Melancholie auf Kunstsee (The Life Aquatic with Steve Zissou)

Kunst & Leben |

The Life Aquatic with Steve Zissou ist der meines Erachtens gelungenste unter vielen gelungenen Filmen des Regisseurs Wes Anderson. Dieser als absurde oder groteske Komödie beworbene Film ist einer der traurigsten Filme, die ich kenne und gleichzeitig einer der lustigsten, mit dieser Art von Humor, bei der man nicht lacht, aber eine innere Freude spürt, die sich jedoch, bevor sie in nach außen wirkende Handlung umschlägt, in der Grundschwere verflüchtigt, die der Film als Stimmung vermittelt. Der Film handelt von Kunst und Melancholie, wie sie sich bedingen und davon, dass es jenseits klar abgesteckter Pfade der Wahrheit und Sicherheit noch eine Welt gibt, die zwar kein Glück verheißt, die aber durchzogen ist von einer schwermütigen Schönheit, die aus dem allgemeinöffentlichen Diskurs längst verdrängt ist.

Der alternde Tiefseeforscher und Dokumentarfilmer Steve Zissou (Bill Murray), ein an Jacques Cousteau angelehnter Charakter, fährt mit seiner skurrilen Crew zu See und dreht Trash-Dokumentarfilme. Der Film beginnt mit der Premierenveranstaltung des neuesten Films, der davon handelt, dass Steves bester Freund und Kollege auf einer Expedition von einem Riesenhai, dem sogenannten Jaguar Shark, gefressen wird. Das Publikum ist konsterniert. Zissou hat seinen Zenit längst überschritten und dreht lächerliche Filme, mit schier vormodern anmutender Dramaturgie und hanebüchenen Geschichten. Der Jaguar Shark ist im Film nicht zu sehen und Steve kündigt eine Fortsetzung an, in der es darum gehen soll, dass er den Hai findet und seinen toten Freund rächt. Zum einen erntet er mit diesem Vorhaben tierschützerische Proteste, zum anderen glaubt ihm natürlich niemand – der Plot stinkt zum Himmel und ist unzeitgemäß, eine unausgegorene, kitschige Rachegeschichte, die in ihrer Ausbuchstabierung nicht an die Komplexitätserwartungen des heutigen Publikums heranreicht. Die Proteste gibt’s aber trotzdem. Kurz vor Abfahrt lernt Steve den jungen Piloten Ned (Owen Wilson) kennen, der der Sohn einer alten Affäre ist und dessen Vater er vielleicht ist. Steve nimmt Ned in diesem Glauben kurzerhand mit zur nächsten Expedition und macht ihn, sehr zum anfänglichen Missfallen vor allem des deutschen Ingenieurs Klaus, der in Steve einen Vaterersatz sieht, zum Mitglied seiner Crew. Zur Expedition stößt zudem die schwangere Journalistin Jane (Cate Blanchett), die ihrem ungeborenen Kind jeden Abend Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vorliest, um es pränatal zu bilden. Sie ist die einzige abseits der organisierten Fangruppierung, die sich noch für Steve interessiert. Auch bei ihr wird aber bis zum Ende nicht klar, worüber sie eigentlich schreiben will – Steves Kunst, Meeresforschung oder Steves Verfall. Die Reise ist voller Grotesken, die Charaktere schrullig und exzentrisch am Rande des Erträglichen und man erwischt sich immer wieder dabei, eingreifen zu wollen, um die Verrückten auf die richtige Bahn zu schubsen. Aber das wär ja witzlos. Die Charaktere des Films, den wir sehen, sind gleichzeitig die Charaktere des Films, den Steve Zissou dreht, es ist vielleicht sein letzter, der am Ende des Films, den wir sehen, so ist es oder so stellt es Steve sich vor, den wir nur sehen und der draußen auf der Treppe wartet, mit frenetischem Applaus gefeiert wird.

In The Life Aquatic geht es eher ums Filmemachen denn um die Meeresforschung. Stets wird uns vor Augen geführt, dass es sich bei dem, was wir sehen, um einen Film handelt, in diesem Fall um einen, in dem ein Film gedreht wird. Wir sehen die Sets des Films im Film, der Vorgang des Filmemachens wird uns gezeigt (zum Beispiel das Tonstudio, in dem nachsynchronisiert wird und in dem die portugiesischen Covers von David-Bowie-Songs als Score aufgenommen werden, die freilich auch Teil des Scores von The Life Aquatic sind). Auch die Charaktere thematisieren, bloß Charaktere im Film zu sein, beziehen sich dabei natürlich auf Steve Zissous Film, wir aber wissen, dass das auch für den Film gilt, den wir sehen.

