Unerwartet Kunst (Bob Dylan in München)

Kunst & Leben |

Bob Dylans Konzert in München am 26.10.2011 war ein Vorkommnis von Kunst, wie es heutzutage selten zu erfahren ist. Bob Dylan ist eine stets unsere Erwartung auf originelle Weise neu enttäuschende Festung der Individualität im Einheitsbrei der Allgemeinheit. Er ist einer der letzten großen Künstler und er stirbt hoffentlich nicht, bevor es wieder neue gibt.

Der Zustand der Kunst heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist ein erbärmlicher. Ebenso verhält es sich mit dem Bild des Künstlers in der öffentlichen Wahrnehmung. Das hat viele Gründe, die wahrscheinlich noch nicht abschließend überblickbar sind. Hier nur ein kurzer Abriss: Mit Blick in die Abgründe des 20. Jahrhunderts ist der Fortgang des Denkens und der Kunst in eine Schieflage geraten, die bei vielen Menschen zu Resignation und Indifferenz gegenüber Kunst und Denken geführt hat (siehe Inglourious Basterds). Die großen Köpfe sind zudem weitgehend in die Wirtschaft abgewandert (siehe Margin Call). Hinzu kommt ein ausufernder und zum Verbrauch führender Gebrauch des Begriffs des Künstlers. Jeder Heini, der ein Poplied nachsingt, wird im öffentlichen Diskurs hundertfach als Künstler bezeichnet, jeder Performer/Entertainer, im Grunde jeder, der keinem klassischen Ausbildungsberuf nachgeht, mag er noch so wenig können, noch so wenig aus seinem zufallsgeprägten Leben herausragen, wird, so er sich nicht schnell genug wehrt, als Künstler abgestempelt. Solche Leute sind die meiste Zeit „normal“, fassen dann, wenn ein Auftritt bevorsteht und andere Menschen die so gerichtete Erwartung haben, und wenn hierfür Geld winkt, den Entschluss, jetzt Kunst zu machen (siehe Man on the Moon), machen dann das, was sie für Kunst halten und kehren danach hinreichend unberührt wieder in ihre traut eingekrustete Mittelmäßigkeit zurück. Das ist alles sehr vorhersehbar und gefällig in unseren beinah schon irritationsimmunen Alltag eingekapselt. Diesen vereinnahmenden Tendenzen wohnt ein sich selbst beschleunigender Überschuss nach außen inne, der diese „innere“ Szene auf Kosten der „äußeren“ der Kunst stetig wachsen lässt. Ich denke, es gibt wohl immer noch ein paar wenige, die versuchen, sich dieser Vereinnahmung zu entziehen. Das wird aber immer schwerer, der mediale Druck wächst und die Toleranz gegenüber dem Anders- und Unbequemsein wird immer geringer, Hand in Hand mit der mangelnden Zeittoleranz, sich auf etwas nicht schon auf den allerersten Blick Vollverständliches einzulassen. Tiefergerichtete Interessen werden dagegen auf sehr spezielle Fachdiskurse ausgelagert. Dem geht das Argument einher, es gebe doch noch hinreichend viele Bereiche auf der Welt, in denen ein nach Tieferem lechzender Geist sich verwirklichen könne. Die, die die künstlerische Verwirklichung dennoch versuchen, scheitern meistens nach geraumer Zeit. Erforderlich wäre ein individueller Widerstand mit langem Atem, ein einsames, unglücklichmachendes Unterfangen. Die Integration kommt zudem, bei wirklich guten Leuten, als trojanisches Pferd daher, nicht unbedingt nur mit viel Geld, sondern auch mit der vorläufigen Zuschreibung, ein großer Künstler zu sein. Hier wird in der Regel eine zeitgebundene und vergängliche Konnotation mit untergejubelt, die ihre glättende Funktion erst dann entfaltet, wenn es schon zu spät ist.

