Freiheit, die er meint

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Ich weiß nicht, wie es dem geneigten Leser geht, aber mir scheint der Begriff der Freiheit lange seinen großen Glanz verloren zu haben. Wie bei allen der Metaphysik zugehörigen Begriffen, vielleicht sogar wie bei allen Begriffen überhaupt, war es für den der Freiheit immer essentiell, geschichts- oder kulturbedingt mit einem gehörigen Pathos verknüpft zu sein. Solche Begriffe sind in bestimmten Zeiten in aller Munde und letztlich weiß jeder schon grob, worum es geht, bevor er in die öffentliche Diskussion einsteigt. Klar finden dann noch Klärungs- und begriffliche Verfeinerungsprozesse statt, letztlich  aber weiß jeder, der überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt etwas weiß, von vornherein Bescheid. Heute scheint das von Pathos begleitete ins-Zentrum-Rücken bestimmter Begriffe zu einem bestenfalls modischen Aufflackern verkommen zu sein. Soll heißen: Jede Woche wird eine neue Sau durchs Dorf des öffentlichen Diskurses getrieben. Die Säue sind meistens Prominente oder im weiteren Sinne politische Ereignisse wie Revolutionen, Naturkatastrophen und Missbrauchsfälle, also recht beliebige Dinge, die mit Philosophie nichts zu tun haben. Ab und an blitzt auch mal ein philosophischer Begriff auf oder das Zerrbild eines einstigen philosophischen Begriffes. Diese werden wahrscheinlich von sogenannten Think Tanks aus der Schublade geholt und in einem Memo an die jeweilig angeschlossene Interessenvereinigung, zum Beispiel eine Partei, weiteregegeben. Auf einmal hocken sie dann alle in den Talkshowsesseln oder stehen vor bedeutungstragender Kulisse vor ein paar Mikrofonen und instrumentalisieren die vorgesagten Begriffe zu jeweils fälligen politischen Zwecken. Im Dauerrauschen der Beliebigkeit huscht so auch immer mal wieder ein Hauch einstiger Philosophie vorbei. Das passt aber auch wieder zur philosophischen Grundausrichtung unserer Zeit. Die meisten sind nach wie vor davon überzeugt, dass die Erzeugungsplattform von qualifiziertem Inhalt der sogenannte herrschaftsfreie Diskurs ist. Das darf man sich vorstellen wie Facebook im echten Leben und der Theorie nach darf sich jeder da einbringen, muss gehört werden und am Ende setzt sich etwas durch, das mit einer höheren Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit versehen ist als etwas, das beispielsweise ein Fachmann auf einem bestimmten Gebiet alleine von sich geben würde. Dem haftet von vornherein eine Beliebigkeit an. Wichtig ist ja nur, dass ein Verfahren eingehalten wurde und, eine Unterstellung meinerseits, jedem so ein wenig das gute Gefühl gegeben wird, sich doch theoretisch unterschiedslos beteiligen zu können.

In den letzten Wochen ist der Begriff der Freiheit wieder ein wenig in den Fokus gerückt. Warum ist das überhaupt der Rede wert? Zum einen sieht man an diesem Beispiel, wie wenig den Teilnehmern des öffentlichen Diskurses (gemeint sind vor allem Journalisten und Politiker) an einer inhaltlichen Debatte bzw. daran gelegen ist, dasjenige, was von anderer Seite geäußert wird (gemeint ist hier natürlich Joachim Gauck), zu verstehen. Deswegen möchte ich kurz klären, welche Freiheit er denn nun meint. Außerdem, und das ist viel interessanter, könnte der Bundespräsident eine Agenda verfolgen, die weit über die Betonung eines alten Begriffes hinausgeht. Das halte ich für nicht sehr wahrscheinlich, aber die Hoffnung ist so groß und der Verzweiflung so nah, dass ich es mal versuche.

