Wo führt die Liebe hin (Shame)

Kunst & Leben |

Der tiefergehenden Psychologie, vor allem der Psychoanalyse geht es ja nicht anders als der Kunst und der Philosophie. Wir können damit wenig anfangen, unsere Gedanken sind in Bahnen der Anerkennung eingepfercht und, um ehrlich zu sein: so richtig beweisen konnte doch noch nie jemand, dass es da noch etwas gibt, jenseits dessen, was wahrnehmbar geschieht. Komisch, dass dann trotzdem immer gerne der kleine Prinz zitiert wird, allerdings meist von den gleichen Leuten, die Erich Fried zitieren bzw. Leute zitieren, die Erich Fried mal zitiert haben. Aber das ist eine andere Baustelle.

In letzter Zeit gibt es zum Glück wieder vermehrt Kunst, nach meiner Wahrnehmung vor allem auf dem Gebiet des Films, die den Versuch unternimmt, das Pathos der Letztbedeutung der Oberfläche zu durchbrechen. Einen vorläufigen Höhepunkt in diesem Unternehmen bildet Shame von Steve McQueen (nein, nicht der coole amerikanische Schauspieler, der schon lange tot ist, sondern eher ein Gegenentwurf: ein dicker schwarzer Fotograf aus London). Shame ist die nach Hunger aus dem Jahre 2008 zweite Zusammenarbeit des Regisseurs mit Michael Fassbender, dem kommenden Superstar im Film. Unfassbarerweise hat es für Fassbender bei den Oscars nicht einmal eine Nominierung gegeben, obwohl seine Darstellung in Shame drei Stufen über all dem Konsensquatsch liegt, der sonst so nominiert war (das war, ganz ehrlich, mein letztes Echauffieren über die Oscars, es ist ein ungelesener Kampf gegen Windmühlen).

Fassbender spielt in Shame den sexsüchtigen New Yorker Brandon. Brandon arbeitet in einem dieser nichtssagenden Luxusbüros einer Bank, Versicherung, Wirtschaftskanzlei o.ä. Offenbar ist er so erfolgreich, dass er sich teure Bars, gute Kleidung und eine sterile Luxuswohnung in bester Lage leisten kann. Ein kleiner Wermutstropfen an der Oberfläche entfließt vielleicht der Tatsache, dass sein Chef ungefähr gleichalt ist, offenbar also schneller Karriere gemacht hat. Brandon hat einen fest geregelten Tagesablauf, der wohlportioniert zwischen Arbeit, Onanie, Sex mit Prostituierten und gelegentlichen Aufrissen changiert. Er hat Erfolg bei Frauen, weil er gut aussieht, nicht so viel redet und dadurch wahrscheinlich mysteriös wirkt und weil er stetig eine leicht gezügelte Geilheit ausstrahlt. Brandon ist gefangen in einer Welt von Zwangshandlungen. Der Vorhang geht auf und zu, auf und zu, die Hand geht unter die Decke und wieder über die Decke, immer müssen Pornos im Hintergrund laufen. Brandons Gesicht ist eine tiefe Traurigkeit abzulesen und kein Orgasmus, kein in der Theorie noch so erstrebenswertes sexuelles Abenteuer scheint ihm Befreiung verschaffen zu können. Tief schnaufend joggt er durch die hässlichen Straßen New Yorks, einatmen, ausatmen, einatmen, es nimmt nie ein Ende. Sein ganzes Leben ist eine Flucht, auf eine schier unfassbar unfreie Weise eingetütet in das Luxusleben eines  modernen Erfolgsmenschen. Brandon kann keinen freien Gedanken fassen. Jede attraktive Frau, die seinen Weg kreuzt, bündelt sofort seine Gedanken auf sich. Er muss ihr einfach hinterher. So auch die verheiratete Blondine in der U-Bahn am Anfang und am Ende des Films. Warum ist diese Stelle so zentral? Zum einen zeigt sie seine Zwanghaftigkeit, zum anderen geht es schlicht um Ehebruch. Dieses Thema kann ja, anders als noch zu Zeiten etwa einer Madame Bovary, keinen mehr hinter dem Ofen vorlocken. Aber neben dieser öffentlichen Bewertung eines Themas gibt es weiterhin die privaten Folgen für Psyche, Seele, Sozialleben. Menschen, die massiv von der Öffentlichkeit beeinflusst sind (ich verwende einen weiten Begriff der Öffentlichkeit und meine nicht nur Zeitungen und Fernsehsendungen, sondern auch das, was, wenn man sich nicht in einer mühsamen Weise individuell hiermit auseinandersetzt, als Klischee von Film, Literatur usf. übrigbleibt), können dazu neigen, auch das, was ihnen persönlich geschieht, wie ein Klischee aus einem billigen Filmchen wahrzunehmen und ähnlich wenig ernst zu nehmen. Soll heißen: Natürlich gibt es Ehebruch und es ist auch nicht sinnvoll, hierüber übertrieben moralisch zu urteilen. Die Ehe, generell tiefere zwischenmenschliche Beziehungen sind aber gerade nichts Beliebiges, wie es einem in der Öffentlichkeit oft vermittelt wird. In Brandons Welt scheint diese echte Dimension verlorengegangen zu sein.

