Ein wahrer Freund (Sherlock, The Reichenbach Fall)

Kunst & Leben |

Eine der größten und verbreitetsten Formen des Kitsches unserer Zeit, wenn nicht die sie prägende und am meisten verfestigte ist das Beruhen auf wahren Begebenheiten. Wenn man PR-Heinis zuhört, Pressemitteilungen von Verlagen liest, den ganzen beim Lanz herumhockenden Schriftsteller-Kopiechen, zu denen der Moderator immer sagt: „Unser nächster Gast hat ein wie ich finde großartiges Buch geschrieben“, zuhört, die Buchdeckel der Neuerscheinungen in den Buchläden liest, gewinnt man, in diesem Falle ich, den Eindruck, es sei unmöglich geworden, ein Buch herauszugeben, ohne es mit diesem Hinweis zu vermarkten. Im Film ist dieser Kitsch nicht gleichsam prägend (es gibt ja, anders als auf dem Buchmarkt, noch ab und an einen Film, dessen Kunstsein nicht verleugnet wird), aber ebenso verfestigt. Viele Filme starten mit einem „inspired by“ oder ähnlichen Floskeln und, dies ist eine längst Klischee und daher fast nur noch in Parodien auftretende Spielart, enden mit einer Auflistung, was aus den Charakteren so geworden ist (Heirat, Kinder, im Krieg gefallen usf.).

Am auffälligsten war zuletzt Ziemlich beste Freunde, ein eigentlich ganz netter, witziger Film, der aber nicht nur Gelähmtenkitsch ist, also der Appell an das gute Gefühl des Zuschauers, das sich bei der Vorstellung einstellt, dass diese Gelähmten ja doch tolle Sachen erleben und das Mitleid für sie einen nicht so sehr im Alltag stören muss, sondern auch Kitsch in der hier einschlägigen Form, der wiederum, weswegen er die tiefere und interessantere Form ist, den Gelähmtenkitsch hervorruft. Den Zuschauern wird nämlich suggeriert, man sehe die Dinge genau so, wie sie gewesen sind. Das ist grob falsch. Im Film ist alles anders. Der Film ist witziger, leichter, vor allem aber sinnvoller, weil Kunst eben ganz andere Sinnzusammenhänge erzeugt als das Leben. Die können freilich mit denen des Lebens auf einer übergeordneten Ebene verglichen werden, aber eben nur um den Preis, sich auf eine bereits komplex vermittelte Reflexionsebene zu begeben, auf der die unmittelbare Erbauung, auf die Filme wie Ziemlich beste Freunde abzielen, nicht mehr möglich ist. Filme können natürlich auch wiederum, sei es durch ihre formale Gestaltung oder inhaltlich, auf die Einsicht abzielen, auch im Film könne kein Sinnzusammenhang erstellt werden – typisches Thema „moderner“ Kunst – und auch das kann als Aussage mit aus dem Leben abstrahierten Themen verglichen werden. Am Ende bleibt, bei allen Verschränkungen, die es vielleicht geben mag, ein Graben zwischen Kunst und Leben bestehen. Das ahnen oder wissen eigentlich alle. Die Kunst bleibt so ein Eigenständiges gegen das Alltagsleben der Menschen und würde ihnen, sofern sie zufällig oder gar mal gewollt mit ihr konfrontiert werden, die Mangelhaftigkeit ihres Lebens aufzeigen. Wenn all das, das natürlich viel komplexer ist, als es hier dargestellt werden kann, ernst genommen würde, müsste also jeder sein Leben ändern, letztlich auf Kosten der Stabilität der Gemeinschaft. Der Kitsch des Beruhens auf wahren Begebenheiten ist also ein Kitsch, der unmittelbar gegen die Selbstständigkeit der Kunst gerichtet ist und der uns in Sicherheit wiegt, dass das, was wir so banalerweise tagein tagaus veranstalten, schon alles gewesen ist und wir im großen und ganzen nichts verpassen, wenn wir den ganzen Tag bloß in Geld messbare Güter und Geld austauschen.

