst sein. Das muss für einen alten Haudegen, wie er einer ist, eine große Umstellung sein, aber ich habe das Gefühl, er meistert das ganz gut. Wir wissen ja jetzt, was er ganz besonders gut kann. Er kann wiederholt und wiederholend auferstehen.

 

 

Hiervon handelt mein Essay Keine Figuren und, ich glaube, mein gesamtes bisheriges Werk.