Verdummung durch Freiheit (Wag the Dog)

Kunst & Leben |

Wag the Dog vom scharfzüngigen und gefürchteten David Mamet (Autor; Regisseur: Barry Levinson) ist eine Satire auf westlich-demokratische Gesellschaften aus dem Jahre 1997, wohlweislich vor der Sexaffäre Clintons und lange vor den Kriegen George W. Bushs. Er handelt davon, dass kurz vor der als sicher geltenden Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten eine Affäre des Präsidenten mit einer Schülerin herauszukommen droht. Die Wahl würde in den Zeitraum fallen, in dem das Volk noch erschüttert wäre und aller Voraussicht nach den anderen Kandidaten wählen würde. Der Präsident, der im Film kaum zu sehen ist und nur aus dem Hintergrund allgemeine Anweisungen gibt, bestellt nach Conrad Brean (Robert de Niro), eine Art Mann für die prekären Angelegenheiten (ein sog. spin doctor), der sich eine Strategie überlegen soll, bis zur Wahl von der Affäre abzulenken. Er entschließt sich kurzerhand, einen fiktiven Krieg mit Albanien anzufangen (Albanien deswegen, weil es gefährlich und verschlagen klingt, es aber niemand in den USA kennt). Einen Krieg zu führen ist, so auch eine Aussage im 2011er The Ides of March, jederzeit für einen amerikanischen Präsidenten akzeptabel, im Unterschied zum Betrügen der Ehefrau. Um den Krieg zu inszenieren, holt er sich Unterstützung vom führenden Hollywood-Produzenten Stanley Motss (Dustin Hoffman), einem kleinen, narzisstischen Mann, der die mangelnde Würdigung der Produzententätigkeit für das größte Übel unserer Zeit hält. Zusammen entwerfen sie einen Krieg, den sie medial vermarkten und der all die pathetischen Reaktionen hervorruft, die ein durch den Filter der öffentlichen Meinungsmache gejagter Krieg eben so hervorruft.

In Wag the Dog geht es im Grunde um das gleiche wie in The Ides of March, mit dem Hauptunterschied, dass in Wag the Dog der Zugang über die Satire gewählt wird. Manchmal erscheint die Satire ja als einzig probates Mittel, sich einem so grotesken wie in Wahrheit furchtbaren Thema überhaupt anzunähern. Anders als George Clooney thematisieren Mamet/Levinson ausdrücklich auch Hollywood, bringen also die in The Ides of March erst durch vergleichendes Hinzudenken entstehende Einsicht zur Sprache, dass Hollywood und Politik letztlich das gleiche sind. In beiden Bereichen geht es um Geld, Einfluss, Macht, beide sind besetzt mit narzisstischen Exzentrikern (in Hollywood darf man das unter dem Deckmantel von Kunst ein bisschen mehr ausleben, aber auch nur bis zu einer recht eng gezogenen Grenze), vor allem aber sind beide Szenen abhängig von öffentlichkeitswirksamer Vermarktung. Wir bekommen es also mit dem Phänomen des Kitsches zu tun (siehe die Rezension zu The Ides of March). Dieses wird in Wag the Dog auf eine sehr lustige Weise ins Extrem getrieben. Infolge der medialen Aufmachung des Krieges wird ein ganzer Mechanismus von Kriegskitsch in Gang gesetzt. Wir haben die seitens des Zuschauers erwarteten Bilder (das Mädchen mit dem gescheckten Kätzchen in den Trümmern), den Kriegshelden, der seiner Mutter in einem rührigen Brief Hoffnung macht (und der sich in Wirklichkeit als nonnenvergewaltigender Vollverrückter entpuppt) und natürlich den offiziellen Song zum Krieg. Im Song werden alle Klischees ausgepackt, die zur Verfügung stehen. Als größter politischer Kitsch Amerikas erweist sich dabei die Rede von Freiheit, ein Kitsch, der seit dem 11. September nochmals potenziert wurde. Ich erinnere mich an den ersten Superbowl nach dem 11. September, eine Veranstaltung, bei der eine ungefähr fünfstündige Feier “Salute to America”, ein nie enden wollender Freiheitskitsch stattfand. Davon mal abgesehen, dass ich, falls das, was dort stattfand, auf irgendeine Weise typisch für Freiheit gewesen sein sollte, lieber unfrei wäre, sollte man immer stutzig werden, wenn philosophische/metaphysische Begriffe wie Freiheit, die in ihrem Kern und ihrem Ursprung zumindest eine wichtige individuelle Dimension haben, auf eine höchst unindividuelle Weise zelebriert werden. Hierin liegt vielleicht auch ein Paradox der modernen Staatlichkeit. Ihre Prämissen wie zum Beispiel individuelle Freiheit degenerieren zu Kitschbegriffen, zu denen der Zugang nur noch kollektiv möglich erscheint. Und es kommt einem manchmal vor, als gebe es jenseits dieser Gemeinschaftsbegriffe dann nichts mehr, letztlich also keine Freiheit mehr. Neben diesem politischen Freiheitskitsch gibt es in Amerika, aber auch in teils abgeschwächter Form in anderen westlichen Staaten, noch weitere typische Formen des Kitschs: Einmal der Jesuskitsch, der in Amerika nach wie vor sehr wirkmächtig zu sein scheint (wie sonst soll man sich den Erfolg von so offensichtlich irrationalen Phänomenen wie der Tea-Party-Bewegung erklären), zweitens der Familienkitsch, der insbesondere in vom Staat abgewandten Substrukturen herrscht (Mafia beispielsweise, aber wohl auch in sonstigen der Kriminalität zugeneigten Gemeinschaften), drittens der Wirtschaftskitsch. Letzterer findet sich in Begründungsmustern wie “es geht doch nur ums Geschäft” usf. und ist meistens verbunden mit recht archaischen Konzepten instrumenteller Vernunft. In letztgenanntem Fall klingt eine weitere Dimension des Kitsches an. Nicht nur findet man in ihm Restbestände metaphysischer Hoffnungen, die auf eine weithin inhaltsleere Weise bedient werden, sondern es handelt sich oftmals auch um Strategien, um Komplexität zu reduzieren. Hiervon handeln einige der guten amerikanischen TV-Serien, zuletzt zum Beispiel Breaking Bad.