Freiheit: einer der großen Begriffe der neuzeitlichen Philosophiegeschichte, hat vor allem das 18. Jahrhundert wie kein anderer geprägt. Im Hintergrund von Problemstellungen der praktischen Philosophie (vielleicht auch der gesamten) stand immer das Problem, wie man auf Grundlage individueller Prämissen (der Mensch als Individuum, als rationaler Egoist usf.) eine vernünftige Philosophie der Gemeinschaft entwickeln kann. Wie kann der Mensch im Staat so frei bleiben, wie er es war, bevor es den Staat gab, oder übersetzt: gibt es eine kulturelle Freiheit, die der vielleicht nur gedachten natürlichen Freiheit entspricht? Wie können wir moralisch handeln und frei sein zugleich? Etwas später dann die Frage, wie eigentlich Freiheit mit Gerechtigkeit zusammenhängt und schließlich, was denn das Gerede von Freiheit überhaupt nützt, wenn die tatsächlichen Verhältnisse eine andere Sprache sprechen. Für heute relevant sind, in vereinfachter Darstellung, die folgenden drei Freiheitsbegriffe:

1. Negative Freiheit: Freiheit besteht darin, tun und lassen zu können, was man will.

2. Faktische Freiheit: Freiheit fußt auf Chancengerechtigkeit. Freiheit in der Theorie nützt nichts, wenn die sozialen Ungerechtigkeiten bestimmten Menschen gar nicht die tatsächliche Möglichkeit einräumen, von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen.

3. Positive Freiheit: Freiheit ist nicht die Freiheit von etwas, sondern zu etwas. Um überhaupt von Freiheit reden zu können, muss ich gewisse, meist sehr allgemeine Beschränkungen in Kauf nehmen, zum Beispiel an einer Sprachgemeinschaft teilnehmen. Derjenige, der sich dem Mitsprechen verweigert, unterliegt zwar nicht den grammatischen Beschränkungen der jeweiligen Sprache und den semantischen Konventionen der diese Sprache benutzenden Gemeinschaft, und fühlt sich so vielleicht frei, er hat sich aber durch dieses Verweigern unzähliger Möglichkeiten beraubt. Solch einen Freiheitsbegriff vertreten einige heute relevante Philosophen, allen voran Robert Brandom. In seiner Philosophie, die zuvörderst eine Sprachphilosophie ist, geht der Sprachgebrauch bzw. der Gebrauch eines bestimmten Begriffes stets mit Verpflichtungen einher, letztlich auch mit einer gewissen Verantwortung. Ich kann zwar das, was andere Menschen Tisch nennen, ohne weiteres Ananas oder !*Gfh76# nennen, würde aber zunächst korrigiert und, bei konsequenter Weigerung, die nicht auf Dummheit beruht, sanktioniert oder gar ausgeschlossen. Letztes Korrektiv ist hierbei die auf Anerkennung fußende Sprachgemeinschaft, erster und letzter Geltungsgrund in vielen aktuellen Philosophien. Das ist letztlich unbefriedigend, hierzu aber sogleich.

Joachim Gauck vertritt einen Freiheitsbegriff der dritten Art. Bei ihm ist Freiheit untrennbar mit Verantwortung verknüpft. Er meint das nicht vornehmlich auf die Sprache bezogen, sondern, wie ich ihn verstehe, auf das Dasein des Einzelnen als politischer Mensch. Das durch einen freiheitlichen Staat wie dem unseren erst ermöglichte Leben in Freiheit bringt auch (moralische) Verpflichtungen mit sich. Die Verantwortung ist auf individueller Ebene angesiedelt und hat zur Folge, dass ich zunächst mal selbst etwas aus meinem Leben machen muss. Letztlich ist, so Gauck, nur mit einem solchen Konzept positiver Freiheit Glück möglich. Glück tritt so nicht in einen Wettstreit mit Freiheit, ein Konflikt, den wohl heute noch viele Ostdeutsche empfinden, die sich nach der überschaubaren Geborgenheit eines abgeschotteten Systems zurücksehnen. Glück ist eine Folge von in Gemeinschaft mündender Auslebung individuell-positiver Freiheit. Vorgeworfen wurde Gauck reflexartig, keinen Begriff der zweiten Art zu vertreten. Diesen Vorwurf hat er elegant bei seiner Antrittsrede ausgekontert. Freiheit und Gerechtigkeit hängen sehr wohl zusammen, Freiheit sei Bedingung für Gerechtigkeit, umgekehrt sei „das Bemühen um Gerechtigkeit unerlässlich für die Bewahrung der Freiheit“. Zwei subtile Einschränkungen, die klar machen, dass Freiheit vorrangig ist. Vielleicht auch um dem Zeitgeist entgegenzukommen, der keine Philosophie haben will, sondern immer nur Faktisches und Nachprüfbares, parallelisiert Gauck die Freiheitsbegriffe sowohl mit der Entwicklungspsychologie des Einzelnen wie auch mit der Entwicklung von Gemeinschaften. Den ersten Freiheitsbegriff nennt er den pubertären, bezichtigt somit seine Vertreter als unreif. Den zweiten bringt er, zwischen den Zeilen, mit nicht ganz so freiheitlichen Staaten wie der DDR in Kontakt. Vielleicht ist so gesehen Freiheit als Verantwortung auch die Not als Tugend.