The Reichenbach Fall, die „dritte Folge der zweiten Staffel der Serie Sherlock“ (angesichts der Tiefe und Qualität von The Reichenbach Fall ist die Bezeichnung als Folge einer Staffel einer Serie eine grandiose Untertreibung), thematisiert in genialer Weise den Kitsch des Beruhens auf wahren Begebenheiten. Worum geht’s erst mal? Sherlock ist eine Übersetzung des Sherlock-Holmes-Stoffes in die heutige Welt. Der neue Sherlock Holmes ist verjüngt und benutzt unter anderem alle heutigen Formen der Technik. Die Macher interpretieren die alten klassischen Fälle neu. The Reichenbach Fall greift eine der großartigsten Sherlock-Holmes-Geschichten auf (wie es übrigens auch auf eine überdrehte, aber durchaus unterhaltsame Weise der letzte Film der amerikanischen Variante mit Robert Downey Jr tut). In der Literaturvorlage trifft Sherlock Holmes im schweizerischen Reichenbach auf seinen großen Widersacher Moriarty. Im großen Showdown stürzen beide zusammen den Wasserfall hinunter und sind totgeglaubt. Dieses Thema greift die neue Version auf eine irrwitzig originelle Weise auf. The Reichenbach Fall hat hier eine dreifache Bedeutung. Er bedeutet zunächst den Fall im deutschen Wortsinne. Reichenbach Fall ist in Sherlock der Fall, der den Ruhm des Sherlock Holmes begründet. Es geht dabei um einen vermeintlichen Kunstraub, dessen Aufklärung durch den Detektiv es in die Presse schafft. Außerdem ist Fall als der Fall im Sinne von fallen zu verstehen. Am Ende wird es nämlich darum gehen, dass Sherlock sich von einem Hochhaus stürzen, sprich von ihm fallen soll. Drittens, und das ist der hier entscheidende Punkt, soll es um den Fall eines Medienstars gehen. Der Kampf mit Moriarty beschränkt sich nämlich nicht darauf, den anderen einfach ausschalten oder umbringen zu wollen. Es geht um ein Spiel auf höchster Ebene. Die Kontrahenten sind sich, wie es sich für echte Erzfeinde geziemt, ähnlich bis gleich und der einzig markante Unterschied besteht darin, auf welcher Seite sie stehen, aus welchen Gründen auch immer. Beide sind zutiefst gelangweilt von der Welt, weil sie ihren Mitmenschen weit überlegen sind. Sherlock findet seine intellektuelle Herausforderung in den Fällen, die er löst, Moriarty in seinen kriminellen Machenschaften. Da auch die ihn zunehmend langweilen, immerhin geht es nur darum, sich einen gewissen Ruf zu verschaffen und die richtigen Leute zu bestechen (so bricht er sogar in den Tower of London ein), sieht er in Sherlock Holmes seine letzte große Herausforderung. Ihn will er aber nicht einfach umbringen, sondern in einem wahnwitzigen Spielchen voll und ganz zerstören bzw., je nachdem wie Sherlock reagiert, von ihm den Beweis erlangen, doch nicht allein auf der Welt zu sein. Das Spielchen dreht sich um den Kitsch des Beruhens auf wahren Begebenheiten. Sherlocks Ruhm begründet sich auf einem Blog, das Dr Watson über die gemeinsamen Erlebnisse schreibt. Der Blog ist deswegen so erfolgreich, weil er auf wahren Begebenheiten beruht. Moriarty inszeniert daraufhin, mit Hilfe einer unbedarften Sun-Reporterin, eine große Enthüllungsgeschichte. Es soll sich bei Sherlock Holmes um einen  Betrüger handeln, der alles nur erfunden hat. Diese Enthüllung wäre sein Tod als öffentliche Person. Am Ende will Moriarty ihn dazu bringen, Selbstmord zu begehen, weil der Schwindel aufgeflogen sei. Er versetzt Sherlock Holmes in eine Position, in der er, Moriarty, eigentlich nicht verlieren kann. Wenn Sherlock nicht bereit ist, Selbstmord zu begehen unter Inkaufnahme der Diffamierung seines ganzen Lebens und seiner Person als Lüge, dann, so Moriartys Schlussfolgerung, ist Sherlock nur ein ganz normaler Mensch. Denn für normale Menschen ist das schlimmste der Verlust einer jeden Anerkennung. Wenn Sherlock aber bereit ist, zu sterben und jede Anerkennungseinbuße auf sich zu nehmen, dann ist er kein gewöhnlicher Mensch, dann ist er wie Moriarty, und letztgenannter kann fröhlich grinsend sterben, weil er weiß, nicht allein gewesen zu sein auf der Welt. Beide lassen einander zumindest in dem Glauben an den jeweiligen Letztgrund ihrer Motivationen.