Ähnliches ist auch Bob Dylan widerfahren. Er macht nun seit 50 Jahren Musik und hatte schon als sehr junger Mann Erfolg. Bereits sein zweites Album, The Freewheelin Bob Dylan, das unter anderem Blowin in the Wind beinhaltet, hat ihn zum Star gemacht. Noch schlimmer: Der junge Folksänger Bob Dylan, mit Klampfe , Mundharmonika und nölend-eindringlicher Stimme, wurde als Sprachrohr einer Jugendbewegung auserkoren und politisiert. Nicht zuletzt wegen seiner guten Texte und seiner von vielen wahrscheinlich als frisch empfundenen Art eignete er sich hierfür hervorragend. Er hätte diese Rolle akzeptieren, viel Geld verdienen und für eine gewisse Zeit eine gehörige Rolle im öffentlichen Bewusstsein der Vereinigten Staaten, vielleicht auch länderübergreifend spielen können. Sein Leben als Künstler wäre, das wird immer ein bisschen unterschlagen, damals, mit 25 Jahren, indes vorbei gewesen. Er hat sich diesem überbordenden Anspruch durch eine radikale Enttäuschung der Erwartungen entzogen. Er begann, elektrische Gitarren einzusetzen und mit einer Band aufzutreten, eine Maßnahme, die, man mag es aus heutiger Sicht kaum glauben, auf heftigste Ablehnung durch seine selbsternannten Fans geführt hat. Er wurde ausgebuht, als Judas beschimpft (hier wurde die Folkmusik mit Jesus verglichen, sowie heute Fußballvereine mit Jesus verglichen werden) und mit Eier und Mehlbeuteln beschmissen. Aber auch für seine rockige Periode stand bereits eine sogenannte Gegenkultur bereit, die ihn politisch für sich und gegen die Kultur des aus ihrer Sicht alten Schlags hernehmen wollte. Letztlich veröffentlichte Dylan 1970 ein Doppelalbum, das schlecht und einfältig ist, vielleicht absichtlich, um auch mal die Erwartung darauf zu enttäuschen, dass er immer gute Lieder schreibe. Zudem begann er Mitte der 70er Jahre, seine Stücke für Konzerte jeweils völlig neu zu arrangieren. Die nächste Enttäuschung brachte er den sogenannten Fans durch seine Hinwendung zum Christentum bei. Gemeint ist das vor allem künstlerisch, über sein Leben wissen wir nichts außer äußere Randdaten, es gibt auch kein Leben innerhalb, außerhalb oder jenseitig. Die Kunst hat keine äußeren Grenzen. Nach einer Durstrecke in den 80ern versucht man seit den 90ern vermehrt, ihn durch Preise kleinzukriegen. Die größte Drohung stellt hier der Literaturnobelpreis dar, für den er immer wieder mal gehandelt wird.

Dylans Bild in der Öffentlichkeit, nach all den gescheiterten Versuchen der Vereinnahmung, ist heute in etwa das folgende: Er ist ein bedeutender Liedermacher, der ein ganzes Genre salonfähig gemacht hat und jeder heute wirkende Liedermacher hat in ihm ein Vorbild. Er singt auf eine komisch amüsante Art, gerne benutzt er die akustische Gitarre und eine Mundharmonika. Das herausragende an seinem Werk sind die Texte, die für einen Musiker ungewöhnlich lyrisch sind. Hierfür hätte er vielleicht sogar mal den Nobelpreis verdient. Und außerdem hat er viel für andere Musiker geschrieben, sodass man oft gar nicht weiß, welche Lieder  überhaupt alle von ihm sind (zum Beispiel dieses eine aus dem Film über Johnny Cash und seine große Liebe, die Dings).