Statt Proust könnte Jane auch prima Pirandello lesen, dem es in Sei personaggi in cerca d’autore von 1920 um ebendieses Thema ging. In diesem Stück tauchen sechs Personen bei einer Theaterprobe auf und verlangen vom Regisseur, sie als Theaterstück aufzuführen. Er lässt sich nach anfänglicher Irritation darauf ein und scheitert letztlich. Dabei geht es zum einen natürlich um die Grenzen der Kunst. Das aufgeklärt-moderne Publikum weiß, wenn es im Theater hockt, dass es im Theater hockt. Also brauchen wir nicht so zu tun, als könnten wir fremde Welten vorgaukeln und es schön aus seinem Alltag entführen. Durch die Einbeziehung der performativen Ebene (das, was man tut, indem man sich auf Inhalt bezieht, zum Beispiel das, was man tut, indem man eben ein Theaterstück aufführt oder einen Film macht) in die inhaltliche wird dieses Missverhältnis dem Zuschauer vor Augen geführt. Damit werden freilich auf der einen Seite Sinnerwartungen und solche des wohlfälligen Zusammenpassens an die Kunst enttäuscht. Wenn wir aber die performative Schnittstelle zwischen Kunst und Leben derart einreißen und in die Kunst reinziehen, hat das auch für das Leben Auswirkungen. Pirandello ging es nach eigener Aussage auch immer darum, die Absurditäten des Lebens auszuleuchten. Eine hiervon ist die Unmöglichkeit der Kommunikation, wenn man genauer hinsieht. Wir bräuchten nach damaliger Vorstellung einen relativ festen Hintergrund, vor dem wir uns bewegen und miteinander agieren, der ist aber nicht gegeben, weder in einer göttlichen Ordnung, noch in einer hinreichenden Einbettung in gesellschaftliche oder staatliche Verhältnisse, noch eben in der Kunst. Die größte Erwartung der damaligen Philosophie ging in Richtung Sprache, ein Unterfangen, das sich, bezogen auf die damalige Perspektive und die Hoffnung auf einen irgendwie von unserem Tun getrennten Hintergrund, mindestens als problematisch, wenn nicht zum Scheitern verurteilt herausgestellt hat.