Die volle Tragweite des Showdowns ist nur in Verbindung mit der Gesamtkomposition von Sherlock zu verstehen. Es geht nämlich nicht nur darum, dass Sherlock sein öffentliches Image opfert, sondern auch darum, sich des Kitsches des Beruhens auf wahren Begebenheiten bedient zu haben, obwohl, so wir der Geschichte als Ganzer glauben, die, um es noch weiter zu verkomplizieren, auch uns nur aus Sicht des Dr Watson erzählt wird, in The Reichenbach Fall noch einmal klargemacht dadurch, dass uns die Geschehnisse aus Sicht von Watsons Erzählung beim Psychiater geschildert sind, seine von Watson im Blog geschilderten Taten ja tatsächlich mal auf wahren Begebenheiten beruhen. Die Wahrheit eines Sherlock Holmes, das hat Moriarty erkannt, hat es schwer in einer Welt des Kitsches, in der Wahrheitsansprüche nur noch als Schlagworte zur Vermarktung herangezogen werden. Eines der besten Zitate Moriartys hierzu: „I read it in the papers so it must be true. I love newspapers – fairytales – and pretty grim ones, too.” (eine weitere originelle Anspielung auf die Gebrüder Grimm, die sich gesellt zu zahlreichen anderen, wie zum Beispiel auf Johann Sebastian Bach, die wiederum interessant ist im Vergleich zur amerikanischen Version, die sich an Schubert abmüht – hiervon mal abgesehen wäre es aber schön, wenn künftig Kunst und insbesondere klassische Musik im Film nicht ausschließlich mit Massenmördern verknüpft werden).

Die Macher von Sherlock greifen hiermit ein Thema auf, das bereits Arthur Conan Doyles Literaturvorlage anreißt, die ironischerweise als „based on“ am Ende des Vorspanns auftaucht. Der Clou an den Sherlock-Holmes-Geschichten, der sie über erbauliche Detektivgeschichten bzw. „Krimis“ weit erhebt und zu großer Literatur macht, besteht in dem lediglich mittelbaren Zugriff auf die Geschehnisse, die Doyle dem Leser gewährt. Von Anfang an wissen wir, nicht unmittelbar beim Geschehen dabei zu sein, sondern auf die nachträglichen Aufzeichnungen von Dr Watson angewiesen zu sein. Dieser formale Kniff hat mindestens zwei bedeutende Dimensionen. Einmal wird das Erzählte schon durch die Form in seiner Überzeugungskraft relativiert und die Diskrepanz an Wahrheitsfähigkeit zwischen Kunst und Lebenssachverhalten schon formal in die Kunst mit hineingebracht. Außerdem bieten solche Konstellationen einem Schriftsteller die Möglichkeit, seine künstlerische Ausdruckswelt aufzuspalten. Der Beschreibende (also Watson) kann der Ordnend-Rationale sein, im Falle von Sherlock Holmes auch der, der für einen Bezug zum Leben und zu Menschen sorgt, der Beschriebene kann der ganz Verrückte sein, der aber ungeordnet nicht zu Kunst finden kann. Thomas Mann bedient sich dieser Technik im Dr Faustus, einem der größten Romane aller Zeiten, in dem es um einen Schriftsteller geht, der über einen Künstler schreibt. Beide sind Thomas Mann und beruhen somit auf wahren Begebenheiten.

Warum aber gewinnt Sherlock am Ende? Entweder beherrscht er das Spielchen doch noch besser als Moriarty und ist der klügere oder er gewinnt, weil er Freunde hat. Letztes klingt erst mal paradox, da ja die Bedrohung seiner Freunde ihn erst in die ausweglose Situation versetzt, Selbstmord begehen zu müssen. Aber nur vor dem Hintergrund dieser äußeren Situation kann er Moriarty besiegen. Sherlock opfert sein öffentliches Leben, sein Image für seine Freunde und bekommt dafür sein echtes Leben zurück. So gesehen ist Sherlock ein großer Held unserer Zeit (vergleichbar mit dem Dark Knight und dem Driver) und in der Tat „the best man, the most human being“, wie ihn Watson am Ende am Grab nennt. Er ist das einzige Individuum in einer Welt voll von Kitsch und Anerkennungsarschlöchern und erst der Verzicht auf sie macht ihn zu einem wahren Freund.