Was will Herr Gauck denn nun erreichen? Ich sehe drei Möglichkeiten. Die erste, nach der die entsprechenden Kapitel seiner Autobiographie klingen, besteht darin, dass er sich als normaler und mit allen anderen gleichberechtigter Diskursteilnehmer versteht, der das gesteigerte öffentliche Interesse an seiner Person dazu nutzt, ihm wichtige Themen, natürlich insbesondere sein Konzept positiver Freiheit, in den Diskurs einzubringen. Damit ist die Hoffnung verbunden, Debatten anzustoßen und zu prägen, womit wiederum die Hoffnung verbunden ist, solche Debatten könnten zu etwas führen. Da es sich bei solchen Debatten um beliebiges und selbstbezogenes Getue handelt, wäre diese erste Möglichkeit am ehesten als lasch zu qualifizieren. Gauck könnte auch eine Mission hinter seinem Thema Freiheit verfolgen und das Thema bloß als Vehikel bzw. Eintrittskarte in diesen Diskurs benutzen. Seine Mission könnte politisch unkorrekterweise darin bestehen, die Menschen besser zu machen, nicht unbedingt paternalistisch von außen (dem würde Gauck auch entschieden entgegen treten), sondern indem er in ihnen schlummernde, lang überlagerte Potentiale zur persönlichen Emanzipation weckt. Diese Lesart könnte auch Reaktionen von Journalisten erklären, die zwar, dem aktuellen Stimmungsbild folgend, Gauck grundsätzlich hochjubeln, dem aber einen beleidigten Ton beimischen, erfahrungsgemäß die gängige Reaktion auf Progressives oder Philosophisches. Diese zweite Variante ist inhaltlich in seinem mit Verantwortung verknüpften Freiheitsbegriff angelegt. Eine Gesellschaft, die mehr auf individuelle Verantwortung setzt als die unsere, also so gut wie jede denkbare, wäre mit einer Anerkennungs- oder Diskurstheorie dann aber meines Erachtens nicht mehr angemessen beschreibbar. Er würde also dem Diskurs ein zersetzendes Element unterjubeln. Das führt uns direkt zur dritten Variante. Manchmal, nicht so sehr in seinen Schriften als vielmehr im persönlichen Wirken, kommt mir Gauck vor wie ein Philosoph. Ich verstehe in unserer Zeit darunter jemanden, der, egal ob unter theologischen oder säkularen Prämissen, an eine Realität jenseits des auf Anerkennung basierenden Miteinander glaubt und an Begriffe, die wenn schon keinen ahistorischen, so doch zumindest einen weiten, hunderte Jahre umspannenden Bedeutungsgehalt haben. Ein solcher Begriff, wenn auch zugegeben nicht unbedingt der interessanteste, ist der der Freiheit. In unserer Zeit spielen solche philosophischen Begriffe, aber auch Kunstwerke oder religiöse Schriften dann eine bedeutende Rolle, wenn man als Individuum mit ihnen in Kontakt kommt und sich hierauf einlässt. Ich merke dann, dass es etwas jenseits des Diskurses und des Miteinanders gibt. Das kann Angst machen und den Einzelnen, der vielleicht verlernt hat, Einzelner zu sein, überfordern und letztlich sind solche Erfahrungen zunächst mal Erfahrungen der Einsamkeit. Aber so ist die Freiheit und so ist vielleicht auch das Leben.