Was ist nun Steve für ein Typ? Er ist ein Melancholiker. Melancholie, das wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft gleichgesetzt mit einer leicht beschwerten Stimmung, vielleicht auch mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber der Welt, im Endeffekt harmlos und gehört dazu, spricht sie doch für eine gewisse Tiefgründigkeit. Melancholie kann aber auch ein ernsthaftes psychisches Problem sein, eine Pathologie, die je nach Schwere ein glückliches Leben oder überhaupt ein Leben unmöglich machen kann. Melancholie hat viele Bedeutungsfacetten. Wie in Lars von Triers Melancholia besteht auch in The Life Aquatic eine Ebene darin, sich nicht bestimmten gesellschaftlichen Normen unterwerfen zu können und von den durch sie vermittelten Anforderungen in eine lebensferne Sphäre hinabgedrückt zu werden. Mehr noch als Melancholia, dort es nur angedeutet wird, setzt The Life Aquatic die Melancholie in Beziehung zur Kunst. Melancholie besteht nämlich auch dann, wenn man gesetzte Ziele nicht erreichen kann, dies vorher schon weiß und darauf reflektiert. Das mag bei ganz speziellen Zielen egal sein, kann man das diesbezügliche Scheitern ja einfach akzeptieren und sich andere setzen oder zum Erreichen gar nicht erst ansetzen. Aufs ganze Leben übertragen umnetzt die so verstandene Melancholie den Melancholiker jedoch mit einer unentrinnbaren Traurigkeit. Alles, wozu so einer im Leben ansetzt, ist von vornherein dazu verurteilt, im Stadium des Versuchs steckenzubleiben. Hier liegt auch eine Ähnlichkeit zum Idealismus, bei dem man nach klassischem Verständnis in einer Aporie endet, also der Unvereinbarkeit des Ideals mit der Wirklichkeit. Ein ernsthafter Melancholiker zählt diese Erwartung des Scheiternmüssens zu seinen integralen Persönlichkeitselementen und schleppt diesen Stein in allem, was er tut, mit herum. In der Kunst bzw. dem Künstler kommt diese Struktur besonders klar zum Vorschein. Der Künstler kann nie das Leben, an dem er aufgrund der ersten Spielart der Melancholie (um die es in Melancholia geht) nicht so recht teilnehmen kann, durch die Kunst ersetzen. Da wir uns lange von einem mimetischen Kunstverständnis verabschiedet haben, nach dem die Kunst ein Imitat, eine Spiegelung des Lebens darstellen würde, bildet sie eine wie auch immer genau definierte eigene Sphäre mit eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Kunst als Ideal verstanden führt aber auch zu Melancholie. Denn eine Reinheit ohne all das Schlechte und Beschwerende des Lebens ist nie erreichbar. Die Kunst, mag sie in ihrem Gehalt noch so sehr das Kontingente ihres Entstehens übersteigen, ist mannigfaltig mit dem Leben verbunden: durch die Biographie des Künstlers, die Entstehungsumstände, das Erfordernis eines Publikums – allesamt Faktoren, die das samtene Ideal mit kleinen Bröckchen Schmutz bekleckern. Was am Ende in die Tat umgesetzt wird, das fertige Produkt der Kunst, das der Welt begegnet, ist ein blasser Tupfer des Ideals, wie es noch schön unartikuliert im Bewusstsein des Künstlers entstanden ist. So lässt sich Hemingways The Old Man and the Sea verstehen, eine Geschichte, die nicht zufällig auch auf die Metapher des Meeres zurückgreift. Steve Zissou ist also ein Melancholiker, der nicht so recht am normalen Leben teilnehmen kann und der immer scheitert und dies auch weiß, es aber trotzdem machen muss. Er hält sich in einem im Vergleich zum normalen Leben unterkonkretisierten Graubereich auf, in dem ihm manch konventionelle Verpflichtung erspart bleibt, der das Unbekümmerte des gutstrukturiert Beisammenseins aber nicht bieten kann. Dieser Bereich hat den Vorteil, dass in ihm die Unterschiede nicht so klar sind, es gibt kein richtiges richtig und falsch, kein richtiges gut und böse, kein ja und nein. Das steht der Kunst grundsätzlich nahe. Wir wissen bis zum Ende nicht, ob Ned wirklich Steves Sohn ist, ob es den Jaguar Shark wirklich gibt (die Qualität der Animation spricht gegen ihn) usf. Steve spart sich so die ernsthaften, konkreten Gefühle. Weinen muss er erst beim Jaguar Shark, also bei der Kunst, nicht jedoch um Ned. Das ist auch ein bisschen unreif, eine Weigerung, am ausgemachten Leben teilzunehmen. Nicht umsonst sind viele seiner Fans Kinder, am Anfang macht Klaus‘ Neffe Werner ihm ein Geschenk, am Ende trägt Steve ihn die Stufen hinab, 12 ist nach eigener Aussage Steves Lieblingsalter. Die Tiefseemetapher ist bei alledem bewusst gewählt. So ein Melancholiker wie Steve und Ned zu sein, das fühlt sich ein bisschen an, wie dauernd fast zu ertrinken, immer beschwert durch das Wasser über einem, aber immer auch ein bisschen leicht auf dem Wasser unter einem. Richtig Luft bekommt man nicht. Steve und Ned gestehen sich, gerne unter Wasser atmen können zu wollen. Leider sind sie Menschen.

Aber nicht nur Wasser, nicht nur das Leben, nicht nur Literatur, nicht nur ein Film, auch so ein Text kann wie Wasser sein, von oben kam schon viel, aber irgendwie fühlt man sich auch ein bisschen leicht, vor dem Laptop sitzend, schreibend in meinem Fall oder lesend im anderen Fall und vielleicht trinkt man Kaffee dabei, vielleicht auch Wasser, vielleicht ein Glas Wein und man wundert sich, was das für Menschen sind und ob man vielleicht selber einer ist oder wer man eigentlich ist, hier so sitzend einfach nur vor einem Text, der in einem Moment noch nicht da war und trotzdem immer weiter fließt und dann denkt man darüber nach, wie das ist, darüber nachzudenken, worüber man gerade nachdenkt und dies zu lesen lässt einen erschaudern oder kalt und schon ist der Text zu Ende, Ende.