Beim Konzert in München hat er dieses Bild attackiert, hierbei alle an ein Konzert im generellen sowie speziell an ihn gerichteten Erwartungen enttäuscht. Sofern man sich nicht vom vorzeitigen Abgang einiger enttäuschter Fans  und dem Zuspätkommen einiger anderer ablenken ließ, konnte man Zeuge von großer Kunst werden. Nachdem Mark Knopfler mit Band als „Vorband“ aufgetreten war und eine musikalisch hervorragende, sonst nicht weiter herausragende Vorstellung abgeliefert hatte, kam Bob Dylan denkbar unspektakulär mit Knopfler und eigener Band auf die Bühne und fing an zu musizieren. Es gab keine Grußworte, kein Gelaber zwischen den Liedern, kein „Hallo München wie geht’s euch“, nichts vergleichbar Ärgerliches, was sonst zum unumstößlichen Kanon eines Rockkonzerts zu gehören scheint. Am Ende war das Konzert einfach aus, keine Zugabe, nichts. Die Stücke wurden in teils hochkomplexen Arrangements vorgetragen, von außergewöhnlichen Musikern, stets von Dylans minimalistischer Aura geleitet. Auf Text und Gesang hat er weitgehend verzichtet, sodass viele bei manchen Liedern lange gebraucht haben, überhaupt zu verstehen, worum es sich handelt. Meiner Meinung nach den Höhepunkt bildete das irgendwo zwischen Country und Walzer anzusiedelnde Arrangement von A Hard Rains a Gonna Fall, sicher auch ein Seitenhieb auf heute verbreitete Weltuntergangsphantasien. Vom Text war kaum etwas zu merken, bloß ein arhythmisches, nach Kehlkopfkrebs klingendes Krächzen überlagerte ab und an die beschwingten Klänge. Kein lakonisches Genäsele mehr, kein „er muss ja gar nicht so gut singen können, weil die Texte schon so gut sind“. Die Mundharmonika wurde schon auch angesetzt, stets mit Zwischenapplaus, aber doch eher unmotiviert und genau in dem Moment abgebrochen, in dem man sich daran gewöhnt hatte und gerade mitschunkeln wollte. Man konnte nicht mitsingen, selbst wenn man das Lied erkannt hatte, und nicht mitklatschen, da die Rhythmen stets zur rechten Zeit gewechselt wurden.  Am Schluss haben wir zwei Konzerte gesehen: Ein enttäuschendes eines alternden Künstlers, der die Stimme verloren hat, der sich nicht mehr bemüht, seine alten, schönen Lieder verständlich vorzusingen, der auch ein bisschen kurz auftritt und nicht mal eine Zugabe spielt. Viele Lieblingslieder, aus der guten alten Zeit, haben gefehlt. Auf der anderen Seite habe ich ein Konzert eines großen Musikers, eines genialen Künstlers gesehen, der konsequent und radikal die Erwartungen der Welt enttäuscht und dem es, nach allem, egal ist, wenn von 8500 Leuten die Hälfte unbefriedigt heimgeht. Ein drittes von Mark Knopfler freilich auch.

Bleibt die Frage, wie Bob Dylan es geschafft hat, sich alldem zu widersetzen. Zum einen kann er es sich erlauben, weil er so gut ist. Die Konzerte sind ja noch immer weitgehend ausverkauft, obwohl sich seine Art des Konzertierens lange herumgesprochen haben muss. Vielleicht hat er es sich, dann auch politisch, zum Auftrag gesetzt, in einer Welt, die immer mehr auf Angleichung setzt, nicht durch Theorie, sondern durch ein von vielen wahrgenommenes Leben einen Kontrapunkt zu setzen. Ich denke, dass Bob Dylan seit jeher dem landläufig als normal empfundenen Leben so entfremdet ist, dass er fast keine Wahl hatte. Er ist einer der wenigen Menschen, deren Persönlichkeit nicht zum herkömmlichen Verlauf der Dinge passt. Als junger Mann hat er konservative Musik bloß mit Gitarre und Mundharmonika gemacht, heute, mit 70, macht er überbordende, rockige, deutlich jugendlicher wirkende Musik als früher, die freilich durch seine vom langen Leben gezeichnete Stimme konterkariert wird. Im Lied My back Pages, eine Art erster großer Rückblick auf seine Kunst, heißt es im Refrain:  But I was so much older then, I’m younger than that now. Wir haben in München einen 70jährigen gesehen, der so viel frischer, so viel origineller, aufwiegelnder, moderner ist als alles zusammen, was momentan als ordentlich vollgesaugte Sättigungseinlage in der Konsensbrühe „Kunst“ süppelt.

Sein letztes Lied in München war Blowin in the Wind, was kaum zu erkennen war. Beim Auftritt kam kaum Text vor, geschweige denn Gesang. Trotzdem können wir ihn uns einmal mehr ins Gedächtnis rufen. Es ist halt nicht nur das Allgemeine, Politische, nicht nur die Cannonballs und die White Doves, auch nicht nur „man“ überhaupt, sondern „a man“, ein einzelner Mensch und der kommt nicht nur im Lied zuerst. Der junge Bob Dylan fragt in der zweiten Strophe: How many years can a mountain exist before it is washed to the sea? Stand heute: Mindestens 70 Jahre.