Außerdem legt Wag the Dog großen Wert darauf, dass die Show auf keinen Fall als solche aufgedeckt werden darf. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass der Kitsch auch gesellschaftsstabilisierende Wirkung hat. Die Gemeinschaft, auf deren Ebene der Kitsch stattfindet, wird dadurch gestärkt, dass einzelne Individuen durch ihre Hingabe an die in Form von Kitsch fremdbestimmten Inhalte immer mehr Teile ihrer individuellen Verantwortung abgeben. Das macht das Leben einfach und schafft beispielsweise viel Raum für Konsum, der wiederum wirtschafts- und gesellschaftsstabilisierend wirkt. Unter anderem deswegen kommt so letztlich keiner auf die Idee, zu fragen, warum um alles in der Welt die USA einen Krieg mit Albanien führen sollten, einem Land, das in den USA kein Mensch kennt. Der Rest ist Unterhaltung und zwar besonders unterhaltende Unterhaltung, weil man ja weiß, dass sie auf wahren Begebenheiten beruht. Vielleicht ist in diesem Vorgaukeln des Beruhens auf wahren Begebenheiten eine letzte, heute besonders wirksame Form des Kitsches zu sehen, die anders als Jesus-, Familien- und Wirtschaftskitsch deutlich weniger an ideologische Grundentscheidung gebunden ist, sondern an das weitverbreitete und allgemeinere Grundbedürfnis nach Erkenntnis der Wirklichkeit anknüpft.

Wenngleich Wag the Dog eine Satire ist, ist sie deutlich düsterer als The Ides of March. Letztgenannter lässt sich nämlich als direkter Angriff auf die Kitschsysteme deuten. Selbst wenn dieser nicht erfolgreich sein sollte (der Angreifende Clooney als Filmemacher ist wie sein entsprechender Hauptcharakter Stephen ja selbst ein wichtiger Teil des angegriffenen Objekts und wird kaum auf seine Stellung verzichten), so geht er doch immerhin von der Möglichkeit eines Angriffs aus. Diese Möglichkeit ist in Wag the Dog nicht gegeben. Motss überlegt die Aufdeckung der Show aus narzisstischen Motiven, ist aber nicht „erfolgreich“. Auch die Filmemacher Mamet/Levinson sind so weit entfernt von einer Hoffnung auf Veränderung, dass sie sich aus einer weltabgewandten Haltung nur mit bitteren Zwischentönen lustig machen können über die Dummheit der Welt.

Vielleicht hat sich in den knapp 15 Jahren zwischen Wag the Dog und The Ides of March wirklich etwas getan. Erstens können wir offenbar wieder ernsthafte Filme über ein so ernstes Thema machen und müssen uns nicht hinter der Satire verstecken. Außerdem ist unsere Hoffnung auf uninstitutionalisierte Transparenz gewachsen. Beides hängt wahrscheinlich zusammen. Der offizielle Soundtrack zu dieser Rezension erscheint übrigens im März 2012. Die Lieder beruhen auf wahren Begebenheiten.