Vielleicht ändert sich daran etwas, als Brandons Schwester Sissy unangekündigt auftaucht und bei ihm einzieht. Sie ist der Gegenentwurf zu ihm: Übermäßig ausdrucksvoll in ihren Gefühlen, sprunghaft, künstlerisch, emotional instabil bis hin zu Borderline-Strukturen. Sie sehnt sich nach Liebe bis zur Aufgabe der eigenen Würde und bekommt von der Welt bloß Sex und Missbrauch. Dem wiederum hat sich Brandon von vornherein verschrieben. Die Geschwister könnten auch in Bezug aufeinander nicht unterschiedlicher sein: Wo er sich vor allem im hemmungslosen Ausleben seiner Sexualität (so es denn eine ist) von ihrer Präsenz gestört fühlt, möchte sie ihm, auch sexuell, nahe sein. Bezeichnend sind die beiden Szenen im Bad: Sie erwischt ihn beim Onanieren, was ihm nicht nur peinlich ist, sondern einen für diesen sonst so gefühlsarmen Menschen ungewöhnlich starken Gewaltausbruch hervorruft. Als er sie zu Beginn duschend im Bad findet, scheint es ihr wohl zu gefallen, ihm nackt lange nahe zu sein. Man kann darüber spekulieren, was der Hintergrund ihrer beider Probleme ist. Einiges spricht für Missbrauchserlebnisse, manches für eine inzestuöse Vergangenheit (was ja nicht immer gleich Beischlaf zwischen Geschwistern bedeuten muss). Eindeutig ist bloß: Beide haben tiefe Probleme mit ihren Gefühlen und empfinden eine nie endende Leere. Damit gehen sie auf höchst unterschiedliche Weise um.

Das Thema Missbrauch kommt an weiteren Stellen im Film vor, besonders perfide bei Brandons Boss David. Er markiert nach außen hin den treusorgenden Familienvater und den kumpelhaften Boss mit den flachen Hierarchien. Letztlich geht er eine Affäre mit Brandons Schwester ein und lässt sie fallen, obwohl er weiß oder hätte wissen müssen (er hat  ja ihre Ritzen an den Armen gesehen), dass sie schwere emotionale Probleme hat. So sind viele Menschen. Wenn es um ihre Arbeit geht: hochintelligent, analytisch, aufmerksam, aber sobald es um das Leben, die Psyche, Kunst usf. geht: naiv und unerträglich ignorant. Wahrscheinlich aber ist David sogar Absicht vorzuwerfen, das heißt: absichtlicher Missbrauch. Er ist es nämlich leid, dass Brandon immer die Frauen aufreißt, die er, David, eigentlich will, und, vielleicht noch schlimmer, dass Brandon das ohne die gängigen Spielchen und Sprüchlein schafft, mit denen sich David so sehr abmüht. Letztlich wohl auch: obwohl Brandon weniger Erfolg im Beruf hat, er ist ja schließlich sein Untergebener. Bis ins Letzte werden halt die flachen Hierarchien doch nicht akzeptiert. Auch die völlig skrupellose Art, in der er seine Frau betrügt, ist nach wie vor bedenklich.

Die große Frage am Ende lautet natürlich, ob Brandon sich wirklich verändert hat. Haben die Liebe zu und die Sorge um seine Schwester es vermocht, ihn aus seinem destruktiven Kreislauf herauszuholen? Eine Steigerung des Destruktiven war erkennbar: die provozierte Schlägerei, die Schwulenbar, der qualvolle Dreier. Der Suizidversuch wirkt wie eine Befreiung. Am Ende dann wieder die gleiche Szene in der U-Bahn wie am Anfang. Geht er diesmal hinterher? Falls ja, wäre die Botschaft klar: Die ewige Wiederkehr der gleichen Situationen, denen der Mensch hilflos ausgeliefert ist. Die Destruktivität würde weiter zunehmen, vielleicht immer mal durchbrochen von Ereignissen, die zum Innehalten zwingen. Sie würde irgendwann in Brandons Zerstörung enden, sei es im Gefängnis, auf der Straße oder im Tod. Wenn er nicht hinterher geht: Was für ein Mensch ist er jetzt? Was kann ihm helfen, die tiefe Leere in seinem Innern zu überwinden bzw. mit ihr leben zu können: Die Liebe zu seiner Schwester? Das darf bezweifelt werden. Auch die Botschaft des Films wäre nur unter Zuhilfenahme eines zusätzlichen Elements plausibel. Es klingt christlich: Man muss durch ein tiefes Tal waten, bevor sich etwas zum Besseren wandelt. Doch Brandon kann nicht einmal daran glauben, dass zwei Menschen sich über längere Zeit verstehen. Da bleibt eigentlich nur eines: Wenn man aufgrund persönlicher Erfahrungen oder wegen der Welt, in der man lebt, nicht an die Menschen glauben kann, darf man in seiner Welterklärung nicht bei Zwischenmenschlichem haltmachen. Die Menschen und die Gesellschaft kann Brandon nicht ändern. Er kann aber seine Sicht der Welt ändern. Liebe zu einem Menschen wie zu seiner Schwester Sissy kann der Weg dahin sein, das Ziel liegt verborgen irgendwo im irrealen Nebel auf der anderen Seite der viel gepriesenen Schneise zwischen Realität und dem, was dem unbenannten Gegenteil entspricht. Steve McQueens Kunst ist es, schweigend und scheinbar an der Oberfläche klebend genau darüber zu sprechen. Denn es ist immer da.

Shame ist nach Drive der zweite Volltreffer der jüngsten Zeit. Ähnlich Tarantino und Waltz sowie Nicolas Winding Refn und Ryan Gosling hat sich in Steve McQueen und Michael Fassbender ein perfektes Paar gefunden. Wir dürfen noch einiges erwarten.